« sagte er und füllte den Kindern die Händchen mit Bonbons . » So - nun geht wieder hinunter ! Der Papa hat viel zu schreiben . « » Und der Schlüssel , Papa ? Hast du den ganz vergessen ? « fragte die kleine Margarete . » Tante Sophie will jetzt gleich hinauf und die Fenster aufmachen . Sie sagt , es käme kein Regen , und die Nachtluft müßte einmal so recht durchfegen ; und morgen sollen die Stuben und der Gang gescheuert werden . « Herr Lamprecht wurde rot vor Aerger . » Zum Henker mit dieser ewigen Scheuerei ! « brach er los und fuhr ungeduldig mit der Hand durch sein reiches Haar . » Vor einigen Tagen hat der Flursaal förmlich geschwommen , und das Scharren und Kratzen der Scheuerwische brummt mir heut noch in den Ohren ... Daraus wird nichts ! Gehe du nur hinunter , Gretchen , und sage der Tante , das habe Zeit , ich würde selbst mit ihr sprechen ! « Die Kinder trollten sich , und auch die Frau Amtsrätin zog die Pelerine fester über die Schultern , um zu gehen . Sie verabschiedete sich in ziemlich gemessener Weise . Ihre Herzensbeklemmung war sie nicht losgeworden ; der Herr Porzellanmaler saß fester als je im Packhause , und der sonst so ritterlich galante Schwiegersohn fing an , recht unangenehm bockbeinig zu werden . Und auch jetzt , trotz seiner respektvollen Verbeugung , zeigten seine Augen nichts weniger als Reue und Abbitte - weit eher die heimliche , brennende Ungeduld , allein zu sein . - Sichtlich geärgert rauschte sie hinaus . Er blieb bewegungslos mitten im Zimmer stehen . Draußen fiel die Flurthüre ins Schloß , dann trippelten die Goldkäferschuhchen Stufe um Stufe aufwärts ; er horchte , bis auch der letzte Laut im hallenden Treppenhause erstarb - dann sprang er mit einem Satze an den Schreibtisch , riß die Briefmappe an sein Herz , an seinen Mund , strich mit der Hand wiederholt über das kleine Aquarellbild , als wolle er den Blick der alten Dame , der darauf geruht , fortwischen , und verschloß die Mappe in den Schreibtischkasten . Das war das Werk einiger Sekunden gewesen . Gleich darauf war das Zimmer leer ... Dafür kamen bald leichte Abendschatten herein ; der Rosaschein erblaßte , und im Zwielicht wurde das von der Wand herniedersehende Bildnis der verstorbenen Frau Fanny unheimlich lebendig , so sprechend lebendig , als werde die lebensgroße Gestalt im nächsten Augenblick die graue Atlasschleppe aufnehmen und auf den Teppich herniedersteigen , um , grau und hager und die großen Augen voll leidenschaftlichen Feuers , dahinzuhuschen , wie - die selige Frau Judith ... 4 Drunten in der Familienwohnung war man inzwischen mit den Strapazen des berühmten Bleichtages glücklich zu Ende gekommen . Bärbe hantierte bereits wieder in ihrer blitzblanken , geräumigen Küche und bereitete das Abendessen . Der Kalbsbraten wurde pünktlich besorgt und Salat und Kompotte hergerichtet ; aber es ging dabei nicht besonders friedfertig zu . Das Küchengeschirr klapperte verdächtig laut gegeneinander , Kartoffeln rollten und hüpften vom Küchentisch auf den Boden , und die Thüre der Bratmaschine rasselte auf und zu , als sollte sie aus den Angeln fliegen ... Jungfer Bärbe war in der grimmigsten Laune . Tante Sophie hatte ihr nochmals in ganz exemplarischer Weise den Text gelesen , weil sie die Waschfrauen mit ihrer drastischen Beschreibung des wackelnden Vorhanges so kopfscheu gemacht hatte , daß sie es ablehnten , die Scheuerei in dem spukhaften Flügel zu besorgen ... Also außer dem Schreck auch noch eine Strafpredigt für die alte Bärbe , die sich noch nötigenfalls totschlagen ließ für die Familie Lamprecht - Notabene , für Fräulein Sophie noch ganz extra ! ... War man denn wirklich so stockblind , so verrannt in Leichtsinn und Unglauben , daß man nicht sah , wie das Unheil schon über dem Hause stand , dick und kohlrabenschwarz wie das schönste Hagelwetter ? Hatte es nicht jedesmal Tod und Verderbnis zu bedeuten , wenn die Geister in dem dunklen Gange hin und her liefen ? Da brauchte man nur durch die Stadt zu gehen - jawohl , von Haus zu Haus konnte man gehen , und in den Damengesellschaften , wie bei den Weibern am Waschtrog , überall konnte man Dinge über das Unwesen in Lamprechts Hause zu hören kriegen , daß einem die Haare zu Berge standen . Aber da saß » man « nun urgemütlich drüben am Wohnstubenfenster und flickte dem Speisemeister in der Hochzeit zu Kana das zerrissene Gesicht wieder zusammen , als ob alles Heil der Welt von dem alten Tafeltuch abhänge und sonst nichts als eitel Sonnenschein im Hause wäre ! Na , immer zu ! Einmal kam ' s , das stand fest ! ... Und die Küchenkassandra griff bei diesem Monolog ab und zu nach einem großen irdenen Topf auf der Bratmaschine , um mit einem Schluck verspäteten Nachmittagskaffees den Aerger hinunterzuwürgen . » Man « saß übrigens nicht so urgemütlich am Wohnstubenfenster ; denn es war eine böse Aufgabe für Tante Sophiens kunstfertige Hand , die Züge des Speisemeisters wieder in die ursprünglichen Linien zu bringen , ohne daß die Stopferei sichtbar wurde . Und so überaus behaglich fühlte sich Margarete am anderen Fenster auch nicht . Die Heidelbeerflecken waren mittels einer sauberen Schürze dem beleidigten Auge entzogen worden ; dann hatte Tante Sophie die Kleine bei den Schultern gefaßt und sehr energischer Weise an den großen Tisch im Fensterbogen dirigiert . » So - nun werden die Schularbeiten gemacht ! Und Klexe gibt ' s nicht - nimm dich zusammen , Gretel ! « hatte sie gesagt . Da hieß es nun stillsitzen , inmitten der vier dicken Wände und den Federhalter fest umklammern , auf daß er nicht seine Extraspaziergänge auf dem weißen Papier mache ! ... Droben am Abendhimmel färbten sich die Schäferwölkchen rosenrot ; das Fenster stand offen und aus der gegenüberliegenden , bergansteigenden Gasse quollen ganze Ströme süßen Lindenblütenduftes herüber