befreien . Mit den neuen Pflichten kam auch Selbstvertrauen und Kraft , manches Widerwärtige von dem schuldlosen Kinde abzuwehren , ihm die Mutter gesund zu erhalten und als solche gleichsam ein neues Leben zu beginnen . Das tat sie denn auch mit Anstrengung aller Kräfte und lebte dabei so abgeschlossen und still , daß wohl kein Mensch sich hätte einbilden können , die Wahl eines neuen Gemeindevorstehers könnte für sie und ihren geringen Verkehr mit der Nachbarschaft irgendwie ein wichtiges Ereignis sein . Und doch war es so . Der neue Vorsteher sah beim Durchgehen der ihm übergebenen Schriften , daß das Lisabethle noch keinen Heimatschein beigebracht hatte , und glaubte nun , von der Vorstehung in Schnepfau einen solchen , wenn auch nur der Form wegen , fordern zu müssen . Die Antwort von Schnepfau aber verwies kurz und nicht ohne Beimischung von Spott auf das Gesetz , nach dem jeder Fremde der Gemeinde gehört und zur Last fällt , in der ihm vier Jahre ohne Heimatschein sich aufzuhalten gestattet wurde . Jetzt hatte alle Milde und Gutmütigkeit auf einmal ein Ende . Bisher hatte man die stille , fleißige Stickerin als eine Unglückliche beschützt und geliebt , keinem Menschen war sie groß in den Augen gewesen ; nun aber war sie eine der Gemeinde aufgedrungene Last , gleichsam das lebendige Denkmal einer von der Regierung des Dorfes gemachten Dummheit . Sie hieß nun die Schnepfauerin , und schon in diesem Namen lag etwas , das sich als Mißton fast in jedes mit einer Nachbarin beim Brunnen geführte Gespräch mischte . Die so aus der Heimat Verstoßene wurde immer argwöhnisch beobachtet , niemand traute ihr recht , und sogar der kleine Jos mußte dafür büßen , indem die Stigerin , der die Geschichte wie ein großer Klecks in dem Zeugnis ihres Vetters , des Altvorstehers , erschien , ihrem Hans den Umgang mit dem Jungen einer aus der Heimat verstoßenen Person verbieten wollte . Das war jedoch nur der erste , leider bei weitem nicht der einzige Fall dieser Art. Die meisten Bauern dachten wie die Stigerin und lehrten auch ihre Kinder so denken , während die Ortsarmen durch sie schon im Genusse der Armenkasse verkürzt zu werden fürchteten . Man fuhr wie gewöhnlich mit dem nun einmal aufgelesenen Ärger dort hinaus , wo der Hag am niedrigsten , am schwächsten war , und die arme Schnepfauerin mit ihrem Jösle mußte alles entgelten . Und doch hätte die Unglückliche an diesem Schnepfauer Streich auch ohne die ihr daraus erwachsenden äußeren Plagereien schon genug Herzleid empfunden . Bitterlicher als jetzt oft hatte sie selbst damals nicht geweint , als ihre Scham sie aus der Gemeinde trieb , die nun sie und ihr unschuldiges Kind aufs schmählichste für immer verstieß . Oh , vieles hätte sie tun mögen , um sich Achtung und Liebe zu verdienen . Oft , wenn sie in langen Winternächten arbeitete , bis das allzu sehr angestrengte Auge den auf die Stickerei fallenden hellen Schein der neben das Licht gestellten Glaskugel rötlich und bläulich aufflammen zu sehen glaubte , sann sie nach , ob man sie und ihren guten Willen denn gar nirgends brauche in diesem ewigen Einerlei . Zuweilen wünschte sie , ihr Leben für andere wagen zu können ! Aber wenn sie dann das ruhige Atmen des neben ihr entschlummerten Kindes hörte , fuhr sie freudig erschrocken aus ihren Träumen auf und brachte den Liebling mit doppelter Zärtlichkeit ins Bettlein , wie wenn sie ihn wegen dem bösen Gedanken , der sie von ihm abzog , um Verzeihung hätte bitten wollen . Erst das Jösle war vielleicht einmal imstande , sich und ihr wieder Boden zu gewinnen , daß dann auch der alte Vorsteher seine Nachlässigkeit nicht mehr bereuen mußte . Von jetzt an durfte es nicht mehr so schlecht gekleidet herumgehen wie bisher , wenn sie sich darum auch halb blind hätte arbeiten müssen . Sie brachte überhaupt dem Scheine viel eher ein Opfer als früher , wo sie sich noch ganz unbeobachtet glaubte . Man sollte sie nicht für zurückgekommen halten und den Namen Schnepfauerin , der nun einmal nicht mehr wegzubringen war , wieder aussprechen lernen , ohne dabei den Mund zu verziehen . Es galt ja das Wohl , die Zukunft des Kindes , dem sie den Vater ersetzen sollte . Dieser Gedanke gab ihr eine bewunderungswürdige Kraft und Ausdauer , aber niemand war , sie zu bewundern . Sie galt für ein leichtsinniges Geschöpf , und doch war wohl kaum ein Mensch im Dorfe , der innerlich und äußerlich so viel durchzukämpfen hatte wie sie , ohne daß etwas anderes sie belohnte als - der freundliche Blick des seligen Geliebten , den sie in trüben und frohen Stunden immer vor sich zu sehen glaubte . Er war der einzige , mit dem sie sich besprach über die Zukunft ihres Josef , der seine traurige Lage so spät als möglich ganz kennenlernen sollte und daher auch nie merken durfte , was alles sie für ihn tat , litt und entbehrte . Nur daß er arm , daher von Wohlhabenden abhängig sei , sollte er wissen , um deren Launen etwas geduldiger zu ertragen und sich nicht überall schon zu Hause zu wähnen . Ja , in diesem Stück konnte die sonst so zärtliche Mutter recht hart sein . Jösles Klagen über die Ungezogenheit reicher Kinder , ihre Härte und Bosheit , suchte sie , wenn auch mit blutendem Herzen , wegzuscherzen . Da tadelte sie seinen Trotz , wie recht sie ihm auch innerlich geben mochte , und hatte dafür die Freude , zu sehen , daß der Stighans immer noch den Umgang mit ihrem Jösle suchte , wie strenge das ihm auch von der Mutter verboten wurde . Das Schneiderlein hatte ganz recht , wenn es einen alten Lieblingswunsch der Mutter erfüllt glaubte , da es nun als Knecht auf den Stighof kommen sollte . Schon vor vielen Jahren hatte sie daran gedacht , und erst als sie aus dem