nicht gehört , und erschracken gewaltig , als der Baron Stein mit lauter Stimme um eine Tasse Chokolade bat . In lebhaftestem Selbstgespräch schritt er hierauf dem Garten zu : » Ist ' s Dir und allen Deines Gelichters nicht genug , euch zu nähren von dem Schweiß und Blut der geknechteten Völker ; müßt ihr auch noch tief hineingreifen in das Allerheiligste der Herzen , und Seelen vergiften , Seelen , deren innerstes Leben ein Gottesdienst ist aller großen und edeln Gedanken ? Und jetzt , da Rang , Schönheit und Geld machtlos sind , gegenüber dieser innern , stillschaffenden Gewalt der Seele , die an sich selber ein unwandelbares Gesetz hat - jetzt verbindest Du Dich , Nichtswürdiger , mit einer Kupplerinn , um das Weib , das Dich stolz verschmäht hat , durch List und Gewalt zu besiegen . Doch solchem frechen Beginnen will ich entgegentreten ; und beglücken soll es mich , wenn Du Schiffbruch leidest mit Deinen nackten Hoffnungen und Wünschen , und die Qual unbefriedigter Liebe Dich aufzehrt ! - - Die Oburn soll nichts erfahren von dem Gewölk , das sich an ihrem Himmel zusammenzieht ! Sie schlafe in Frieden ; ich selbst will ihren Schlummer bewahren ! « Zum erstenmale besuchte Baron Stein heute das Wiesenthal ; und es gefiel ihm , in seinen Phantasieen diesen bedeutungsvollen Zufall einem dunkeln Beruf zuzuschreiben , der ihn zum Schutzgeist der Oburn bestimme . Der Zug der Sympathie führte ihn in die Geisblattlaube ; hier saß er träumerisch , und schrieb Hieroglyphen in den gelben Sand , der die Erde bedeckte . Nachdem Madame Oburn sicher war , daß ihr Schreckbild , der Prinz C * * , den Garten verlassen , nahm sie Buch und Handschuhe und ging ihrer Laube zu . Verwundert und zögernd blieb sie einen Augenblick stehen , als sie den fremden , jungen Mann , dessen Anblick die Erinnerung an den letzten , verhängnißvollen Abend in ihr erweckte , darin sitzen sah . Dann trat sie jedoch rasch ein , und sprach , als sie bemerkte , daß er sich entfernen wolle , freundlich zu ihm : » O bleiben Sie doch , wenn Ihnen der Platz gefällt . Ich verdränge Niemanden von da , wo es ihm wohl ist ! « Dann setzte sie sich dem jungen Manne gegenüber , und las , ohne die geringste Notiz von seiner Gegenwart zu nehmen , ruhig in ihrem Buche weiter . Regungslos saß Stein da ; in seinen Zügen wechselten Farbe und Ausdruck ; er wollte gehen ; aber es hielt ihn mit unsichtbaren Händen zurück . Was ihn so magisch hinzog zu dieser Frau : war es Liebe , war es Mitleid ? Er wünschte , sie möchte zu ihm sprechen ; denn die Lieblichkeit ihres Wesens gewann durch den geistigen Ausdruck , der bei ' m Sprechen ihre Züge verklärte ; und ihre Worte klangen so einfach und innig , ein Evangelium des Herzens . Es war eine liebenswürdige Eigenthümlichkeit der Oburn , mit den fremdesten Menschen , sobald sie mit sicherem Blick einen geistig verwandten Zug in ihnen entdeckt , so vertraut umzugehen , als sei sie längst mit ihnen befreundet , ohne die Furcht , dies off ' ne Entgegenkommen könne mißverstanden werden . So sah sie auch hier den ihr gegenübersitzenden Mann traulich an , und sprach , während sie das Buch fortlegte und einige Geisblattblüthen zerpflückte : » Ich las eben in der Indiana , und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des Schmerzes so ergriffen , daß ich heute nicht weiter lesen kann . « » Im Glücke , gnädige Frau , « entgegnete Stein , » muß man ein solches Buch nicht lesen , so schön es auch sein mag . Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst ! Eine edle Natur muß ein reines , ungetrübtes Glück genießen ; und wie ein gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten würde , so muß sie selbst jede Berührung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden , gleich als würde sie dadurch entweiht und herabgezogen . « » Das sind ideale Träume ! Und wissen Sie denn so sicher , ob ich glücklich bin ; ob nicht ich gerade ein Recht habe , alle Schmerzen der Indiana mitzufühlen ? « Stein sah ihr mit prüfendem Blick , den sie nicht vermied , in das thränenfeuchte Auge : » Wohl , ich will glauben , daß Sie leiden ; und bin gewiß , daß Sie werth sind , solche Schmerzen zu ertragen ! « » Nun , das klingt sonderbar , « entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit ; » Sie wünschen mir Kummer und Elend , so ernsthaft , so von Herzen , wie die gewöhnliche Welt Freude und Glück zu wünschen pflegt . « » Wenn ich einer Frau Schmerzen wünsche , wie sie Georges Sand die Indiana fühlen läßt , heilige Schmerzen über die Entwürdigung des Weibes und ihre modernste Knechtschaft - dann muß ich diese Frau sehr hoch stellen , und ihr große Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen . « Wiederum trat eine längere Pause ein , die beiden gleich peinlich war . Sie fühlte nur zu gut , daß die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei , und er erkannte , daß es nicht in seiner Macht stehe , diese Schmerzen zu heilen . Sie reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand ; es war ein geistiges Verständniß , das diese edeln Naturen einander näher führte . » Es thut mir wirklich leid , « brach die Oburn das Schweigen , » daß uns das Schicksal erst jetzt , kurz vor meiner Abreise zusammengeführt ; wir hätten doch manche gemüthliche Stunde verplaudern können ! Wie habe ich mich während der ganzen Zeit meines hiesigen Aufenthalts nach einem echten , wahren Menschen gesehnt ! Diese Puppen und Zerrbilder , dies ganze Marionettenspiel einer innerlich hohlen Gesellschaft , diese platten , indifferenten Gesichter , denen