Es litt ihn nicht am Schreibtische . Unruhig schritt er im Zimmer umher ; er überlegte , daß Erlau , der Bewunderer der Giovanolla , daß Steinheim gewiß im Theater sein , daß Erlau vermuthlich jetzt in der Loge neben Jenny sitzen würde . Was die Liebe allein nicht vermocht hatte , das errang die Eifersucht : er griff rasch nach Hut und Mantel , und war eine Viertelstunde später im Theater . Erleichtert athmete er auf , als er die Männer nicht in ihrer Nähe bemerkte . Heute , nachdem er sie zwei Tage nicht gesehen , in denen er unaufhörlich an sie gedacht und die heißeste Sehnsucht empfunden hatte , heute schien sie ihm schöner und begehrenswerther , als je ! Aber Alles lag trennend zwischen ihm und ihr : Religion und Verhältnisse , und vor Allem ihre Kälte . Ja ! wenn er ihr mehr als nur ein Lehrer wäre , den sie hochhielt , wenn sie ein anderes Interesse für ihn hätte , wenn sie ihn liebte ! Mit diesen Gedanken hingen seine Augen an ihr , als ihr Blick ihn traf , und das selige Entzücken in ihren Zügen , die glühende Röthe , die ihr Gesicht urplötzlich überflogen , gaben ihm eine Antwort , die ihm das Herz aufwallen machte . Hunderte von Menschen waren jetzt zwischen ihm und der Geliebten , und das Geständniß , das er im Alleinsein ihr nie zu machen gewagt hatte , jetzt war es seinem Herzen entschlüpft ; die Zuversicht zu Jenny ' s Liebe , auf die er bisher nie gehofft , jetzt vor hundert Zeugen war sie ihm geworden . Das ist das Geheimniß der Liebe , daß sie zwei Herzen verbindet zu Einem , und diese absondert unter Tausenden ; daß das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der Worte , kaum des Blickes bedarf , um sich deutlich zu machen . Es ist , als ob die Liebe wie ein flüchtiger Aether dem einen Herzen entströme , um das andere zu erfüllen und zu beleben . Aber nur das geliebte , geöffnete Herz empfindet das Lebenswehen , das für es ausgeströmt wird . Die Uebrigen berührt der Strom von Jenseits nicht , und sie athmen ruhig die kalte Erdenluft , ohne zu ahnen , wie schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen . Reinhard und Jenny waren allein mit einander , mitten in dem menschenvollen Raume . Nur für sie allein sang die Gräfin , nur um ihren stillen Gefühlen Worte zu geben , und wie zum Schwure blickten sie sich ernst und heilig in die Augen , und wiederholten innerlich : » Laß mich sterben , Gott der Liebe , oder lindre meinen Schmerz . « Jenny , dem Kindesalter noch sehr nahe , wurde froh wie ein Kind , nachdem die Gewalt des ersten Eindruckes sich etwas vermindert hatte . Sie war glücklich in dem Bewußtsein , geliebt zu werden ; sie hätte es dem ganzen Publicum zurufen mögen : meinetwegen ist er in das Theater gekommen , und er liebt mich ! und doch hatte sie nicht den Muth , seiner Mutter zu sagen , daß er da sei , und daß sie ihn sähe . Ihr ganzes Gesicht lächelte schelmisch , als Cherubin kläglich fragte : » Sprecht , ist das Liebe , was hier so brennt ? « Reinhardt wandte kein Auge von der Geliebten , und ein ganzer Frühling von Glück und Wonne blühte in seinem Herzen auf , als Jenny bei der wiederholten Frage : » Sprecht , ist das Liebe , was hier so brennt ? « ihn muthwillig ansah , und ganz unmerklich für jeden Andern , ihm ein freundliches » Ja « mit den schönen Augen zunickte . Bald war das Finale des zweiten Actes mit seinem rauschenden Prestissimo vorüber . Reinhard verließ seinen Platz , und eilte , in die Nähe der Geliebten zu kommen . Es war ihm , als müsse er nun in Einem Worte alles Leiden und Hoffen der letzten Monate vor ihr enthüllen , als müsse er sie an seine Brust schließen und ihr danken für das Glück , das sie ihm in dieser Stunde gegeben . Er hätte das zarte Mädchen auf seinem Arm forttragen mögen , sich durchkämpfend durch eine Welt von Hindernissen , um das süße Kleinod ganz allein zu besitzen , um es an einen Ort zu bringen , wo kein begehrender Blick Diejenige träfe , die sein Ein und Alles war . Und als er die Thür der Loge geöffnet hatte , als Jenny sich umwendete , und er das Rauschen ihres seidenen Kleides hörte , da wußte er kein Wort zu sagen . Er sprach einige gleichgültige Dinge mit ihrer Mutter , hörte , wie seine Mutter sich freute , daß er noch so spät gekommen sei , und setzte sich schweigend neben Jenny nieder . Sie fühlte das Peinliche seiner Lage und auch sie war befangener , als jemals . Endlich brachte sie stockend die Worte hervor : Ich habe Herrn Reinhard schon beim Beginn des zweiten Actes gesehen . Und warum sagtest Du das nicht gleich ? fragte ihre Mutter . Ich dachte , ich wußte nicht , stotterte Jenny ganz verwirrt , bog sich zur Pfarrerin nieder , küßte ihr die Hand und bat , als ob sie ein Unrecht gut zu machen hätte : ach , sein Sie nicht böse ! Beide Frauen nahmen das lächelnd für eine von Jenny ' s Launen , und gaben nicht weiter auf sie Acht , als abermals der Vorhang emporrollte und das Duett zwischen Susanna und dem Grafen ertönte . Für Reinhard sang der Graf nicht vergebens : » So lang ' hab ' ich geschmachtet , ohn ' Hoffnung Dich geliebt « ; er fühlte dabei die Trostlosigkeit der verflossenen Tage auf ' s Neue , und Jenny konnte sie in dem beredten Ausdruck seines Auges lesen , ohne daß sie ein Wort mit einander zu sprechen brauchten