Hallucination oder Wirklichkeit . Man sagt , daß Sterbenden die Augen geöffnet seien , und er befindet sich ja heut noch unter der Pforte , an welcher die Gewißheit an die Stelle der Hoffnung tritt . Nehmen wir ihn genau so , wie er ist ! Seine Gedanken werden denen des Gedichtes folgen . Was dahinten liegt , das ist für ihn vorüber ; die Krankheit gibt seiner Seele eine Empfänglichkeit , eine Weichheit , welche jeden lieben , guten Eindruck haften läßt . Die Worte dieser acht Zeilen werden sich tief und unauslöschlich eingraben ; der Sinn derselben wird ihm zum geistigen Eigentume , zum Wesen werden , und wenn er genesen ist , wird er ein ganz , ganz Anderer sein , als er vorher war , gleichviel , ob er körperlich ebenso sicher genesen wird wie geistig , oder nicht . « Diese letztere Wendung klang so , als ob er eigentlich gar nicht beabsichtigt habe , sie auszusprechen . Ich ahnte aber schon längst , daß er Waller in körperlicher Beziehung nicht für einen Genesenden , sondern für einen Sterbenden hielt und dies aber Marys wegen so lange wie möglich zu verschweigen suchte . - Ich stellte mich schon gleich nach 10 Uhr mit Tsi bei Waller ein . Mary , die bis jetzt bei ihm gewesen war , ging schlafen . Der Kranke lag geschlossenen Auges auf seinen Kissen . Ob er wirklich schlief , konnten wir nicht unterscheiden . Es war , wie bereits gesagt , alles nicht in eine Krankenstube Passende aus der Kajüte entfernt werden . Das Bild der » Yin « aber hing noch an der Wand . Ich hatte von Mary und Tsi gehört , daß es die Augen Wallers , so oft er wache , mit unwiderstehlicher Gewalt auf sich ziehe . Wir legten den Schleier über das elektrische Licht und setzten uns hinaus vor die offene Tür . Es schien außer uns , dem Steurer und der Deckwache auf dem Schiffe sich Jedermann zur Ruhe gelegt zu haben . Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen . Er warf den Schatten der Kajüte quer über das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das Innere derselben . Sein Schein fiel auf die Füße des Schläfers und rückte langsam an der still ruhenden Gestalt desselben empor . Der auf dem Lichte liegende Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken ; es gab da , wo sie gehalten wurde , eine Lücke , durch welche das Licht hinüber auf das Bild der Chinesin fiel und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten hervortreten ließ . Das sah so unirdisch aus . Ich dachte unwillkürlich an die Fee , von welcher Raffley zu Mary gesprochen hatte . Tsi schien denselben Eindruck wie ich zu empfinden . Seine Augen hingen an dem Innern der Kajüte , und er flüsterte mir zu : » Wie das Geheimnis bannt ! Ist es Körper , oder ist es Seele ? Es scheint , daß hier ein Ort der Offenbarung sei ! Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken . Man sollte ahnen , daß dieses süße , weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle ! « Ich antwortete nicht , konnte aber auch den Blick nicht von dieser Szene wenden . Das Bild sah lächelnd auf den Schlummernden nieder und schien die Lippen zu bewegen . Der Schein des Mondes schmiegte sich weiter und weiter an seiner Gestalt empor . Jetzt legte er sich ihm schon auf die Brust ; dann berührte er das Kinn , den Mund ; er kam bis an das Auge , und nun geschah , was Tsi erwartet hatte : der Kranke begann zu sprechen , erst flüsternd und für uns nicht verständlich ; dann aber , als der Mond das ganze Gesicht , auch Stirn und Haar beschien , hörten wir deutlich , was er sagte : » Sei mir gegrüßt , du lieber Himmelsstrahl , in dem mein Engel zu mir niedersteigt ; leg dich verklärend um die Erdenqual , wenn sterbend sie das Haupt am Kreuze neigt ! Sei mir gegrüßt ! Laß mich im Glauben sehn , daß jene Liebe , welche litt , nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn , im neuen Leibe vor die Jünger tritt ! « Als er hierauf schwieg , sagte Tsi leise zu mir : » Ich vermutete ganz richtig : das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht . Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht . « Diese Voraussage bewahrheitete sich . Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam und jedes Wort betonend , in den beiden Zeilen fort : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte ! « Hierauf flüsterte er wieder wie vorher . Wir hörten nur den Namen Jesus deutlich . Dann erhob er die Stimme wieder und sprach : » Er ging durchs Land , wie nur die Liebe geht , die keinen Hader um den Himmel kennt , weil jede Kerze , die am Altar steht , wie alle andern nur nach oben brennt . Er brachte sich der ganzen Menschheit dar , nicht einem auserwählten Volk allein , und weil sein Reich nicht von der Erde war , kann es auch jetzt nicht von der Erde sein ! « Tsi griff nach meiner Hand und drückte sie ; ich verstand ihn , obgleich er dazu schwieg . Jetzt wendete der Kranke sein Gesicht dem Fenster zu , durch welches der Strahl des Mondes fiel , so daß es fast tagesdeutlich vor unsern Augen lag . Er lächelte wie Einer , der etwas unendlich Liebes schaut , indem er sich von Neuem hören ließ : » Er kam und ging wie dieses milde Licht , willkommen , gern gesehn an jedem Ort ; ein Evangelium sein Angesicht , sprach er als Vorbild sein Erlösungswort . O du , der selbst den Schächer nicht verwarf , den Mörder , der an deiner Seite