gleiten ließ . Ueber Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schöngemalte Oelbilder , ein Herr und eine Dame . Die letztere , ein stolzes Gesicht , aus dessen Augen aber Geist und Lebenslust sprühte , war in jener Tracht , welche so unschön die altgriechische nachzuahmen sucht . Die kurze Taille , die ein weißer leuchtender Seidenstoff umschloß , wurde noch verkürzt durch einen roten , golddurchwirkten Gürtel ; Brust und Oberarme , fast zu üppig geformt und nur sehr wenig bedeckt , harmonierten in ihrer herausfordernden Schönheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen , züchtigen Veilchenstrauße , der im Gürtel steckte ... Es war Hellwigs Mutter . Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt ; sie schien sich einen Moment daran zu weiden . Dann stieg sie auf einen Stuhl , hob es von seiner gewohnten , langjährigen Stell und schlug vorsichtig , ohne großes Geräusch einen neuen Nagel inmitten der zwei alten , an welchen sie das männliche Brustbild , Hellwigs Vater , hing . Es blickte jetzt einsam hernieder , während die Witwe den Stuhl verließ und , das weibliche Porträt in der Hand , aus dem Zimmer ging ... Felicitas ' gespanntes Ohr folgte ihren Schritten durch die Hausflur , über die erste Treppe - sie stieg immer höher in dem widerhallenden Treppenhause - wahrscheinlich bis in den Bodenraum . Sie hatte die Thür nicht völlig hinter sich geschlossen , und als ihr letzter Schritt droben verhallt war , da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der Spalte . » Na , da haben wir ' s , Friederike ! « rief er mit gedämpfter Stimme , der man aber den Schrecken anhörte , in die Flur zurück . » Es war richtig der sel ' gen Frau Kommerzienrätin ihr Bild ! « Die alte Köchin riß die Thür weit auf und sah herein . » Ach , du meine Güte , wirklich ! « rief sie , die Hände zusammenschlagend . » Herr Je , wenn das die stolze Frau wüßte , die drehte sich in der Erde um - und der sel ' ge Herr erst ! ... Na , sie war aber auch zu schrecklich angezogen - so bloß auf der Brust - ein Christenmensch mußte sich schämen ! « » Meinst du ? « entgegnete Heinrich , schlau mit den Augen blinzelnd . » Ich will dir was sagen , Friederike , « fuhr er fort und legte abzählend den Zeigefinger der Rechten gegen den linken Daumen . » Die alte Frau Kommerzienrätin hat ' s durchaus nicht leiden wollen , daß unser Herr die Madame genommen hat - das kann ihr die Madame zum ersten nicht vergessen . Zum zweiten war sie eine fidele Frau , die gern was mitmachte und am liebsten da war , wo lustig aufgespielt wurde , und zum dritten - hat sie unsere Madame einmal eine herzlose Betschwester geschimpft ... Merkst du was ? « Während Heinrichs Beweisführung war Felicitas aus ihrem Verstecke hervorgekommen . Das Kind fühlte instinktmäßig , daß es an dem rauhen , aber grundgutmütigen alten Burschen von nun an die einzige Stütze im Hause haben werde . Er hatte sie sehr lieb , und seinen stets wachsamen Augen dankte es die Kleine hauptsächlich , daß sie bis dahin in glücklicher Unwissenheit über ihre Vergangenheit geblieben war . » Na , Feechen , da bist du ja ! « sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand fest in seine schwielige Rechte . » Ich hab ' dich schon in allen Ecken gesucht ... Komm mit ' nüber in die Gesindestube ; denn hier wirst du ja doch nicht mehr gelitten , armes Ding ! ... wenn gar die alten Bilder fort müssen , nachher - « Er seufzte und drückte die Thür zu ; Friederike war bereits eilig in die Küche zurückgekehrt , denn man hörte die Schritte der herabsteigenden Frau Hellwig . Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur - sie war leer ; da , wo der Sarg gestanden hatte , lagen zertretene Blumen und Blätter am Boden . » Wo ist der Onkel ? « fragte sie flüsternd , indem sie sich widerstandslos von Heinrich nach der Gesindestube führen ließ . » Nu , sie haben ihn fortgetragen ; aber du weißt ja doch , Kindchen , er ist nun im Himmel - da hat er ' s gut , besser als auf der Erde , « antwortete Heinrich wehmütig . Er nahm seine Mütze vom Nagel und ging fort , um einen Auftrag in der Stadt zu besorgen . In der Gesindestube herrschte bereits starke Dämmerung . Seit Heinrichs Weggange kniete Felicitas auf der Holzbank , die unter den eng vergitterten Fenstern weglief , und blickte unablässig in das Stückchen dunkelnden Himmels droben über den Giebelhäusern der schmalen , steilen Gasse , wo ja der Onkel nun sein sollte ... Sie fuhr erschrocken zusammen , als Friederike mit der Küchenlampe eintrat . Die alte Köchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den Tisch . » Komm her , Kind , und iß - da ist dein Abendbrot ! « sagte sie . Die Kleine kam näher , aber sie rührte das Essen nicht an ; sie griff nach ihrer Schiefertafel , die Heinrich aus des Onkels Zimmer herübergebracht , und fing an zu schreiben . Da kamen hastige Schritte durch die anstoßende Küche , und gleich darauf steckte Nathanael seinen blonden Kopf durch die offenen Thür . Felicitas zitterte , denn er war stets sehr ungezogen , wenn er sich mit ihr allein sah . » Ah , da sitzt ja Jungfer Fee ! « rief er in einem Tone , den Felicitas so sehr an ihm fürchtete . » Hör mal , du ungezogenes Ding , wo hast du denn die ganze Zeit über gesteckt ? « » In der grünen Stube , « antwortete sie , ohne aufzublicken . » Du , das probiere nicht noch einmal ! « sagte er drohend . » Da hinein gehörst du jetzt