einzulenken verstehe , wenn ich den Blüthen des Augenblicks vorüberging , die Sie , nach der Frucht greifend , trotzig verschmähen . Die Frucht , erwiederte der Ritter , muß sich mir in der Blüthe offenbaren , sonst werfe ich den tauben Glanz hin . Und doch , entgegnete die Gräfin , wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie , der im einzelnen Moment höchst vornehm auf den Wahn befangener Gemüther blickt . Wie lange zählt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer , und Sie haben recht , wer wird auch den Blüthenstaub weghauchen , um zu sehen , was darunter liegt , nur seyn Sie überall derselbe , und fordern Sie heute nicht mehr von dem flüchtigen Lebensgenuß , als gestern . Ihr Muthwille , sagte der Ritter halb lachend halb erbittert , wird mich noch zur Verzweifelung bringen ! Wären Sie nicht so schön , oder ich keine Dame , fiel Seraphine ein , der blutigste Kampf könnte nur zwischen uns entscheiden . Gewiß lieber Alexis , fuhr sie fort , so herzlich gut ich Ihnen bin , so kann ich doch nie das Lachen lassen , wenn ich Sie so ernst und bedeutend über das Leben hinblicken , und gleichwohl in der nächsten Stunde durch höchst gewöhnliche Regungen gefesselt sehe . Nicht eine vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen , so willig geben Sie sich dem bunten Spiele hin . Daß Sie recht haben , schöne Seraphine , unterbrach sie der Ritter , beweise ich jetzt . Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt . Und gewiß , ich muß es Ihnen danken , daß Sie mich eines so heitern Spieles würdigten . Der Graf , der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefällig zuhörte , erinnerte sich jetzt , daß es Zeit sey , mit Ernst für Rodrichs Zukunft zu denken , weshalb er auch sogleich zum Fürsten gehen , und ihn von dem Erfolg der Unterredung benachrichtigen wolle . Rodrich schied voll dankbarer Rührung und hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit , deren Bild in Gestalt der flüchtigen Horen vor ihm hinschwebte . Sie waren noch nicht weit gegangen , als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stieß . Der Ritter schlug vor , den Tag bei ihm zuzubringen , was von Allen gern angenommen ward , da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft schon jetzt beschäftigte , und eine freudige Bewirthung verhieß . Des Ritters Wohnung war mit mehrern Kunstwerken verziert , die er auf seinen Reisen sammelte . Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines Meisters , das er mehrere male nachgezeichnet hatte . Es war ein Einsiedler von überaus schönem Ansehen , der in einer dunkeln Höle vor einem Cruzifix kniete , von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging , und des Einsiedlers Gesicht wundervoll beleuchtete . Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt , und begriff nun , warum ihn der Anblick des Laokoon so bewegte ; es waren dieselben Züge , die hier nur weicher und verklärter erschienen . Während er nachdenkend da stand , trat Stephano zu ihm , und ergoß sich im Lobe des Künstlers , der die individuellste Wahrheit höchst poetisch aufgefaßt und lebendig dargestellt habe . Das Ganze , fuhr er fort , hat etwas sehr rührendes , um so mehr , da eine geschichtliche Wahrheit zum Grunde liegt , die uns sehr nahe angeht . Man sagt , es sey des Herzogs Vater , der ein früher gebrochenes Gelübde eines Lieblingssohnes nur durch die Entsagung der Welt zu lösen glaubte , und vor kurzem als Einsiedler starb . Dann freilich , sagte der Ritter lachend , geht er Ihnen nahe genug an . Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte , und erfuhr , daß Stephano ein natürlicher Sohn des Herzogs sey , der außer ihm keine Kinder habe . Mehrere der Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt , und verhießen ihm hohe Würden , sogar die mögliche Nachfolge der Regierung . Er blickte indeß finster auf das Bild und beantwortete die Spöttereien mit einem erzwungenen Lächeln , das Rodrich unangenehm auffiel , den überall die ganze Unterhaltung ängstete , ohne daß er sich einen Grund anzugeben wußte . Der Ritter suchte indeß auf alle Weise wieder einzulenken , indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstände führte , und sich selbst mit unerschöpflicher Fülle in Anekdoten und Geschichtchen ergoß . Stephano blieb dennoch verschlossen , und wenn Rodrich des Ritters Beweglichkeit anstaunte , so suchte er sie vergebens in dem Gleichmuth und der ruhigen Klarheit wieder , die er gestern bewunderte . Auch in seinen Freunden erkannte er ihn nicht , die allesammt willige Hörer aber schlechte Redner zu seyn schienen , und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete , daß sie sich an ihn anzuschließen verstanden . Ein rüstiger Jüngling schien zwar mehr absichtlich als aus Beschränktheit zu schweigen , denn zuweilen drang ein ganz lustiger Einfall über den Ritter hervor , dessen lächerliche Seite er , wie die eines jeden Menschen , immer bereit war aufzufassen , ohne sich weiter um den Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekümmern . Für ihn war die Sache , wie sie erschien , und so fand er überall Stoff zu unendlicher Belustigung . Er selbst war , wie Stephano sagte , ganz ohne Bildung , allein voll natürlicher Anlagen , die er sehr geschickt anwandte , die Schwächen Andrer herauszuheben , ohne daß sie es merkten . So wußte er dem Ritter eine Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken , während er die listigen Augen voll Begier auf seine Lippen heftete , und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu erwarten schien , was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam fortriß . Selbst Stephano , der ihn ganz genau kannte , ging nicht selten in die Falle , indem er durch ihn , der nicht ein Wort davon verstand , verleitet , alle seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage fördern mußte , wobei