- Und meint ihr , ich hätte von draußen herein nicht auch die Unruh der Kirchturmuhr gehört ? Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit übermäßig langen Rohren ; ferner eine Geige und eine alter Zither mit drei Saiten . Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräte , vom Stiefelzieher unter der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand . Der Kalender war von vorhergegangenem Jahre . Die Fenster waren bedeutend größer , als sie sonst bei hölzernen Häusern zu sein pflegen , und mit gepflochtenen Gittern versehen . In diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige . Da ich einen der blauen Vorhänge beiseite geschoben hatte , blickte ich hinaus ins Freie . Es war finster , nur von einer Ecke des Kirchhofes her schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes . Das war wohl das Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes . Der Regen rieselte ; es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich nach Hagelgewittern . Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten Tag aufgegeben . Ich beschloß , entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten , oder mittels eines Kohlenwagens wieder davonzufahren . Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft wochenlang die feuchten Nebel , während draußen im Vorlande der helle Sonnenschein liegt . Ehe ich mich ins Bett legte , wühlte ich noch ein wenig in den alten Papieren der Schublade herum . Da waren Musiknoten , Schreibübungen , Aufmerkblätter und allerhand so Geschreibe auf grobem , grauem Papier . Es war teils mit Bleistift , teils mit gelblichblasser Tinte , bald flüchtig , bald mit Fleiß geschrieben . Und da lagen zwischen Blättern gepreßte Pflanzen , entstaubte Schmetterlinge und eine Menge Tier- und Landschaftszeichnungen , auch eine Karte von Winkelsteg , zumeist gar recht unbeholfen gemacht . Aber ein Bild fiel mir doch auf , ein mit bunten Farben bemaltes , komisches Bild . Es stellte einen alten Mann dar . Der kauerte auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife . Auf dem Haupte , dessen Haare nach rückwärts gekämmt warn , hatte er eine plattgedrückte , schwarze Kappe mit einem breiten , wagrecht hinausstehenden Schilde . Aber ein Künstler war es doch , der das Bild gemacht ; im Ausdruck des Angesichts war er zu spüren . Aus dem einen Auge , das ganz offen stand , blickte eine ernste und doch milde Seele heraus ; aus dem andern , das halb geschlossen nur so blinzelte , sah ein wenig Schalkheit hervor . In einem Hause , aus dessen Fenstern lugen , ist ' s nicht gar sonderlich arm und öde . Über den , vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu rosig gehaltenen Wangen war es aber fast , als ob seinerzeit Wildbäche Furchen gerissen hätten . Völlig spaßhaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten Gesichte der lange weiße Spitzbart aus ; er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen . Um den Hals war ein hellrotes Tuch mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft . Dann kam der Wall des Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst , ein Frack mit niederstrebenden Taschen , aus deren einer der launige Künstler gar ein Zipfelchen hervorlugen ließ . Der Rock war eng zugeknöpft bis hinauf unter dem Eiszapfen . Die Hofe war grau , eng und sehr kurz ; die Stiefel waren auch grau , aber weit und sehr lang . - So kauerte das Männchen da und hielt mit beiden Händen genußselig das lange Pfeifenrohr , und schmauchte . Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch .... Der das Bild gemacht , ist ein großer Kauz gewesen ; nach dem es gemacht , der ist noch ein größerer gewesen . Einer oder der andere war sicher der alte Schulmeister , der auf unerklärliche Weise verschwunden , nachdem er fünfzig Jahre im Orte Lehrer gewesen . - » Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum , Tag und Nacht - zu jeder Stund ' ! « Ich stieg ins Bett und lag und sann . Ich ahnte freilich nicht , wer es gewesen war , der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht . Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben . Draußen rieselte der Regen , und doch lag eine Stille über allem , so daß mir war , als hörte ich das Atemholen der Nacht . - Ich war im Einschlummern ; da erhob sich plötzlich ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen , und mehrmals hintereinander laut und lustig klang der Wachtelschlag . Ganz täuschend ähnlich waren die Laute dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde . Die alte Uhr war es gewesen , die mir so seltsam die elfte Stunde verkündet hatte . Und der süße Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Träumen entführt hinaus auf das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen , zu den blau leuchtenden Blumenaugen , zu den gaukelnden Schmetterlingen - und so war ich eingeschlafen an demselben Abende , im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg . Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte , so weckte mich der Wachtelschlag wieder auf . Es war des Morgens zur sechsten Stunde . Im Stübchen atmete noch die weiche Wärme des Ofens ; an den Wänden und auf der Decke lag es blaß wie Mondlicht . Und es mußte die Sonne schon am Himmel stehen ; es war im Juli . Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge zurück . Die großen Scheiben waren grau angelaufen ; nur hie und da löste sich eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzähligen Bläschen und Tröpfchen , hinter sich einen schmalen ziehend , durch welchen das Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte . Ich öffnete das Fenster ; frostige Luft ergoß sich in das Zimmer . Der Regen hatte aufgehört ; an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter Eiskörner , mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln gemischt . An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches ; die Fenster der