, wie aus einem Traume erwachend , die Verworfenheit und Verwahrlosung , die Mißgunst und Herzenshärtigkeit , gegen welche er als Streiter in seinem Amt berufen war , und gegen welche sein Rüstzeug sich wieder einmal als falsch gewählt und stumpf erwiesen hatte . Seine Streiche waren in die Luft geführt worden . Er stand nicht als ein Hirt , aber als ein Fremdling unter seiner Herde . Wohl dann dem edlen Mann , daß er in solchen Stunden des Verzagens seine Blumen , seine Kinder und ein Weib wie seine Hanna hatte ! Als er von seinem leidvollen Gange heimkehrte , stand in der Laube der Kaffeetisch gedeckt ; die beiden Neugeborenen schlummerten unter dem Wiegenhimmel , die drei , welche im Hause noch Kinder hießen , spielten zwischen ihren Blumenschwestern ; Lorchen reichte dem Vater den herzaufmunternden Trank , Dorchen - heute ausnahmsweise zwischen Blumen und Kindern - das lange Rohr mit dem kopfaufräumenden Kraut ; und dann krüllten sie die ersten Sommererbsen aus , die Luischen inzwischen gepflückt , plauderten , neckten sich , lachten nach glücklicher junger Mädchen Art. Der Vater aber blieb in sich gekehrt , und die Mutter , die schäffternd ab und zu ging , ließ ihn still sich austrauern . Erst als gegen Abend das junge Volk samt Wiege und Kaffeezeug sich in das Haus verzogen hatte , setzte sie sich mit dem Vorsatze der Ausdauer an seine Seite . Es galt eine Abmachung zwischen ihnen , für welche , obgleich der Plan fix und fertig vor ihr lag , sie ihm klüglich das erste Wort vergönnte . Da Vater Klaus neben allen übrigen Elternpflichten sich auch der ersten begeben zu haben schien , fiel die Sorge für die Aufnahme seines Sohnes in den heiligen Christenbund des Kindes Pflegern anheim . Die Vereinigung der Feier mit der des eigenen Töchterchens lag aus gemütlichen Gründen beiden Gatten nahe , empfahl sich aber auch aus praktischen Gründen . Der Mutter ersparte sie ein zweimaliges Kuchenbacken , dem Vater eine zweimalige Taufrede . Denn Stegreifsreden , frei aus dem Herzen heraus , hätte Pastor Blümel ohne Anstrengung wohl Tag für Tag halten mögen ; für sakramentale Amtshandlungen arbeitete er aber die Vorträge gewissenhaft aus und memorierte sie bis auf das Tz ; von allen Seelenkräften aber war Pastor Blümel , nächst dem Rechensinn , mit dem Gedächtnissinn am kürzesten gekommen . So wurde denn ohne Einwände festgestellt , daß der zehnte Hirtensohn und das siebente Pfarrtöchterchen am Evangelientage von der brüderlichen Versöhnung gleichzeitig durch das Taufbad für ihr Erdenwallen zum Himmel gereinigt werden sollten . Auch bei der Patenwahl stieß man nur auf einen einzigen Haken . Schwester Luischen würde selbstverständlich für zwei junge Christen noch viel lieber als für einen dem Teufel und seinen Werken entsagt haben ; von dem Amtsbruder Kurze in Bielitz durfte man sich eines Gleichen versehen , zumal wenn für den Ärmling ausdrücklich auf das Eingebinde verzichtet wurde ; auch die gute Freundin Mehlborn hätte zu der doppelten Pflichtenübernahme sicherlich lächelnd mit dem Kopfe genickt , wenn nur durch Kirchenordnung wie Sitte für einen Knaben nicht mindestens zwei männliche Zeugen geheischt worden wären . Wer sollte nun dieser zweite männliche Zeuge sein ? Der Amtmann wäre der nächste und beste , meinte die Pastorin . Das gab der Pastor zu ; aber der Amtmann stand nun einmal nur bei Honoratioren Gevatter . Das gab wiederum die Pastorin zu , um so mehr als sie mit der Schachtarbeit für den Frey vor der Hand leider ihren letzten Trumpf gegen den Hochmutsnarren ausgespielt hatte . Nach einer nachdenklichen Pause hob sie , wie von einem Einfall durchzuckt , von neuem an : » Es ist nicht lange her , Konstantin , da rühmtest du mir als eine echte Königssitte , daß Seine Majestät die Patenschaft bei jedem siebenten Sohne , und wäre es der des ärmsten Schächers , übernähme . « » Übernahm , Hanna , « versetzte Pastor Blümel , der seine kleinmütige Stimmung noch nicht überwunden hatte . » Übernahm , als unser Staat arm an Männern geworden war und Kindersegen für einen Landessegen galt . Wohl möglich , daß nach unserem Wachstum und einer Reihe gedeihlicher Friedensjahre eine veränderte volkswirtschaftliche Anschauung den patriarchalischen Brauch verdrängt hat . Sieben Kinder sind heutzutage keine Seltenheit , Hannchen . « » Aber zehn Söhne sind es , Konstantin . Wags , bitte den König zu Gevatter , Freund . « Pastor Blümel schüttelte den Kopf . » Kannst du dir eine Vorstellung machen , Hanna , in welchem Maße unser gütiger , hoher Herr mit Bittschriften jeglicher Gattung und nicht bloß aus niedrigem Stande behelligt wird ? « fragte er ; worauf seine Hanna lachend erwiderte : » Ob ich mir eine Vorstellung davon machen kann ? Habe ich etwa nicht in vornehmen Häusern konditioniert ? Gnadengesuche heißt bei denen , die es nicht bedürfen , was bei denen , die es bedürfen , Bettelbriefe heißt ; just so wie den Armen kleine Notschulden schänden , aber den Reichen große Luxusschulden nicht . So steht es nun einmal geschrieben im Kodex der großen Welt . Aber was haben wir damit zu schaffen , lieber Konstantin ? Bittest du denn für dich oder eines der Deinen ? « » Gott verhüte das Elend , das mich zu diesem Äußersten treiben könnte ! « » Als Diener des Amtes bittest du den hohen Patron deiner Kirche für die hülfloseste Waise deiner Gemeinde ; als Ritter des Eisernen Kreuzes rufst du deines Kriegsherrn Protektorat an für den jüngsten Sprossen eines Geschlechtes , das bereits durch zwei kräftige Söhne unter des Königs Fahne vertreten ist und dermaleinst , wills Gott ! durch noch acht ebenso kräftige Söhne vertreten sein wird . Wer weiß , ob du durch diesen Patenbrief dem armen kleinen Jungen späterhin nicht eine Stelle im Militärwaisenhause erwirbst ! Konstantin , Herzenskonstantin , glaube mir , es gelingt ! Und selber , wenn infolge irgendeiner neumodischen Staatsmaxime die hohe Patenschaft abgelehnt werden sollte ,