einmal : ich will ihrem Zauber widerstehen , und ich hoffe , ich werde es . Ein hohes Bild schwebt in ätherischer Klarheit vor meiner Seele . Larissa erscheint mir oft , hier in Rom , seit ich um Calpurnien lebe , öfter als sonst , im Wachen , in Träumen - und nicht vergebens ! An dieser reinen Flamme verzehrt sich jede unlautere Begierde , läutert sich der Wille , stählt sich die Kraft . Ich habe alle Hoffnung verloren , sie wieder zu sehen ; dennoch kann ich in manchen Augenblicken einem heißen Wunsch , einer Ahnung künftiger Vereinigung nicht widerstehen . Auch das ist einer der Widersprüche in meinem Innern , die mich beschämen und quälen . Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemüths gelangen ? Soll meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen ? Oft vertröstet mich die Hoffnung , die doch keinen Menschen , wie elend er sey , verläßt , auf meine spätern Jahre ; Manneskraft und kälteres Blut wurden bewirken , was jetzt . Vernunft und Ueberlegung fruchtlos versuchen . Vielleicht hat diese Stimme recht ! Manchmal ist mir aber auch , als wäre , dies Alter zu erreichen , mir nicht bestimmt , als sollte ein frühzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen . Ich würde nicht darüber trauern . Auch hierin kann ich ohne Anmaßung und Stolz mit dem Weisen sagen : Ich gehorche den Göttern nicht , ich stimme ihnen bei2 . Denn , was ist das Leben , Phocion ? Die Bedingung unserer Bestimmung auf Erden . Wir sind hier , weil wir etwas zu thun , zu schaffen , zu hindern haben , das in den Plan des großen Ganzen gehört . Haben wir das verrichtet , so können wir abtreten . Hierzu ist kein Maaß der Jahre bestimmt . Die Vorsicht setzt das Werkzeug ihrer Absicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umständen in Bewegung . Ist die Wirkung vollbracht , dann zerbricht sie das unnütze Geräthe , und wo wir dann hinkommen ? Phocion , das ist das schauerliche Räthsel , das kein Sterblicher lösen kann . Tartarus , Elysium sind artige Mährchen . Doch hangen Viele daran , die nichts Höheres zu denken wagen . Darum sollen sie uns öffentlich heilig seyn ! Und auch ! - es wäre ein schöner Gedanke , die vorangegangenen Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend ! Dort würde ich auch meine Larissa sehen ! Ach wer daran glauben könnte ! Wie unglücklich ist es , diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben , und in allen Schulen der Philosophen , in allen ihren Büchern nichts zu finden , das diesen Verlust ersetzt ! Ach wer an Elysium glauben könnte ! sage ich noch einmal . Es ist gar zu traurig , welche düstre entnervende Vorstellungen von unserm Fortwähren im Hades3 sich die meisten , selbst vernünftigen Menschen machen . Wenn Hadrian sein Seel ' chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt , wo kein Scherz , keine Freude , mehr ist : wenn Achill im Homer lieber Tagelöhner auf der Oberwelt , als König im Reiche , der Schatten seyn möchte ; wenn Mäcenas es wünschenswerth findet , unter allen erdenklichen Schmerzen , selbst am Kreuze zu leben , nur um zu leben - wie müssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen seyn ! Wer aber gibt uns bessere , die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hätten ? Schlafen ? Nichts von sich wissen ? Was sind das anders , als schonende Namen für die grauenvolle Idee der Vernichtung , vor der das denkende Wesen zurückschaudert ? - Plato hat schöne Ideen , aber sie befriedigen nicht , sein Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen . Die Stoiker und alle übrigen Philosophen geben Vermuthungen . Wer gibt dem dürstenden Geiste Gewißheit ? Und vor Allem , wer gibt dem rohen sinnlichen Volke , das durch losen Spott und unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Götter aufmerksam geworden ist , und Ehrfurcht und Scheu als lästige Bande abzuwerfen strebt , einen neuen Zaum ? Es ist schrecklich , sage ich dir , wie weit die Verachtung alles Heiligen und Ehrwürdigen in Rom nicht blos in den höhern Ständen , sondern auch unter dem niedrigsten Pöbel geht . Diese alte Religion sinnlicher , leidenschaftvoller , diebischer , ehebrecherischer Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben , den sie , unbegreiflich genug , so manches Jahrhundert ausgeübt hat . Die Welt in ihrer jetzigen Verfeinerung , Ueberverfeinerung und Verderbtheit , braucht einen stärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gottheit selbst . Es ist unmöglich , bei den Folgen dieses Mißverhältnisses der Religion zum Zeitalter , gleichgültig zu bleiben . Die Zukunft scheint mir schrecklich , ich fürchte traurige Ereignisse für die Mit- und Nachwelt . Ich kann mich dieser Gedanken nicht entschlagen , wenn sie mich oft recht peinlich fassen . So leide ich doppelt . Das ist das unselige Loos von Gemüthern , wie das meine , daß das künftige Uebel sie schon quält , ehe noch das gegenwärtige seine Macht über sie verloren hat . Beklage mich , Phocion , nur entzieh dem düstern Träumer , den du schon oft vergebens ermahnt hast , deine Nachsicht und Liebe nicht . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen , und zum Gefangenen gemacht . Saphor , ihr mächtiger König , hielt ihn bis an seinen Tod in schimpflicher Gefangenschaft , und setzte , wenn er sein Pferd bestieg , immer den Fuß auf den Nacken des unglücklichen Monarchen . 2 Seneca de Tranquillitate . 3 Hades , Tartarus , Namen für die Unterwelt . Die Stellen auf welche weiterhin angespielt wird , sind folgende : Animula vagula , blandula , Hospes , comesque corporis Quae nunc abibis in loca Pallidula , rigida , nudula , Nec ut soles dahis jocos . -- -- -- Debilem facito manu