Nordheim , « sagte der Schüler , nachdem er das Blatt überblickt hatte . - » Der Name und die Handschrift meines Großvaters ! « » Ihres Großvaters ! « - rief August Müller auf das angenehmste überrascht . » Junger Herr - Sie heißen - « » Ich heiße Ludwig Nordheim , wie er , « antwortete treuherzig der Knabe . - » Die Nordheims sind ein ständiges Geschlecht in der Pfarre von Reckenburg . Erst mein Großvater , des Fräuleins alter Freund , dann mein Vater , auch wieder ihr Freund , und ginge es nach dessen Willen , würde ich einmal der dritte . Mir aber , « so plauderte er fröhlich weiter , » mir ist die Kanzel zu eng . Ich möchte Landwirt werden , wie unser Fräulein Hardine . Vorher freilich , sagt sie , soll ich studieren . « Ein Wirbel war während dieser Rede in des Invaliden Kopfe aufgestiegen . Er stand einen Augenblick wie geblendet von dem Lichte dieser neuen Aufklärung . » Verstand ich Sie recht , « sagte er darauf , des Knaben Hand ergreifend und heftig drückend , » verstand ich Sie recht , junger Herr , so war Ihr Großvater , ehe er Klosterpropst ward , Pfarrer hier , hier in Reckenburg . Können Sie mir sagen , in welchen Jahren ? « » Nicht genau , wann er eingetreten ist , aber eine lange , lange Zeit , bevor er gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in das Kloster berufen wurde . « » Jedenfalls also Anfang der neunziger Jahre , in denen ich geboren sein muß . Er , er hat mich ohne Zweifel getauft , seine Hand meinen Namen in das Kirchenregister eingetragen . Darum , darum hat er mich vor allen anderen liebgehabt . Lassen Sie Ihren Vater in Frieden auf dem Schlosse , mein lieber junger Herr . Ein rascher Blick in das Kirchenbuch , und die Sache ist abgemacht . « » Es tut mir leid , diesen Wunsch , selber wenn ich dürfte , nicht erfüllen zu können , « versetzte der Gymnasiast . » Es existieren keine Register aus jener Zeit . Die Bücher sind mit abgebrannt , als Anno 97 , glaub ich , der Blitz in die Sakristei geschlagen und auch die alte Kirche zum großen Teil zerstört hat . Die Sie hier oben sehen , ist neu errichtet durch Fräulein Hardine , wie denn alles in unserem Reckenburg neu geworden ist durch sie : die Flur , das Dorf und selber das Menschengeschlecht . Das himmlische Feuer aber mußte vom Himmel kommen , sagt mein Vater , daß auch in den Registern keiner mehr an die alte , böse , zuchtlose Zeit erinnert werde . Aber wissen Sie was , guter Mann , « fuhr er nach einigem Besinnen fort , » warten Sie , bis gegen Abend die Gäste das Schloß verlassen haben werden , und fragen Sie dann nach bei Fräulein Hardine selbst . Sie ist in den neunziger Jahren schon häufig als Gast bei der alten Gräfin gewesen , und sie , die nichts vergißt , erinnert sich gewiß noch jedes Kindes , das in dieser Zeit im Dorfe geboren worden ist , zumal wenn Ihre alte Muhme dasselbe aufgezogen hat . « Nach diesen Worten sprang der Knabe munter voran , da er eben ein elegantes Viergespann in die Dorfstraße einbiegen sah . August Müller folgte ihm mit stolzen Schritten und gehobenen Hauptes . Die Enthüllungen im Wald- und Pfarrhause hatten das , was vor einer Stunde nur noch Verlangen gewesen , zur Gewißheit gesteigert . Was bedurfte er eines Zeugnisses schwarz auf weiß , wo der Zusammenhang so untrüglich mit Händen zu greifen war ? In einem abgelegenen Waldhause wird ein Knabe geboren . Er wird aufgezogen von der Gemeindepflegerin , welche dieses Haus bewohnt und welche die treueste Dienerin seiner Mutter gewesen ist . Der Ortspfarrer , der Mutter vertrauter Freund , tauft den Knaben und trägt ihn unter dem Namen der Dienerin in das Kirchenregister ein . Ohne Zweifel ist er es auch gewesen , der vorher schon die Ehe der Dame heimlich eingesegnet hat , die Ehe mit irgendeinem , gleichviel , ob zu hoch oder zu niedrig stehenden beliebigen Quidam . Unter den Schutz dieses bewährten geistlichen Freundes , der indessen an die Spitze einer anständigen Versorgungsanstalt aufgerückt ist , stellt später die Mutter ihren Knaben . Sie führt ihn persönlich ihm zu , ganz im geheimen . Noch ist sie arm und abhängig , sie darf ihn nicht öffentlich anerkennen ; aber sie überwacht ihn im stillen , sie sorgt für ihn , straft ihn , sie sucht einen tapferen Soldatensinn in ihm zu erwecken ; sie bringt ihn in einem selbstgewählten Berufe unter , und als sie endlich , zu Fülle und Freiheit gelangt , ihn vor der Welt anerkennen darf - ist der Knabe spurlos verschwunden , verschollen sein Name viele , viele Jahre lang . Die Mutter aber bleibt einsam zurück , sie harrt seiner Heimkehr , sie hält ihm das Erbe offen , das ihm rechtmäßig zusteht , erweitert es zu einem fürstlichen Besitz . Und er , er ist dieser glückliche Knabe , er der Sohn der letzten Reckenburgerin , er der Erbe der reichen Reckenburg ! So der Roman , welchen unser heißblütiger Kumpan sich im Fluge auferbaute . Die Daten , die etwa mit seiner Rechnung nicht stimmen mochten , die mancherlei Lücken , die Widersprüche in dem Charakter der mütterlichen Heldin , die problematische Rolle des beliebigen Quidam , mit alledem beunruhigte er seine Phantasie nicht . Wenngleich noch nüchtern , fühlte er sich wie berauscht . Hätte er eine wohlkonditionierte Uniform auf seinem Leibe gewußt , würde er spornstreichs nach dem Schlosse aufgebrochen und ohne Scheu vor Fräulein Hardine und ihre vornehme Tafelrunde getreten sein . » Mutter ! « würde er ihr zugerufen haben , » Mutter , dein Sohn ist heimgekehrt , und sieh , dies