mir meine Exaltation , durch einen Schluck alten Weins erzeugt , nichtswürdig und armselig vor . Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte stand ich da , Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen . Nur zu sehr hatte ich gefürchtet , daß die Spannung , in die mich der genossene Wein versetzt , nicht lange anhalten , sondern vielleicht zu meinem Gram noch größere Ohnmacht nach sich ziehn würde ; es war aber dem nicht so , vielmehr fühlte ich , wie mit der wiedererlangten Kraft auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem höchsten Wirkungskreise , den mir das Kloster darbot , zurückkehrte . Ich bestand darauf , am nächsten heiligen Tage wieder zu predigen , und es wurde mir vergönnt . Kurz vorher , ehe ich die Kanzel bestieg , genoß ich von dem wunderbaren Weine ; nie hatte ich darauf feuriger , salbungsreicher , eindringender gesprochen . Schnell verbreitete sich der Ruf meiner gänzlichen Wiederherstellung , und so wie sonst füllte sich wieder die Kirche , aber je mehr ich den Beifall der Menge erwarb , desto ernster und zurückhaltender wurde Leonardus , und ich fing an , ihn von ganzer Seele zu hassen , da ich ihn von kleinlichem Neide und mönchischem Stolz befangen glaubte . Der Bernardustag kam heran , und ich war voll brennender Begierde , vor der Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen , weshalb ich den Prior bat , es zu veranstalten , daß mir es vergönnt werde , an dem Tage im Zisterzienserkloster zu predigen . - Den Leonardus schien meine Bitte auf besondere Weise zu überraschen , er gestand mir unverhohlen , daß er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe , selbst zu predigen und daß deshalb schon das Nötige angeordnet sei , desto leichter sei indessen die Erfüllung meiner Bitte , da er sich mit Krankheit entschuldigen und mich statt seiner herausschicken werde . - Das geschah wirklich ! - Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den Abend vorher ; mein Innres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt , die den höchsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte , daß ihr Wiedersehen nur einen geringen Eindruck auf mich machte . Es war in der Stadt verbreitet , daß ich statt des erkrankten Leonardus predigen würde , und dies hatte vielleicht noch einen größeren Teil des gebildeten Publikums herbeigezogen . Ohne das mindeste aufzuschreiben , nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend , rechnete ich auf die hohe Begeisterung , die das feierliche Hochamt , das versammelte andächtige Volk , ja selbst die herrliche hochgewölbte Kirche in mir erwecken würde , und hatte mich in der Tat nicht geirrt . - Wie ein Feuerstrom flossen meine Worte , die mit der Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten Bilder , die frömmsten Betrachtungen enthielten , dahin , und in allen auf mich gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung . Wie war ich darauf gespannt , was die Fürstin wohl sagen werde , wie erwartete ich den höchsten Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens , ja es war mir , als müsse sie den , der sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt , jetzt die ihm inwohnende höhere Macht deutlicher ahnend , mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen . Als ich sie sprechen wollte , ließ sie mir sagen , daß sie , plötzlich von einer Kränklichkeit überfallen , niemanden , auch mich nicht sprechen könne . - Dies war mir um so verdrießlicher , als nach meinem stolzen Wahn die Äbtissin in der höchsten Begeisterung das Bedürfnis hätte fühlen sollen , noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen . Meine Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen , nach dessen Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen , weil ein geheimes Gefühl mir selbst die Schuld davon aufbürdete , ohne daß ich mir dies hätte deutlicher enträtseln können . Sie gab mir ein kleines Billett von der Fürstin , das ich erst im Kloster öffnen sollte ; kaum war ich in meiner Zelle , als ich zu meinem Erstaunen folgendes las : » Du hast mich , mein lieber Sohn ( denn noch will ich Dich so nennen ) , durch die Rede , die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest , in die tiefste Betrübnis gesetzt . Deine Worte kommen nicht aus dem andächtigen , ganz dem Himmlischen zugewandten Gemüte , Deine Begeisterung war nicht diejenige , welche den Frommen auf Seraphsfittichen emporträgt , daß er in heiliger Verzückung das himmlische Reich zu schauen vermag . Ach ! - Der stolze Prunk Deiner Rede , Deine sichtliche Anstrengung , nur recht viel Auffallendes , Glänzendes zu sagen , hat mir bewiesen , daß Du , statt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden , nur nach dem Beifall , nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten Menge trachtest . Du hast Gefühle geheuchelt , die nicht in Deinem Innern waren , ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und Bewegungen erkünstelt , wie ein eitler Schauspieler , alles nur des schnöden Beifalls wegen . Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich verderben , wenn Du nicht in Dich gehst und der Sünde entsagest . Denn Sünde , große Sünde ist Dein Tun und Treiben , um so mehr , als Du Dich zum frömmsten Wandel , zur Entsagung aller irdischen Torheit im Kloster dem Himmel verpflichtet . Der heilige Bernardus , den Du durch Deine trügerische Rede so schnöde beleidigt , möge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen , ja Dich erleuchten , daß Du den rechten Pfad , von dem Du , durch den Bösen verlockt , abgewichen , wieder findest , und er fürbitten könne für das Heil Deiner Seele . Gehab Dich wohl ! « Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin , und ich erglühte vor innerm Zorn , denn nichts war mir gewisser , als daß Leonardus , dessen mannigfache Andeutungen über meine Predigten ebendahin gewiesen hatten ,