» Hat er den Vorschlag gemacht ? « rief Gottfried . » Ich wünsche es ! « entgegnete sie rasch . » Warum ... Mißtraust du ihm ? « » Vielleicht nur mir « , war ihre Antwort . Scheinbar völlig ruhig begab sie sich an die Arbeit . Kurze Zeit , nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt , schien Hermann ganz zu ihr zurückzukehren . Er hatte eine große Täuschung erlitten , er fand Trost bei ihr , die seinen Schmerz tiefer empfand als er selbst . Sein gesunkener Mut wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben , und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein . Die Huldigungen , die ihm dargebracht wurden , wollten bezahlt werden , sie forderten ihren Lohn , machten Ansprüche auf die Persönlichkeit , auf die Zeit des Dichters . Verwandte , die sich vor Jahren von ihm losgesagt hatten , erinnerten sich plötzlich , und erinnerten ihn , daß er zu ihnen gehöre . Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers sprach , hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an , die gescheite Leute für Künstlerlaunen besitzen . Halwig begann sich einzubilden , daß er seine Braut nur um den Preis schwerer Opfer , harter Kämpfe werde heimführen können . Er ersparte und verschwieg ihr nichts ; kein noch so herbes Urteil , das Menschen über sie fällten , die sie nie gesehen , kein Bedenken derjenigen , denen er früher aus dem Wege gegangen und die er jetzt » die Seinen « nannte . Er schrieb diese grausame Offenheit dem unbegrenzten Vertrauen zu , das er für Lotti empfand , und die bestärkte ihn darin . Sie wußte , daß sie seine Liebe verloren hatte , aber den Schatten derselben , dieses Vertrauen , das ihr sein Herz öffnete , sie seine geheimsten Gedanken kennen ließ , an dem hielt sie fest , das hütete sie wie das heilige Feuer , wie ihr Lebenslicht . Als ob ihre Liebe in dem Maße wüchse , in dem die seine abnahm ; als ob er sie durch Qual fester an sich ketten würde , wachte sie über dem kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld . Ein Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr , was der Mutter ein Lächeln ihres sterbenden Kindes ist . Endlich kam die Stunde , in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte , in welcher ihr glühender Entsagungsmut sie verließ . Nach jahrelangem Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden . Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele dessen erkaufen , den sie so sehr geliebt hatte . Sie tat es an einem Tage , an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich , so warm , so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt wie in der Frühlingszeit ihrer Liebe . Er war länger verweilt , als er beabsichtigte , und sprang erschrocken auf , als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen . » Ich sollte längst fort sein ! « rief er , » aber gleichviel ... ... Bei dir versäume ich nichts , ich gehe immer reicher , besser , als ich gekommen bin ... Ich bin ein Narr , so selten zu kommen . « Sie traten beide an das geöffnete Fenster , durch welches die sanft bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinflutete . Die Sonne hatte sich hinter einer schweren Wolke verborgen , aber ihr Widerschein säumte den Horizont mit Purpurstreifen . Breite , goldige Lichter lagen auf den Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen Dünste , die von den Bergen herzogen und den östlichen Teil der Stadt schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten . Drüben am Kai jagte Wagen an Wagen vorbei , drängte und tummelte sich das Menschengewühl , indes der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte . » Die Aussicht hab ich lieb « , sprach Halwig , » ich sehe gern das Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat recht , seine hohe , alte Warte nicht zu verlassen , wenn es ihm auch manchmal schwerfallen mag , sie zu erklimmen ... Leb wohl - das heißt auf Wiedersehen ! « » Nein , nein « , sagte Lotti hastig , » es heißt leb wohl ... « Eine brennende Röte bedeckte ihre Wangen , und sie umspannte mit beiden Händen die Hand , die er ihr gereicht . » Wir wollen scheiden , wir müssen ... als gute Freunde , aber für immer . Gib mir mein Wort zurück , wie ich dir das deine zurückgebe , Hermann ... « » Was ficht dich an ? « fragte er . Sein Ton klang vorwurfsvoll , allein ein Blitz feuriger Überraschung , kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre , hatte während ihrer vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet . » Ich kann deine Frau nicht werden « , fuhr sie fort , rascher jetzt und mit fliegendem Atem : » Schon lange wollte ich dir das sagen ... Ich ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht trennen , kann auch die Lebensweise nicht aufgeben , an die ich gewöhnt bin von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ... « » Ich meinte dir noch viel lieber zu sein ! « rief er und setzte in unaussprechlicher Verwunderung hinzu : » Du gibst mich auf ? ! ... Du - mich ? ! « » Du wirst dich darein fügen - nicht wahr ? ... Sage nicht , daß es dir unmöglich ist ! « Sie richtete die Augen fest auf ihn , und die seinen senkten sich . Es flog ihm durch den Sinn , daß sie ihm untreu geworden , daß sie einen andern liebe , aber sogleich mußte er lächeln über diesen Verdacht . Er fragte sich , ob sie ihn auf die Probe stellen wollte , fragte sich auch ,