sich aufgehalten , daß es zunächst immer die Armen entgelten müssen , wenn ein Reicher einen Verlust erleidet , indem man zuerst immer den Armen abschränzt , ehe man sich selbst etwas Entbehrliches abbricht , und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen ? Und was trug das ab ? Eine Kleinigkeit , während man da , wo man das Zehnfache erübrigen konnte , alles im gleichen Trappe gehen ließ und sich keinen Zollbreit ändern konnte . Dublonen ließ man fahren , und wegen einer halben Krone mußte sie Worte hören , daß sie meinte , man haue ihr Leib und Seele abeinander . Sie sehe jetzt , daß keine Liebe zu ihr mehr da sei , daß sie der Sündenbock sei , der alles ausessen sollte , was Andere eingebrochet . Hatte sie nicht gewarnt , gemahnt ? Aber man achtete sich ihrer nicht , glaubte ihr nichts , und jetzt sollte sie es alleine entgelten . Wenn noch ein Funke von Liebe zu ihr da wäre , so wäre man nicht so gegen sie . Und ging dann etwa die Sache alleine aus Christens Gut , hatte sie nicht auch eingekehrt , daß es wohl ein Almosen ertragen möchte ! Ja , wenn sie eine bräuchige Frau wäre oder eine hoffärtige oder eine , die gerne im Sessel säße , so wäre es noch eins , aber ringsum sei Keine , die mehr eingebracht und mehr schaffete , und da möchte sie doch wissen , ob es ihr nicht auch etwas für ihre Freude ziehen möchte , und armen Leuten zu helfen sei einmal ihre Freude , und sie möchte wissen , ob das nicht besser wäre als Hoffart und Märitlaufen ; Und je mehr sie weinte , um so völler ward dem armen Änneli das Herz , daß es sie dünkte , es müsse zerspringen und es wolle die Seele oben zum Kopfe hinaus . Schwere , zornige Wolken wälzten sich über ihr Gemüt : Fortlaufen , Scheiden , Klagen , Aufbegehren , Auspacken , Wüsttun , eins nach dem Andern kam , und eins nach dem Andern ging , vor dem Einen schämte sie sich der Leute wegen , das Andere wollte sie nicht um der Kinder willen ; aber wie das Feuer das Wasser verzehrt und das Nasse trocknet , so verzehrte der Zorn das Leid und trocknete die Tränen , und als sie merkte , daß man sie suche ums Haus herum , da war es in ihrem Gemüte , wie es oft nach einem Gewitter am Himmel ist ; es regnet nicht , es donnert nicht , aber es scheint auch die Sonne nicht , trüb und trotzig sieht es am Himmel aus , und was werden will , weiß kein Mensch . Wie sie merkte , daß die Suchenden sich entfernt und niemand mehr hinter dem Hause sei , verließ sie ihren Kupwinkel und erschien im Hause , wie ein kluges Weib es so wohl versteht , daß es mitten unter den Leuten ist und Keiner sagen kann , wann und woher es gekommen . Die Kinder fühlten wohl , daß etwas nicht gut sei , aber keines frug nach der Ursache und jedes ging so bald wie möglich der Ruhe zu . Christen rauchte wie üblich seine Pfeife vor dem Hause , und wo er einmal saß , da stand er nicht gerne auf , und wie gerne er auch im Bette gewesen wäre , so war es ihm doch so zuwider , daran hinzugehen , daß er bis nach Mitternacht sitzen konnte , ehe er zum Entschlusse kam . So saß er auch diesmal lange und alleine draußen , und vielleicht nicht bloß aus Gewohnheit , sondern wahrscheinlich war es ihm auch , wie es jedem Menschen ist , wenn er sich einem Menschen nähern soll , von dem er weiß , daß er beleidigt ist , aber nicht weiß , ist er streitbereit oder friedfertig , während man selbst den Mut noch nicht gefaßt hat , offen und ehrlich den Frieden zu begehren . Endlich suchte er doch das Beet . Er war der Letzte , er betete sein Unser Vater , aber alleine , Änneli betete nicht mit . Als er fertig war , wartete er eine Weile ; Änneli blieb stumm , er wußte nicht , schlief sie oder wachte sie ; das erste Wort konnte er nicht reden , die Frage » Schläfst ? « harte er zehnmal im Halse , aber dort blieb sie , er legte sich schweigend nieder . Es war das erstemal , daß sie sich nicht gegenseitig bsegneten mit dem frommen Wunsche : » Gute Nacht gebe dir Gott . « Änneli harte nicht geschlafen , aber auch sie wollte nicht zuerst reden . Christen wars , der gegen sie so gröblich gefehlt , an ihm war das erste Wort , und auf dieses erste Wort wartete sie ; aber ob sie mit ihm Friede machen wollte oder nicht , das wußte sie nicht , aber sagen wollte sie ihm , was ihr fast das Herz zerreißen und was sie nicht ertragen konnte , wenn es so gehen sollte . Als Christen betete : » Vergib mir meine Schulden , wie ich auch vergebe meinen Schuldnern « , da dachte sie , ob er wohl an die Schuld denke , welche er heute gegen sie gemacht . Als er gebetet , erwartete sie seine Rede ; als er aber schwieg , als er sich zum Schlafen legte , ohne Wunsch und ohne Segen , da sagte sie zu sich selbst : So , ist das so gemeint ; jetzt ists fertig ! Kann der seine Sünden nicht mehr bekennen , so bin ich ein armer Tropf ; aber so ganz unterntun lasse ich mich nicht . Änneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran , daß es heiße von Sünden vergeben , sondern hatte nur Bekennen im Kopf und daß dieses Bekennen Christen zukäme , und weil er es nicht tat