auf seine Freigebigkeit habe . Zufälliger Weise ( wie man , vielleicht sehr uneigentlich , zu sagen pflegt ) kam er in die Werkstatt des alten Sophroniskus , als der Sohn die erwähnte Graziengruppe eben vollendet hatte . Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit gleicher Aufmerksamkeit , ließ sich mit dem angehenden Künstler in ein Gespräch ein , und beschloß von Stunde an , sich um sein Vertrauen zu bewerben , und wenn er es gewonnen hätte , alles anzuwenden um ihn mit guter Manier aus der Stein-und Bildhauer-Werkstatt in eine seinen natürlichen Anlagen angemessenere Art von Thätigkeit zu versetzen . Es befanden sich damals drei Männer in Athen , deren jeder in dem Fache von Gelehrsamkeit , welches er vorzüglich bearbeitete , für den ersten galt : Anaxagoras54 von Klazomene , ein Philosoph aus der Schule des Thales , der Sophist Prodikus von Ceos und Damon , ein geborner Athener , einer der berühmtesten Tonkünstler seiner Zeit . Der erste hatte das Studium der Natur , wiewohl auf einem falschen Wege , der zweite die Kunst zu reden , als eines der mächtigsten Werkzeuge , wodurch man in Republiken auf die Menschen wirken kann , der dritte , die Theorie der Musik , insofern sie eine Art von magischer Gewalt über das Gemüth und die Leidenschaften auszuüben fähig ist , zum Hauptgeschäfte seines Forschens gemacht . Alle drei genossen des Schutzes und der Achtung des großen Perikles , die vornehmsten Athener suchten ihren Umgang , und jedermann schätzte es für ein besondres Glück , wenn er seinem Sohne den Zutritt bei dem ersten , und den Unterricht der beiden andern verschaffen konnte . Sobald Kriton den Vorsatz gefaßt hatte , sich des jungen Sokrates mit Ernst anzunehmen , war seine erste Sorge , ihn mit diesen drei Männern , mit welchen er selbst auf einem freundschaftlichen Fuße lebte , in Bekanntschaft zu setzen ; denn er zweifelte nicht , daß sie stark auf den jungen Mann wirken und gar bald den Gedanken in ihm erwecken würden , die Natur habe ihn zu einer höhern Bestimmung berufen , als in Thon , Holz und Stein zu arbeiten . Verehrern der Kunst , wie du und ich , mag dieß etwas anstößig klingen ; aber die meisten Griechen machten sich damals und noch jetzt einen viel zu geringen Begriff von derselben , und ein Bildhauer war in ihren Augen am Ende doch nichts weiter als ein Handwerksmann , der sein Brod durch mechanische Handarbeit in einer harten Materie sauer und mühselig verdienen müsse . Wahrscheinlich hatte Kriton selbst damals keinen andern Gedanken , als den jungen Sokrates in eine höhere Classe hinaufzurücken , und durch Entwicklung und Ausbildung seiner Fähigkeiten in den Stand zu setzen , dereinst eine bedeutende Rolle in der Republik zu spielen . Auch erreichte er seine Absicht , wiewohl in einem ganz andern Sinne , und in der That auf eine weit vollkommnere Art als er sich vorgestellt haben mochte . Der Sohn des Sophroniskus gewann in kurzer Zeit die Zuneigung des gelehrten Triumvirats ; sie machten sich ein Vergnügen daraus , ihm Anleitung zu geben und von ihren Kenntnissen so viel mitzutheilen als er davon gebrauchen konnte und wollte . Denn , wiewohl er sich mehrere Jahre lang mit allen Arten der speculativen Wissenschaften , die von der Ionischen Philosophenschule damals mit ungemeinem Beifall betrieben , und von den sogenannten Sophisten nach ihrer eigenen Weise popularisirt wurden , mit vielem Fleiß gelegt haben soll , so scheint er doch ziemlich bald einen Beruf in sich gefühlt zu haben , seinen eigenen Weg zu gehen , und sich sowohl in Meinungen als im Leben unabhängig und frei von fremdem Einfluß zu erhalten . Es war ein Leichtes gewesen seine Wißbegierde zu erwecken : die sogenannte physische Philosophie , von welcher Anaxagoras Profession machte , hatte unendlich viel Anziehendes . Denn sie versprach nichts Geringeres , als den undurchdringlichen Vorhang , hinter welchem die Natur ihre Mysterien treibt , wegzuziehen , und über die angelegensten Fragen , die der menschliche Geist an sich selbst zu thun sich nicht erwehren kann , befriedigende Aufschlüsse zu geben . Aber sein guter Verstand ließ ihn bei Zeiten wahrnehmen , nicht nur daß sie nicht hielt was sie versprach , sondern auch , daß sie weit mehr versprach als sie halten konnte . Er suchte Wahrheit , und man fertigte ihn mit Hypothesen ab , die man zwar mit vielem Scharfsinn zu möglich scheinenden Auflösungen der Räthsel , die uns die Natur aufzurathen gibt , anzuwenden wußte , die aber keinen festen Halt hatten , und , wenn sie scharf geprüft wurden , weder den Verstand noch die Einbildungskraft befriedigten . Er suchte nützliche Wahrheit , und man wollte daß er einen großen Werth auf Speculationen legen sollte , von welchen nicht der mindeste Gebrauch im menschlichen Leben zu machen war . Alles was er mit den Nachforschungen , die einen guten Theil seiner schönsten Jahre aufzehrten , gewonnen zu haben glaubte , war - und konnte für einen so reinen Wahrheitssinn , wie der seinige , nichts anderes seyn , als » das Bewußtseyn , daß er vom Ursprung der Welt und ihren elementarischen Bestandtheilen , von Materie und Geist , von Raum und Zeit , von den unsichtbaren Kräften , mit deren sichtbaren Wirkungen die Natur uns überall umgibt , kurz , von den überirdischen und übersinnlichen , himmlischen und überhimmlischen Dingen , gerade so viel wisse als vorher , nämlich nichts oder wenig mehr als nichts . « - Dieß war ein großer Abfall von den glänzenden Erwartungen , die man ihm vorgespiegelt hatte , und was für ein anderes Resultat konnte aus einer solchen Erfahrung hervorgehen , als die innigste Ueberzeugung , daß der größte Theil der Probleme , womit die speculativen Philosophen seiner Zeit sich selbst und ihre Lehrlinge unterhielten , ganz und gar keine Gegenstände des menschlichen Wissens seyen , und daß ein gesunddenkender Mensch in der kurzen Lebenszeit , die ihm von der