eine ganz persönliche Beleidigung nahm . Aber der spanische Rohrstock war pensioniert wie sein Herr und hing in grimmiger Unzufriedenheit über dem pensionierten Dreimaster an der Wand . Unablässig wanderte das Auge des zur Ruhe gesetzten Schützers der öffentlichen Ruhe und Sicherheit zwischen dem Stock und der Straße hin und her , und in der Brust des Vortrefflichen grollte und brummte es wie in einem dem Ausbruch nahen Vulkan : Prometheus , am Kaukasus angeschmiedet , Napoleon auf Sankt Helena fühlten wohl ähnliche Bitternisse wie der gichtische Büttel , aber ihr Beispiel tröstete ihn nicht . Lustig ging der Spektakel in der Gasse fort , und nachdem der Schneemann vollendet war , stürzte sich die Bande jugendlicher Missetäter auf Moses Freudenstein , den Sohn des Trödlers , und fing an , ihn zu waschen . In jenen vergangenen Tagen herrschte - vorzüglich in kleinern Städten und Ortschaften - noch eine Mißachtung der Juden , die man so stark ausgeprägt glücklicherweise heute nicht mehr findet . Die Alten wie die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn ; unendlich langsam ist das alte , schauerliche Hephep , welches so unsägliches Unheil anrichtete , verklungen in der Welt . Vorzüglich waren die Kinder unter den Kindern elend dran , und der kleine , gelbe , kränkliche Moses führte gewiß kein angenehmes Dasein in der Kröppelstraße . Wenn er sich blicken ließ , fiel das junge , nichtsnutzige Volk auf ihn wie das Gevögel auf den Aufstoß . Gestoßen , an den Haaren gezerrt , geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit , ließ er sich auch sowenig als möglich draußen blicken und führte eine dunkle , klägliche Existenz in der halbunterirdischen Wohnung seines Vaters . An diesem Tage aber hatte ihn sein Unstern doch mitten unter seine Peiniger geführt ; und man hatte , wie gewöhnlich in solchen Ausnahmefällen , ihn in einen engen Kreis geschlossen . Was fiel dem Judenjungen ein , daß auch er den neuen Schnee sehen wollte ? In der Mitte seiner Tyrannen stand Moses Freudenstein und reichte mit verhaltenen Tränen und einem Jammerlächeln die Hand , in welche jeder junge Christ und Germane mit hellem Hohngeschrei hineinspie , in die Runde . Es gab wenige Leute in der Kröppelstraße , die nicht ihren Spaß an solcher infamen Quälerei gefunden hätten . Keiner von den Gaffern in den Haustüren trat dazwischen , um der Erbärmlichkeit ein Ende zu machen . Man lachte , zuckte die Achseln und hetzte wohl gar noch ein wenig ; es hatte eben wenig auf sich , wenn der schmutzige Judenjunge ein bißchen in seiner Menschenwürde gekränkt wurde . Hülfe und Rettung sollten für Moses Freudenstein von einer Seite kommen , von woher er sie nicht erwartet hatte . Hans Unwirrsch hatte bis zu dieser Stunde auch hier mit den Wölfen geheult , und was die andern taten , hatte er leichtsinnig , ohne Erbarmen und ohne Überlegung ebenfalls getan . Jetzt kam die Reihe an ihn , in die offene Hand des heulenden Judenknaben zu speien , und wie ein Blitz durchzuckte es ihn , daß da eben eine große Niederträchtigkeit und Feigheit ausgeübt werde . Es war ihm , als blicke das bleiche Gesicht des Lehrers Silberlöffel , der gestern begraben worden war , ernst und traurig über die Köpfe und Schultern der Buben in den Kreis . Hans spie nicht in die Hand des Moses ! Er schlug sie weg und streckte seine Faust den Kameraden entgegen . Wild schrie er , man solle den Moses zufrieden lassen , er - Hans Jakob - leide es nicht , daß man ihm ferner Leid antue . Die Faust fiel auf die erste Nase , die sich frech näher drängte . Blut floß - ein verwickelter Knäuel ! Püffe , Knüffe , Fußtritte , Wehgeheul ! Wutgebrüll ! Sausende Schneebälle , zerrissene Rappen und Jacken ! Exaltierteste Aufregung des pensionierten Stadtbüttels ! Elektrisches Erzittern des spanischen Rohres an der Wand ! Übereinander und Durcheinander ! Untereinander und Zwischeneinander ! - Hernieder in den Laden des Trödlers Samuel Freudenstein rollten Moses und Hans , schwindlig , zerschlagen , mit blutenden Mäulern und verschwollenen Augen . Auch Moses Freudenstein hatte zum erstenmal in seinem Leben einen Schlag gegen seine Peiniger zu führen gewagt . Es war eine glorreiche Stunde , und ihr Einfluß auf das Leben von Hans Unwirrsch war unberechenbar im Guten wie im Bösen . Indem er aus dem wilden Gewühl der Gassenschlacht die Stufen in den Trödelladen hinabrollte , fiel er in Verhältnisse , welche unendlich wichtig für ihn werden sollten . In mehr als einer Hinsicht entschied sich sein Schicksal an diesem Tage ; eine ganz andere Welt tat sich vor seinen Augen auf . Es wohnten seltsame Leute in dem Keller , Leute , die auch ihren Hunger hatten und ihn nach Kräften zu befriedigen suchten , Leute , über welche die Kröppelstraße sehr mit Unrecht sich erhaben dünkte . Das nächste Kapitel soll uns zeigen , wer der Trödler Samuel Freudenstein war , dann werden wir bei Gelegenheit wohl auch erfahren , auf welche Weise er seinen Sohn Moses erzog und welche Ansichten von der Welt und von dem Leben in der Welt er ihm beizubringen strebte . Viertes Kapitel Auf malerische Mittelalterlichkeit machte die Kröppelstraße keinen Anspruch . Sämtliche Häuser darin waren nach einem großen Brande , der während des Siebenjährigen Krieges stattgefunden hatte , mit möglichster Schnelligkeit und mit möglichst wenigen Kosten wiederaufgebaut worden . Jetzt war ein Teil der Gebäude bereits wieder so baufällig , daß ein neuer Brand vonnöten schien , um größeres Unheil durch ganz unmotiviertes Zusammenstürzen über Nacht bei vollständiger Windstille ohne Erdbeben und dergleichen Anstößigkeiten zu verhüten . Samuel Freudenstein bewohnte mit seinem Sohn und einer uralten Haushälterin das wackligste Haus der ganzen Reihe ; und wenn alle andern Besitzer allerlei mehr oder weniger schwache Anstrengungen machten , ihr Eigentum vor dem gänzlichen Verfall zu sichern , so tat der israelitische Handelsmann durchaus nichts zur Erhaltung seines Hauses