große , fast einen Halbkreis bildende Fenster , das einen Blick auf den Kirchhof und weiter hügelabwärts auf einzelne zerstreute , wie Vorposten ausgestellte Hütten und Häuser des Dorfes gestattete . Neben diesem Fenster , hart an der Kirchwand , stand ein Eibenbaum , der von der Seite her die längsten seiner Zweige vorschob und regelmäßig an die Scheiben klopfte , wenn Pastor Seidentopf seine dreigeteilte Predigt den Hohen-Vietzern ans Herz legte . Lewin setzte sich immer so , daß er einen Blick auf das Fenster frei hatte . Er stand wohl fest auf dem Catechismo Lutheri , wie alle Vitzewitze , seitdem die gereinigte Lehre ins Land gekommen war , aber da war doch ein anderes in ihm , das ihn von Zeit zu Zeit trieb , mehr auf den Eibenbaum draußen als auf die Stimme von der Kanzel her zu achten , wäre diese Stimme auch mächtiger gewesen als die seines alten Lehrers und Freundes , dem die sonntägliche Erbauung oblag . Die Sonne schien hell , und ein einfallendes Streiflicht erleuchtete in plötzlichem Glanz die halbe Nordwand , vor allem das große Grabdenkmal dem herrschaftlichen Chorstuhl gegenüber . Die lebensgroßen Figuren waren wie von rosigem Leben angehaucht . Lewin hatte die Schönheit dieses Bildwerkes nie so voll empfunden ; er las die langen Inschriften , wie er sich gestand , zum ersten Mal . Der Gesang schwieg ; schon während des letzten Verses war Prediger Seidentopf auf die Kanzel getreten , ein Sechziger , mit spärlichem weißen Haar , von würdiger Haltung und mild im Ausdruck seiner Züge . Lewin hing an der wohltuenden Erscheinung , senkte dann den Blick und folgte in andächtiger Betrachtung dem stillen Gebet . Die Gemeinde tat ein Gleiches , neigte sich und schaute voll herzlichem Verlangen zu ihrem Geistlichen auf , als dieser sein Gebet beendet und sein Haupt wiederum erhoben hatte . Denn die Gemüter waren damals offen für Trost und Zuspruch von der Kanzel her und rechneten nicht nach , ob die Worte lutherisch oder kalvinistisch klangen , so sie nur aus einem preußischen Herzen kamen . Das wußte Seidentopf , der in gewöhnlichen Zeiten manche Widersacher unter den strenggläubigen Konventiklern seines Dorfes zu bekämpfen hatte , und ein heller Glanz , wie ihn ihm die innere Freude gab , umleuchtete seine Stirn , als er nach Lesung des Evangeliums die Textesworte zu erklären begann . Er sprach von dem Engel des Herrn , der den Hirten erschien , um ihnen die Geburt eines neuen Heiles zu verkünden . Solche Engel , so fuhr er fort , sende Gott zu allen Zeiten , vor allem dann , wenn die Nacht der Trübsal auf den Völkern läge . Und eine Nacht der Trübsal sei auch über dem Vaterlande ; aber ehe wir es dächten , würde inmitten unseres Bangens der Engel erscheinen und uns zurufen : » Fürchtet euch nicht , siehe , ich verkündige euch große Freude . « Denn das Gericht des Herrn habe unsere Feinde getroffen , und wie damals die Wasser zusammenschlugen und » bedeckten Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao , daß nicht einer aus ihnen übrigblieb « , so sei es wiederum geschehen . An dieser Stelle , auf das Weihnachtsevangelium kurz zurückgreifend , hätte Pastor Seidentopf schließen sollen ; aber unter der Wucht der Vorstellung , daß eine richtige Predigt auch eine richtige Länge haben müsse , begann er jetzt , den Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Pharao bis in die kleinsten Züge hinein durchzuführen . Und dieser Aufgabe war er nicht gewachsen . Dazu gebrach es ihm an Schwung der Phantasie , an Kraft des Ausdrucks und Charakters . Schemenhaft zogen die Ägypterscharen vorüber . Die Aufmerksamkeit der Gemeinde wich einem toten Horchen , und Lewin , der bis dahin kein Wort verloren hatte , sah von der Kanzel fort und begann seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuzuwenden , vor dem jetzt ein Rotkehlchen auf der beschneiten Eibe saß und in leichtem Schaukeln den Zweig des Baumes bewegte . Nur Berndt folgte in Frische und Freudigkeit der Rede seines Pastors . Seine eigene Energie half nach ; wo die Konturen nicht ausreichten , zog er seine scharfen Linien in die unsicher schwankenden hinein . Was als Schatten kam , wurde zu Leben und Gestalt . Er sah die Ägypter . Bataillone mit goldenen Adlern , Reitergeschwader , über deren weiße Mäntel die schwarzen Roßschweife fielen , so stiegen sie in endlos langem Zuge vor ihm auf , und über all ihrer Herrlichkeit schlossen sich die Wellen des Meeres . Nur über einem schlossen sie sich nicht ; er gewann das Ufer , ein nördliches Eisgestade , und siehe da , über glitzernde Felder hin flog jetzt ein Schlitten , und zwei dunkle , tiefliegende Augen starrten in den aufstäubenden Schnee . Pastor Seidentopf hatte keinen besseren Zuhörer als den Patron seiner Kirche , der - und nicht heute bloß - die freundlich schöne Kunst des Ergänzens zu üben verstand . Aus der Skizze schuf er ein Bild und glaubte doch dies Bild von außen her , aus der Hand seines Freundes , empfangen zu haben . Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen , die Predigt selbst geschlossen . Da trat der Pastor noch einmal an den Rand der Kanzel , und mit eindringlicher Stimme , der sofort alle Herzen wieder zufielen , hob er an : » Mit Christi Geburt , die wir heute feiern , beginnt das christliche neue Jahr . Ein neues Jahr ; was wird es uns bringen ? Es wissen zu wollen wäre Torheit ; aber zu hoffen ist unserem Herzen erlaubt . Gott hat ein Zeichen gegeben ; mögen wir es zum Rechten deuten , wenn wir es deuten : er will uns wieder aufrichten , unsere Buße ist angenommen , unsere Gebete sind erhört . Die Geißel , die nach seinem Willen sechs lange Jahre über uns war , er hat sie zerbrochen ; er hat sich unserer Knechtschaft erbarmt ,