gesehen ; man hatte ihr den grimmig blickenden Menschen auf der Gasse gezeigt . Es war ihr damals gewesen , als habe sie schon mit ihm gesprochen , doch wußte sie nicht mehr wann und wo . Sie wußte ungefähr , was man sich über ihn erzählte und daß er in der Stadt wie der böse Feind geachtet war . Ein zielloses Verlangen regte sich in ihrem Innern . Ihr Blut kam ins Prickeln , die stockige Umwelt geriet in Bewegung , auf einmal ergriff sie Geige und Bogen und begann mit lachendem Gesicht und verwegen blitzenden Augen einen ungarischen Tanz zu spielen . Herr Carovius erhob den Kopf . » Tempo ! « befahl er , » Tempo ! « schlug den Takt mit den Händen und stampfte mit dem Fuß . Dorothea lachte , schüttelte die Haare und spielte immer schneller . » Tempo ! « heulte Herr Carovius , » Tempo ! « Vom Hof herein drang ein krankes Bellen . Es war Cäsar , der Hund , der in den letzten Zügen lag . 10 Daniels Mutter war gekommen ; sie hatte die kleine Eva mitgebracht . Aus der Zeitung hatte Marianne den Tod Lenores erfahren ; niemand hatte ihrer gedacht , niemand hatte an sie geschrieben . Und in der Zeitung hatte nicht einmal sie selbst es gelesen , sondern der Eschenbacher Doktor , der auf den Fränkischen Herold abonniert war , hatte ihr eines Morgens das Blatt gereicht und zaghaft auf die Todesanzeigen gewiesen . Das Begräbnis hatte sie versäumt . Sie ging aber auf den Kirchhof und betete an Lenores Grab . Daniels Verlust begriff sie ganz . So wie sie ihn antraf , so hatte sie sich vorgestellt , daß er sein würde . In der Maßlosigkeit seines Schmerzes , in der stummen Verzweiflung erkannte sie ihren Sohn , er war ihr näher dadurch als irgendwann vorher . Sie würdigte diesen Schmerz , sie hatte nicht das Bedürfnis , ihn zu verringern oder abzulenken . Sie schwieg , wie Daniel selber schwieg und legte bloß bisweilen die Hand auf seine Stirn . Da murmelte er : » Mutter , ach Mutter ! « Und sie antwortete : » Laß nur ; acht ' nicht meiner . « Sie sagte sich : Wenn eine Lenore dahingehen muß , in der Jugend Blüte , dann muß man trauern , bis die Seele von selber wieder hungrig wird nach Leben . Eva hatte anfangs versucht , mit ihrem Stiefschwesterchen zu spielen , wurde aber von Philippine stets aus dem Zimmer gejagt . Einmal kehrte sie sich gegen die Wütende und rief aus : » Ich werd ' s meinem Vater sagen . « » So ? Deinem Vater ? Sag ' s ihm nur , deinem Vater , « versetzte Philippine höhnisch . » Wer is er denn , dein Vater ? Was is er , wo is er ? Im Pommerland vielleicht ? « Und sie fügte singend hinzu : » Pommerland is abgebrannt - Maikäfer flieg ! « » Mein Vater ? der ist doch da ; drinnen ist er , « erwiderte Eva verwundert und gekränkt ; » bist ja in seinem Haus . Und das Agneslein ist ja meine Schwester . « Philippine riß Mund und Augen auf . » Dein Vater - ist drinnen - ? « stotterte sie , » und das Agneslein - deine Schwester - ? « Sie erhob sich , packte Eva roh an der Schulter und zerrte sie mit sich über den Flur in die Stube , wo Marianne und Daniel waren . Mit einem Lachen , das irr klang , und einem Ausdruck von Frechheit und Raserei im Gesicht keuchte sie : » Der Balg behauptet , Daniel wär sein Vater und das Agneslein seine Schwester . So ein hundsföttischer Balg ! « Voll Schrecken stand Marianne auf und eilte zu Eva hin , die bleich , das Gesicht von Tränen überströmt , die Arme nach ihr streckte . » Loslassen ! « befahl sie . Philippine ließ das Kind los und wich zurück . » Ist ' s denn wahr ? « lispelte sie plötzlich furchtsam , » ist ' s denn wahr ? « Marianne kniete auf dem Boden und hob ihr Pflegekind empor . » Geh deiner Wege , du Racker , « sagte sie finster zu Philippine . » Daniel ? « machte Philippine fragend , mit aufgehobenen Händen zu Daniel gewandt , und wieder : » Daniel ? « So , als wolle sie ihn auffordern , zu sprechen , als wolle sie ihm vorwerfen , daß er sie betrogen . Es hatte einen unheimlichen Ton , dies fragende : Daniel , Daniel . » Geh zu deinem Agneslein , « antwortete Daniel gequält . Er fühlte sich je länger , je mehr in Philippines Schuld ; und jetzt gar , was sollte er beginnen ohne sie , die die einzige Hüterin seines Kindes war . Die Mutter konnte nicht in der Stadt bleiben , sie hatte draußen ihr Brot , und Eva wuchs bei ihr in Frieden auf . Das Agneslein durfte man Philippine nicht rauben , auch wenn es die Mutter hätte übernehmen wollen ; an dem Kind hing Philippine mit einer richtigen Affenliebe . Auch für den alten Jordan war Philippine unentbehrlich ; Daniel konnte ihm nicht die Stube aufräumen , konnte nicht für sein Essen sorgen . Und Philippine ging hinaus . » Der Luderskerl , « sagte sie vor der Türe und ballte die Faust , » der Luderskerl ! Noch ein Bankert hat er , der Luderskerl ! Wart nur , Bankert ! Dir kratz ich die Augen aus . « Das in sich hineinschluchzende Kind auf dem Schoß haltend , saß Marianne neben Daniel . » Tu nicht weinen , Eva , « tröstete sie , » bald fahren wir wieder heim . « Da schaute Daniel seiner Mutter aufmerksam ins Gesicht , und er erzählte ihr , wie Philippine ins Haus