« fuhr er fort zu fragen . » Nein . Das heißt , ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von seinem Jäger . Er war bei einem Freund , dem Grafen von Belgarde , an der normannischen Küste zu Besuch . Am Morgen des vierten September fand man ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als Leiche . « Herr von Imhoff sah zu Boden . Als er wieder aufblickte , fixierte er den Polizeileutnant fremd und sagte : » Es tut uns allen von Herzen leid . Ich glaube , daß niemand in diesem Saal ist , der dem unglücklichen Mann nicht ein lebendiges Andenken bewahren wird . Nichtsdestoweniger , Herr Leutnant , bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber Rechenschaft schuldig . « Hickel verbeugte sich stumm . Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht , die Gäste zu beruhigen , aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters anzündeten , meldete man Frau von Imhoff , daß ihre Schwiegermutter , die Jubilarin , infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und sich auf ihr Zimmer begeben habe . Sie folgte sogleich nach . Dies war ein Signal zu allgemeinem Aufbruch . Der Regierungspräsident und der Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal , und schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel Platz . » Ich hab es immer geahnt , daß uns der gute Lord noch einmal eine grimmige Überraschung bereiten würde « , sagte Herr von Imhoff . » Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen ? « meinte einer aus der Gesellschaft . Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus ; die Unterhaltung kam in Fluß , und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient , die Phantasie der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen , so auch hier . Man gab sich bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin . Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt . Die jungen Leute entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden . Nach einer Weile kam ein Diener , um die Lichter auszulöschen , und dieser entdeckte Caspar . Als Caspar gegen die Treppe zu ging , hörte er Schritte hinter sich , und Frau von Kannawurf trat an seine Seite . Sie fragte ihn , ob er nach Hause wolle , und er bejahte . » Es regnet « , sagte sie unten beim Tor und streckte die Hand hinaus . Sie wartete ein wenig , um den Regen vorübergehen zu lassen , aber es wurde ein heftiger Guß daraus , und das Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden . Ein kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen , und Frau von Kannawurf forderte Caspar auf , mit ihr ins Zimmer zu gehen , es könne allzu lang dauern . Er folgte still . Oben machte sie Licht , dann stand sie und sah versonnen in die Flamme . Ihre Schultern bebten fröstlich . Caspar hatte sich auf das Sofa gesetzt . Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit , daß es ihn förmlich hintüberzog , und er mußte sich auf den Rücken legen . Da trat Clara zu ihm und ergriff seine Hand , die er ihr jedoch hastig wieder entriß . Er machte die Augen zu , und einen Moment lang war sein Gesicht vollkommen leblos . Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus und fiel neben ihm auf die Knie . Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat um Wasser ; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken . Er trank ein paar Schlücke . » Was ist dir , Caspar ? « flüsterte sie , und zum erstenmal duzte sie ihn . Er lächelte dankbar . » Du bist wie eine Schwester « , sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres über ihn gebeugten Kopfes . Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund einen eignen Klang ; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort . Clara schmiegte sich an seine Seite ; ihr war , als müßte sie ihn wärmen , er aber rückte ängstlich fort , da wollte sie sich wieder erheben , doch betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden Ausdruck von Schmerz und Liebe . » Clara « , sagte er , und sie glaubte vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen , denn die schüchtern-flehentliche Art , wie er diesen Namen aussprach , hatte etwas Überirdisches . Es kam nun so , daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander lagen , stumm , stumm , regungslos und über und über zitternd beide . Sie streckte die Hand nach ihm aus , und der Atem seines Mundes floß in die Luft gleich dem ihren . Als es von der Schloßuhr zwölf schlug , schauerte Clara zusammen . Sie erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin : » Nie , nie , nie , nie . « Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es . Der Regen hatte längst aufgehört , das Firmament war klar , der ganze Sternenhimmel lag funkelnd vor ihr da . Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten entgegen , denn von dieser , auf der sie lebte , war sie satt . Sie sagte zu Caspar , er könne die Nacht im Schloß verbleiben , aber er entgegnete , das wolle er nicht . Sie ging dann hinaus , um zu sehen , ob Frau von Imhoff noch wach sei . Sie schritt am Speisesaal vorbei , wo die Herren noch beim Wein saßen und laut redeten . Die Baronin hatte sich gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben . Clara teilte ihr mit , daß Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei . Frau von Imhoff nickte , sah aber die Freundin etwas verlegen und verwundert