erst zum vollen Bewußtsein darüber , wie heiß diese Liebe , wie lebendig diese Verehrung war : aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefühlen eine neue bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei , welche mit einem Worte zu bezeichnen unmöglich ist . Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter . Sein Frohsinn , seine muntere Laune war verschwunden . Er war , ein 15 jähriger Knabe , zum Manne gereift . Er fiel jetzt nicht mehr , wie früher , wenn er von seinem tagelangen Umherschweifen nach Hause zurückkehrte , seiner Mutter jubelnd um den Hals , um ihre Vorwürfe über sein langes Fortbleiben durch Küsse zu ersticken - er fragte nicht mehr , wie früher , wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit einem schweren Seufzer oder gar mit Thränen antwortete , mit trauriger Miene , ob sie ihm zürne : er küßte nur zuweilen ihre noch immer schönen Hände und blickte sie - wenn sie es nicht bemerkte - mit einem Blicke an , in dem sich eine an Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte . Ines beunruhigte sich zuerst über diese plötzliche Aenderung in dem Charakter ihres Sohnes , allmälig aber gewöhnte sie sich daran , besonders als sie gewahrte , daß seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt . Denn sie besaß ja nichts weiter , als dieses Kindes Liebe . Es ist natürlich , daß zwei Menschen , die einen gemeinsamen Schmerz haben , selten , ja fast nie davon mit einander reden , obgleich jeder weiß , daß derselbe in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt . So war ' s auch mit Ines und Salvador . Sie zeigten einander nie ihre Trauer , noch sprachen sie davon , so daß ein Dritter , der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu schauen vermochte , vielleicht glaubte , daß sie wenig für und mit einander fühlten , sondern in frivoler Gleichgültigkeit neben einander hinlebten . Denn da ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande , der ihrem Leben die Richtung gegeben hatte , zugewandt waren , so waren sie überhaupt einsylbig und äußerlich indifferent in ihrem täglichen Umgange , außer wenn - wie wir schon erwähnt - Salvador Abends in der Mußestunde von der Heimath erzählte , dann brach durch die Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen und Gedanken durch - dann weinten sie wohl lautlose Thränen , Salvador , indem er seinen Kopf in den Schooß der Mutter legte , Ines , indem sie ihren heißen Mund in die schwarzen Locken des Sohnes drückte . Heute aber war Salvador ein Anderer . Er hatte Lydia kennen gelernt ; er hatte dem Fürsten in ' s trotzige Auge geblickt : zwei Erinnerungen , deren jede - so entgegengesetzter Natur und Wirkung auf ihn sie waren - hinreichte , um seine Bewegung zu rechtfertigen . Vielleicht wäre diese noch heftiger gewesen , wenn nicht der Eindruck der einen , wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wäre . Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe . Doch schwieg sie , weil sie wußte , daß er ihr nie Etwas verhehlte , das von Wichtigkeit war . Als er aber , im Zimmer angelangt , anfing , die Livree , welche er auf Geheiß des Paters angelegt , von seinem Körper zu reißen und mit Füßen zu treten , während die Röthe des Zorns und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur bedeckte : - da konnte Ines ihr Erstaunen nicht länger verbergen . - Salvador ! ? - fragte sie mit halb vorwurfsvollem , halb fragendem Tone . Aber Salvador hörte nicht . Halb entblößt stand er mitten in der Stube auf den Trümmern der unschuldigen Livree , die Hände geballt und Thränen der Wuth in den Augen . - Salvador ! ? sagte noch einmal Ines , deren Erstaunen zur Bestürzung wurde , mit dem Accent mütterlicher Angst , indem sie die Hand auf seine Schulter legte . Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus . Er sank in die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schooß . - Was ist Dir , Kind ? Sprich , was ist geschehen ? - Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen . Endlich stammelte er die Worte : - Ich habe Ihn gesehen , Mutter . - Wie ein Blitzstrahl , so erschütterten diese wenigen Worte das stolze Herz der Spanierin . Sie erbleichte und schwankte . Salvador fing sie in seinen Armen auf und so knieten sie beide , die Arme in einander geschlungen , das Haupt auf des andern Schulter gelehnt . Mochte es der furchtbare Eindruck sein , den Salvador durch die Mittheilung auf seine Mutter hervorgebracht , und der eine beruhigende Rückwirkung auf ihn ausübte , oder war es vielleicht auch der Gedanke daran , daß er nicht nur » ihn « , sondern auch sie gesehen : genug , er richtete sich zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll : - Warum weint die stolze Ines ? Deine Thränen kommen zu früh , meine Mutter . Ich habe gesagt , daß ich Ihn gesehen . Ich habe nicht gesagt , daß ich ihn getödtet . - Ines sprang empor . Der Pfeil hatte getroffen . - Du hast recht , Knabe . Aber ich glaubte , wenn mein Salvador sagte , daß er ihn gesehen , so wäre es überflüssig , zu fragen , ob er ihn getödtet . - Salvador senkte den Kopf , dann wies er auf die an der Erde liegende Livree und murmelte : - Der Tio ist daran schuld , daß er noch lebt . - Und er wird recht gehabt haben - erwiederte Ines , die sich jetzt gefaßt hatte . - Verzeih ' mir , mein Sohn , Beides : meine kleinliche Schwäche und meinen ungerechten Vorwurf . Salvador erzählte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage . Als er Lydias erwähnte ,