daß jedermann alles daraus machen konnte und machte , ohne sich zu überheben , das heißt ohne mit dem Daumen über die Schulter auf jene hinzuweisen , die seit den Tagen der Keilschriftsteller von Babylon und Ninive Weltgeschichte zu unserm Nutzen und Vergnügen zusammentrugen und niederschrieben . So war die schöne Marie in Krodebeck heute eine vornehme Dame , welche in ihrem eigenen Wagen durch die Straßen fuhr und ihren Herrn Vater zum Geheimen Oberhofbarbier am Hof von Schaumburg-Oder-Lippe gemacht hatte ; morgen dagegen war sie eine Lumpensammlerin , und der Papa , der Lump , saß ruhig in Spandau und zupfte Wolle und spann Trübsal . Die guten Krodebecker hatten einen gewaltigen Respekt vor den , Meister Häußler und allem , was zu ihm gehörte . Sie konnten sich eine solide mittlere Lebensstel ! ung für ihn durchaus nicht vorstellen , und so hatte er nur die Wahl zwischen der höchsten Höhe und der tiefsten Tiefe des Daseins . Friedrich Wilhelm der Dritte ging nach Charlottenburg und zu seinen Ahnen ; der Professor Krüger malte das unsterbliche Huldigungsbild Friedrich Wilhelms des Vierten , welches der Unendlichkeit gegenüber nur den einzigen Mangel hat , daß es auf der Tribüne im Vordergrund den Meister Dietrich noch nicht mit zur Darstellung bringt . Daß er darauf gehörte , bewies er später zur Genüge , wie wir selber beweisen werden . Für jetzt freilich kam nur die erste authentische Nachricht über ihn nach Krodebeck vermittelst eines Steckbriefes , der ihn in ganz seltsamer Weise mit dem in der Angelegenheit des Erzbischofs von Köln begangenen Dokumentendiebstahl in Verbindung brachte . Wer kann übrigens sagen , auf welche Art dieser Steckbrief in die Amtsblätter kam ? Er tat gewiß Herrn Dietrich Häußler keinen Schaden ; denn schon in der nächsten Woche zeigte der Brave in den nämlichen Blättern an ; es sei ihm nie eingefallen , durchzugehen , und er sei immer noch in Berlin , Große Friedrichstraße Nummer soundso , zu finden für jeden , der ihn aufzusuchen wünsche . Zugleich machte er Anspielungen auf den neukreierten Bischof von Jerusalem , welche ganz heimtückischer Natur waren . Der Exbarbier von Krodebeck hatte seine Verbindungen mit Ober-Lippe ; allein schon im nächsten Jahre übertrug er dieselben nach Hannover , und der mythische Nebel , der bald um alle großen Menschen aufsteigt , zog sich nunmehr immer dichter über ihm zusammen . Immer undeutlicher und deshalb auch immer phantastischer tanzte der Meister Dietrich in dem sonderbaren Dunst und Duft , und als man einmal wieder schärfer hinsah , war er vollständig verschwunden und blieb es für lange Jahre . Man vernahm , er habe sich nach Österreich gewendet , doch ohne die schöne Marie . Heinrich Heine soll sie auf seiner berühmten Reise nach Hamburg im Zuchthaus zu Celle gesehen und mit Entzücken seinen Pariser Freunden von ihr gesprochen haben ; doch dieses müssen wir dahingestellt sein lassen , denn Heinrich Heine besah und besang so manche schöne Damen in so mannigfachen Situationen , daß eine Verwechslung der Persönlichkeiten hier wohl zu entschuldigen ist . Daß Marie Häußler vier Jahre später sich in königlich preußischer Untersuchungshaft befand , ist urkundlich nachzuweisen , ebenso , daß sie aus derselben entlassen wurde , ohne daß der preußische Staat darüber zusammenfiel , und drittens , daß sie in ihre Heimat verwiesen wurde , aber daselbst nicht anlangte . Vom Februar des Jahres achtzehnhundertachtundvierzig bis zur Präsidentschaft , das heißt der Polizeipräsidentschaft des Herrn von Hinckeldey lebte sie zum zweitenmal in Berlin , und zwar mit einem unmündigen Kinde , der kleinen Antonie . Vor dem Herrn von Hinckeldey flüchtete sie im Januar achtzehnhundertfünfzig nach Braunschweig , und von Braunschweig kam sie im Sommer des nämlichen Jahres auf dem Schub heim nach Krodebeck . So spann Lachesis , welche von vielen für die liebenswürdigste und behaglichste der drei sonderbaren Schwestern gehalten wird ! Sechstes Kapitel Wenn der Junker Hennig von Lauen traumlos die Nacht durchschlief , so erwachte er am folgenden Morgen mit einem fressenden Appetit , gleich allen seinen Ahnen . Und da am Frühstückstisch natürlich wieder von dem Ereignis des vergangenen Tages , der Heimkehr der schönen Marie und ihres Kindes , die Rede war , so fiel unter dem Kauen und Schlucken auch dem Junker der Karren mit der kranken Frau und dem kleinen wildäugigen Mädchen ein , und zwar begleitet von jenem eigentümlichen Grauen der Kinder , welches oft so unerklärbar ist und meistens doch viel mehr bedeutet als das Grauen der Erwachsenen . Hier freilich war des Kindes Abneigung und Furcht nicht unerklärlich , und wird an dieser Stelle die passende Gelegenheit gekommen sein , einige Worte über die Erziehung Hennigs zu sagen . Der Einfluß des Vaters auf dieselbe bestand darin , daß der biedere Landedelmann mit großem Erstaunen in die Wiege des Stammhalters sah und seine Verwunderung darüber aussprach , wieviel der Mensch in seinem Leben erleben könne . Hennig hatte nur ein dumpfes Bewußtsein davon , daß ihn ein großer Mann mit großem , wehendem rötlichem Schnauzbart vor sich im Sattel gehalten habe und mit ihm durch den Wald , entlang dem Rande des Waldes und über das Stoppelfeld im vollen Galopp gejagt sei und daß er in Angst und Wonne , schreiend und lachend , umflattert von der schwarzen Mähne des Gauls , die Bäume , die Ackerstiere , die Menschen , die ganze weite Welt mit dem blauen Gebirge in der Ferne , vorüberfliegen sah . Der Tod hatte den braven Herrn von Lauen leider allzufrüh selber aus dem Sattel gehoben , und die Frau Adelheid regierte an seiner Statt auf dem Lauenhofe . Wir wissen bereits , daß sie das Regiment ernst nahm , allein in die Erziehung ihres Sohnes griff sie nur selten , dann aber jedesmal an dem rechten Orte und in der rechten Weise ein . » Munter ! « sprach sie , dem Jungen in den Haarbusch greifend und ihn mit Energie auf den Standpunkt des gesunden Menschenverstandes zurückschüttelnd , wenn der Chevalier oder das