trüben Tagen . Unendlicher Regen fiel vom Himmel , wir konnten nicht ins Freie . Anka , die mit einer großen Dosis Rastlosigkeit gesegnet war , machte sich Bewegung auf den Gängen . Ihr größtes Vergnügen fand sie darin , die unbewohnten Räume des Schlosses zu durchwandern . Oh , Fräulein ! Erlauben Sie , daß ich die antiken Zimmer aufsperren lasse , die antiken ! die antiken ! rief sie mit ihrer dünnen Fistelstimme und stieß das i so gellend heraus , daß es mir wie eine Nadel ins Ohr drang . Ach , was hatte ich oft zu tun , um die Ungeduld zu bemeistern , in die mich dieses Kind zu versetzen wußte ! Die Frau des Kastellans wurde geholt , erschien mit ihrer taubstummen Tochter und mit ihrem Schlüsselbunde und öffnete vor uns lange Galerien und weite Säle und kleine , winklige Stübchen , alles eingerichtet , alles angefüllt mit Möbeln , Geräten und Kunstwerken aus entschwundenen Jahrhunderten . Dieses Schloß , von außen so häßlich und kahl , ein viereckiger Kasten auf hohem Unterbau von zyklopischem Mauerwerk , mit plumpen Türmen , mit kleinen , unregelmäßigen Fenstern , barg in seinem Innern einen Reichtum an köstlichen Altertümern , der heutzutage den Stolz jedes Museums ausmachen würde . Damals legte man auf die Reliquien der Vorfahren geringen Wert ; man ließ sie an ihrer Stelle stehen , weil sie seit undenklichen Zeiten dastanden und niemand genierten . Liebe für diese Sachen besaß nur die Kastellansfamilie , in der sich die mit ihnen verknüpften Traditionen von Kind auf Kindeskind vererbt hatten . Unsere Führerin offenbarte jedoch höchst widerwillig ihre Kenntnis der Geschichte des gräflichen Hauses . Jede Auskunft , nach der man verlangte , mußte ihr abgerungen werden . Es hieß , sie habe zwischen ihrem verstorbenen Mann , der ein Schwätzer gewesen , und ihrer stummen Tochter das Sprechen verlernt . Auf meine Fragen antwortete sie gewöhnlich nur mit einem Nicken , auf die Ankas mit Ja oder Nein . Und dabei neigte ihre große , schattenhafte Gestalt sich ehrfurchtsvoll und feierlich , ihre blassen Lippen zitterten leise , und sie schien in Demut zu erstreben vor ihrer jungen Gebieterin , dem Sprößling so vieler Generationen , deren tote Schätze zu hüten ihre Lebensaufgabe war . Diese Huldigungen hatten etwas Unheimliches , wie das Weib , das sie spendete , und wie die Umgebung , in der wir uns befanden ; ich freute mich immer , wenn Anka sich endlich müde gegangen und geschaut hatte und wir in unsere doch auch nichts weniger als heitere Wohnung zurückkehrten . Am liebsten hätte ich aber wieder einmal frische Waldluft geatmet , und ich empfand es wie ein Gnadengeschenk des Himmels , als wir eines Morgens bei hellem Sonnenschein erwachten . Es war gerade der für die Abreise der Schloßgäste bestimmte Tag . Den jungen Herren brannte schon , wie ich durch Anka hörte , der Boden unter den Füßen . Sie wissen ja , in welcher Zeit wir damals lebten . Österreich bereitete sich zu neuem Kriege gegen Napoleon vor . Man hat ihn später den Koalitionskrieg genannt ; warum weiß ich nicht , da wir ihn doch ganz allein ausfechten mußten . Eine Kampfbegeisterung ohnegleichen war im ganzen Lande entbrannt , alle Provinzen rüsteten . Was jung war oder sich so fühlte , arm und reich , niedrig- und hochgeboren lief zu den Fahnen , die jüngsten Knaben wünschten Männer zu sein , um zu den Waffen greifen zu können gegen den Zwingherrn der Welt . Am wütendsten gehaßt in unserm Hause wurde dieser von der legitimistisch gesinnten Francine . Sie blies ihre Gefühle auch der kleinen Anka ein , die nur noch von der Vernichtung des Emporkömmlings träumte , zu der ihre drei jungen Oheime das meiste beitragen sollten . Die Brüder der seligen Gräfin waren im Begriff , sich in Wien für die Dauer des Feldzugs anwerben zu lassen , Graf Stephan begab sich zu seinem Regiment . Die Stunde der Abreise kam , die Wagen fuhren vor , und Anka wurde zum Grafen gerufen , um Abschied von ihren Verwandten zu nehmen . Sie hatte unser Zimmer kaum verlassen , als ich im Vorgemach die Stimme des Grafen Stephan hörte , der eine Frage an die Kammerfrau richtete , ohne die Antwort abzuwarten vorwärts eilte und plötzlich vor mir stand . Wo ist Anka ? Ich möchte ihr Lebewohl sagen , sprach er , und als ich erwidert hatte , sie sei bei ihrem Vater , stieß er mühsam das Bekenntnis hervor , das habe er gewußt und eben deshalb sei er gekommen . Er wolle nicht mehr lügen , er sei fertig mit der Lüge für alle Zeit . Er wisse , wie schlecht meine Meinung von ihm sei , und würde sie gern verbessert haben , nicht durch Worte , sondern durch seine Lebensführung . Dazu brauche es aber Zeit , und so wolle er jetzt dennoch sprechen . Ich bin nicht so verworfen , wie Sie denken . Mein ganzes Unrecht war , daß ich nicht den Mut hatte , einer - glauben Sie mir ! - unschuldigen Jugendschwärmerei ein Ende zu machen , zu sagen : Es ist aus ! ... Die Ehre eines andern habe ich nie verletzt . Glauben Sie mir ! ... Ich stehe vielleicht bald vor Gott . Glauben Sie mir auch , daß ich einen Ekel an meinem Treiben empfand von der Stunde an , in der ich Sie kennengelernt habe . Leben Sie wohl , Fräulein Helene . Wenn ich wiederkomme , werde ich ein Besserer geworden sein . Erlauben Sie mir , Ihnen dann in Ehrfurcht zu nahen . Wenn ich nicht wiederkomme , wenn Sie hören , daß ich tot bin , beten Sie ein Vaterunser für mich . Er schwieg und bot mir die Hand . Unwillkürlich zog ich die meine zurück ... Ich sah ihn erbleichen , und bevor ich mich besann , bevor ich ein Wort des Abschieds sprechen