grausam mit ihren Blicken tödten , weil sie so anziehend sind , so regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmuth haben . Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf , den ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel einer Phorkyde schmücken kann . Der Stadtamtmann , der zu den eigenthümlichen Naturen gehörte , die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer häuslichen träumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden können , erklärte es für einen » radicalen Unsinn « , als auf dem Casino davon die Rede war , sein vielbesprochenes schönes Kindermädchen sollte er die Tracht annehmen lassen , in der Van Embden seine berühmten blumenzupfenden Dorfmädchen gemalt hat . Er hätte sie , wenn ' s nach ihm gegangen wäre , in eine Pension schicken mögen , soviel Respect hatte er vor ihren Gaben . Nur seine Frau theilte den Enthusiasmus nicht . Sie hörte seit lange nur auf die vielen Klagen , die über Lucinden einliefen . Alle jungen Mädchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzückt ; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund mit ihr geschlossen , so nannte man sie treulos , verrätherisch und warnte vor ihr die , die sie empfohlen hatten , und die , die sie noch beschützten . Die einen hoben sie zwar dann in den Himmel , die andern verwünschten sie aber schon . Sie war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion , daß sich der Stadtamtmann die Ohren zuhielt , seine Gattin aber , » um dem Dinge ein Ende zu machen « , ihre Entlassung beantragte . Nichts ist so verderblich für die Jugend , als ungestraft böses Beispiel hingehen sehen . Lucinde sah die vornehme Dame , die eine Diebin war , sehr oft wieder . Sie sah sie auf der Promenade , im offenen Wagen , sie sah sie , von Cavalieren umgeben , im Theater ; ja , eines Tages , eine halbe Meile von der Stadt entfernt , sah sie in einem öffentlichen Lustgarten des Fürsten , nach dem man Partieen zu machen pflegt , die schöne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns , der sie hätte vernichten können . Sie bedauerte damals , das seltsame , die dunkeln Alleen suchende Paar nicht genauer beobachten zu können , denn der , der sie selbst begleitete , war gerade ein junger Mann aus dem Geschäftspersonal des Herrn Guthmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen . Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchst gewandten Herrn Guthmann durch die grünen Laubgänge des Parkes daherkommen sehen , als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag über vermied , sich draußen im Freien zu zeigen . Oskar Binder wußte nichts von den Ursachen dieser so auffallend intimen Annäherung , und Lucinde erröthete noch , wenn sie darüber nachdachte , wie sie es anstellen sollte , zu verrathen , was sie belauscht hatte , und den Preis zu nennen , um den die Baronin ihre äußere Ehre gerettet hatte ... Der schöne Oskar Binder selbst aber gehörte einer achtbaren Familie an und war , wie man behauptete , der zuverlässigste und anstelligste unter sämmtlichen Commis im Bazar Guthmann . Das Vertrauen seines Principals überließ ihm die Verwaltung der Kasse . Durch sein Aeußeres ebenso empfohlen wie durch Namen und Herkunft , kam er in die Kreise des Stadtamtmanns , und viele der jungen Mädchen , Töchter von Räthen und angesehenen Beamten , zeichneten ihn aus . Dennoch warf er sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns befindliche » Henriette « . Daß sie eine Schwester hatte , die noch diente , hatte schon aufgehört ; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer großen , von einem Verein unterstützten Nähanstalt ; ihre Geschwister im Waisenhause sollten zum Militär gebildet werden . So den Uebrigen fast schon ebenbürtig , ergänzte sie , was ihrer Stellung mangelte , durch die Geltendmachung ihrer Persönlichkeit . Der junge Buchhalter hörte , was allmählich alle jungen Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten , daß sie die Störerin des allgemeinen Friedens , eine gefährliche , zu jedem Mittel greifende Kokette wäre . Da sie aber den Reiz des Eindrucks für sich hatte und überdies im Gegentheil kein Wasser zu trüben schien , zog sie alle an . Sie hatte eine Art , bei gemeinschaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben , irgend nach einer Blume zu suchen , einen Kranz zu winden , die jeden , den sie mochte , in ihre Kreise zog . Wenn sie den Schein des Dienens annahm , so half man ihr ; wünschte sie selbst etwas , so vollzog man es . Die noch ländliche Betonung ihrer Worte stand ihr besonders naiv ; sie war anziehend in ihren Aeußerungen , und wenn sie lachte , so konnte sie , wenn sie gerade nicht zu weit darin ging , alles mit sich fortreißen . Nur zu weit durfte sie nicht gehen . Schüttete sie sich vor Lachen , wie man zu sagen pflegt , so hatte es den Ausdruck böser Schadenfreude , und all die jungen Mädchen schienen dann recht zu haben , die zuweilen wünschten ihr geradezu » die Augen auskratzen « zu können . Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage , der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleißigen Principal Urlaub gegeben hatte , lieber Lucinden als den übrigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer großen Partie , die einige Verwandte des Hauses , in dem sich Lucinde befand , veranstaltet hatten . Ihre Gegnerinnen behaupteten , daß sie die Kunst , sich in einem Parke plötzlich zu verirren , weidlich verstünde ; aber die , die für sie als Naturkind und » Hessenmädchen « schwärmten , nannten sie einen Elfen , ein romantisches Wesen , das die gewöhnlichen Gleise des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche . Heute