Damian , « sagte Kunigunde schüchtern und trocknete ihre Tränen . » Ihr werdet doch unmöglich weinen vor Kührung über den prachtvollen Sonnenuntergang ! « rief er ungeduldig . » Ach nein - wir grämen uns nur so sehr über die armen Protestanten , deren Seelen so wenig Nahrung haben , « entgegnete Kunigunde zaghaft , weil sie wußte , daß dies Kapitel ihrem Manne nicht sehr zusagte . » Da spart Eure Tränen ! « rief Damian unmutig . » Die befinden sich sehr wohl auf der Welt und haben es im Grunde besser , als wir , brauchen nicht eine Masse von Rücksichten zu nehmen , haben keine Fastenzeit , keine geschlossene Zeit , keine österliche Zeit - was alles unter Umständen recht unbequem sein kann . « Hätte sich Kunigunde so weit überwinden können , um mit einem leichten Scherz diese » Unbequemlichkeiten « fallen zu lassen , so hätte sie ihren Mann vor der Verschanzung im Widerspruch bewahrt und den kleinen Antagonismus vermieden , der sich auf dem religiösen Gebiete so leicht zwischen der Hingebung des weiblichen Gemütes und dem Unabhängigkeitsbedürfnis des männlichen Charakters erhebt ; Antagonismus , der jedoch nur auf den unteren Stufen der Seelenentwicklung stattfindet , nur da , wo man das religiöse Leben zur Sache des Gefühles macht . Wird es aber als die Sache des Willens erfaßt , so geht es in eine höhere Ordnung über , wo die natürlichen Anlagen zur Hingebung und zur Unabhängigkeit in der freiwilligen Unterwerfung aus energischer Liebe sich begegnen . Es ist sehr zu beklagen , daß das religiöse Leben des Weibes dem Manne gar oft als eine Schwäche des Herzens , als ein Mangel an Kraft entgegentritt , während es den Stempel des höchsten Adels , der klarsten Energie tragen sollte . Aber die Tränen , aber die Andachten , aber die Gebetbücher , aber die tausend damit verknüpften Kleinigkeiten lassen es dem Manne » weibisch « erscheinen und fliehen . Dies war auch bei Kunigunden zu beklagen . Sie hatte noch nicht die Menschenkenntnis , um ihren Mann richtig zu behandeln , und auch nicht die Erkenntnis , welche meistens erst aus einem längeren Leben hervorgeht , daß von der Frau mehr Selbstverleugnung an einem einzigen Tage , als von dem Manne während seines ganzen Lebens gefordert wird . Genug - sobald Damian in irgend eine kleine heterodoxe Behauptung verfiel , verfiel Kunigunde in Tränen , ohne daran zu denken , daß er durch seine Mutter in der frostigen Atmosphäre religiöser Gleichgiltigkeit aufgewachsen und deshalb mit Nachsicht und Schonung zu behandeln sei . » O Damian ! wie kannst Du so sprechen ! « rief sie klagend aus . » Alles , was Du aufzählst , zeigt ja eben , wie arm an Gnaden man außerhalb der Kirche ist ; denn jene Zeiten sind Gnadenzeiten , und wer arm an Gnaden ist , der ist wahrhaft arm . « Diese himmlische Wahrheit verstand er gar nicht . Er antwortete spöttisch : » Ich werde alle Armen unter den Katholiken des Odenwaldes sammeln und zu Dir bringen . Vielleicht kannst Du ihnen besser als mir begreiflich machen , daß sie nicht arm sind . « » Mancher von ihnen mag wirklich durch den Glauben viel reicher sein als Du , Damian . « » Sieh , wie gut Gott das eingeteilt hat : die einen macht er reich durch den Glauben ohne Geld und Gut , und die anderen durch Geld und Gut ohne Glauben . « » Aber Damian , sage doch nicht kaltblütig solche entsetzliche Dinge ! « rief Kunigunde . » Gott gibt die Glaubenslehre und die Fähigkeit zu glauben den Armen wie den Reichen ..... « » Aber Kunigunde , sprich doch nicht so weitläufig über solche langweilige Dinge ! « unterbrach sie Damian , drehte sich auf dem Absatze um und ging von dannen . Kunigunde schlang ihren Arm um den Nacken ihrer Schwester und fragte leise : » Ist das nicht herzbrechend ? « Walburg nickte sanft mit dem Kopfe und sagte : » Gratian hat zuweilen auch solche Launen . Sie sind eben die Söhne ihrer Mutter ! wir müssen umso eifriger für sie beten . « » Und umso mehr sie lieben , « setzte Kunigunde hinzu . Sie war nicht glücklich , die arme Kunigunde ; ihre Ehe war kinderlos und Damian zuweilen außerordentlich darüber verstimmt ; denn er war nicht daran gewöhnt , unerfüllte Wünsche zu haben . Walburg hatte in den fünf Jahren ihrer Ehe ihrem Manne drei Söhne geschenkt , und je mehr sich Kunigundens neidloses Herz an dem Glück ihrer Schwester freute , desto inniger sehnte sie sich , es selbst zu genießen . » Könnte ich nur einmal zur Mutter Gottes nach Altötting und dort eine neuntägige Andacht halten , « sagte Kunigunde zu ihrem Ratgeber und Tröster Levin . » Glauben Sie wohl , lieber Onkel , daß Damian mir die Wallfahrt erlaubt ? « » Halten Sie hier eine Novene zur heiligen Gottesmutter , « entgegnete Levin ausweichend . » So unmöglich scheint es Ihnen also ! « rief sie traurig . » Ich meine , Sie sollten alles vermeiden , wodurch kleine Differenzen zwischen Ihnen und Damian auf dem religiösen Gebiete hervorgerufen werden . Ihr Opfer zieht vielleicht die Gnade sicherer herab , als Ihre Wallfahrt , « sagte Levin mild . Es war um Mariä Himmelfahrt . Zahlreiche Prozessionen zogen nach Kloster Engelberg , wo ein Gnadenbild der heiligen Gottesmutter sehr verehrt wird . Der Main war mit Nachen bedeckt , welche vom anderen Ufer Andächtige hinüber führten , die sich am Fuße der ungeheuren Treppe hinter ihrem Kreuz und ihren wehenden Fahnen in Reihe und Glied stellten und betend langsam bergan stiegen , um droben die heiligen Sakramente zu empfangen und ihre mit Gott versöhnten Herzen voll Bitten und Klagen und Nöten auszuschütten vor der Trösterin der Betrübten . Nach mehreren Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab . Von Windeck