Scherz der Zauberschlägerei , von welcher oben der Wirt dem Kandidaten ins Ohr erzählt hatte . Er wußte nämlich ganz allein in seinem Zimmer ein solches Kunst-Geräusch zu erregen , daß es die vorübergehende Scharwache hörte und schwur , eine Schlägerei zwischen fünf Mann falle im zweiten Stocke vor ; als sie straffertig hinaufeilte und die Türe aufriß , drehte sich Quod Deus Vult vor dem Rasierspiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und fragte , indem er das Messer hoch hielt , verdrüßlich , ob man etwas suche ; - ja nachts repetierte er die akustische Schlägerei und fuhr die hineinguckende Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an : » Wer Henker steht draußen und stört die Menschen im ersten Schlafe ? « Dies alles kam daher , daß er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab wenig schätzte , dann Obrigkeit und Hof , etwa Bürger aber mehr . Bei einer solchen in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt ' ers nicht von sich erhalten , sich den Kleinstädtern , die ihn in seinen glänzenden Tagen unter Großstädtern nicht gesehen , in diesen überwölkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen ; lieber adelte er sich selber eigenhändig . Nach Haßlau war er nur gekommen , um ein Konzert zu geben , dann nach Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen , aber durchaus ungesehen . Unmöglich wars ihm , daß er nach einem Dezennium Abwesenheit , worin er über so viele europäische Städte wie eine elektrische Korkspinne , ohne zu spinnen und zu fangen , gesprungen war , wieder vor seinen dürftigen Eltern erscheinen sollte , aber nämlich , o Himmel , als was ? Als dürftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose , gelbem Studentenkollet und grünem Reisehut und mit nichts in der Tasche ( wenige Spezies ausgenommen ) als mit einem Spiel gesiegelter Entrée-Karten für künftige Flötenkonzerte ? - » Nein « , sagt ' er , » eh ' ich das täte , lieber wollt ' ich täglich Essig aus Kupfer trinken , oder eine Fischotter an meiner Brust großsäugen , oder eine kantianische Messe lesen oder hören , eine Ostermesse « . Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen Vater endlich zu überwältigen hoffen konnte durch einige Musik-Stunden und durch Erzählungen aus fremden Ländern : so blieb doch die unbestechliche Mutter unverändert übrig mit ihren kalten hellen Augen , mit ihren eindringenden Fragen , die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten . Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm verändert - aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberfläche und eine bewegte Tiefe in das seinige hinauf . - Walts Liebe gegen ihn hatt ' ihn ordentlich angegriffen - dessen poetische Morgensonne wollt ' er ganz nahe besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und Wärme-Messer anlegen- Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht - - Kurz , Vult konnte kaum den künftigen Tag erwarten , um nach Elterlein zu laufen , heimlich Walts Notariats-Examen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende sich dem Bruder zu entdecken , wenn ers verdiente . Mit welcher Ungeduld der gegenwärtige Schreiber auf den offiziellen , den Helden endlich aus seinen tiefen Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben , ermesse die Welt aus ihrer . Nr. 7. Violenstein Kindheits-Dörfchen - der große Mann Vult van der Harnisch reisete aus der Haßlauer Vorstadt nach Elterlein aus , als die halbe Sonne noch frisch und waagrecht über die tauige Fluren-Welt hinblitzte . Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten ; er fand Ähnlichkeiten und dachte , er sei unter den vieren der Zwilling , der am stärksten glühe , des gleichen der zweite Krebs . In der Tat hatte schon in der Bergstadt Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf angefangen und zugenommen auf allen Gassen ; schon ein gleichnamiger Mensch , wieviel mehr ein gleichnamiger Ort drängt sich warm ins Herz . Auf der lebendigen Haßlauer Straße - die ein verlängerter Markt schien - nahm er seine Flöte heraus und warf allen Passagiers durch Flötenansätze Konzertansätze entgegen und nach , schnappte aber häufig in guten Koloraturen und in bösen Dissonanzen ab und suchte sein Schnupftuch oder sah sich ruhig um . Die Landschaft stieg bald rüstig auf und ab , bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer , worin Kornfluren und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe . Rechts in Osten lief wie eine hohe Nebelküste die ferne Bergkette von Pestitz mit , links in Abend floß die Welt eben hinab , gleichsam den Abendröten nach . Da Vult erst nachts anzulangen brauchte , so hielt er sich überall auf . Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemähten Wiesen , eine Linnäische Blumenuhr aus Gras : stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens - liegendes auf 5 bis 7 - zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr - Hügel aus Heu auf 3 - Berge auf den Abend . Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeitsidylle an diesem Tag zum erstenmal , so sehr hatten bisher die langen Fußreisen das übersättigte Auge blind gemacht . Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief : so zogen sich die Kirsch- und Apfelbäume wie die Abend-Schatten lang dahin - runde grüne Obstfolgen wurden häufiger - in einem Tale lief schon als dunkle Linie das Bächlein , das durch Elterlein hüpft - vor ihm grünte auf einem Hügel , von der Abendsonne golden durchschlagen , das runde dünne Fichtengehölz , woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren , und worin man oben gerade in das Dorf hinuntersah . Er lief ins Gehölz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein , für ihn eine Kinder-Aurora . Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus , und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter , daß ihm war , als sei er ein Knabe , und jetzt sei Feierabend