in der Einsamkeit des Fischerdorfes Sassitz , von allem Verkehr mit der Welt abgeschlossen , gelebt . Wie er nach Sassitz gekommen war , wußte er selbst kaum . Seit ihm Melitta so plötzlich geraubt war , hatte ihn eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen Alles ergriffen , was nicht in irgend einer Beziehung zu ihr stand , die jetzt seine ganze Seele erfüllte . In dieser Apathie hatte er sich selbst von Bruno ohne Schmerz getrennt . Auf die Wünsche der Baronin ging er um so bereitwilliger ein , als er sich in seiner augenblicklichen Stimmung nach Einsamkeit sehnte , wie ein Kranker nach Ruhe . So sagte er denn zu Allem : Ja , und als er den Wagen , welcher die Familie entführte , sich in Bewegung setzen sah , fiel es ihm wie eine schwere Last vom Herzen . Er wünschte den Zurückbleibenden , Herrn Timm und Mademoiselle , flüchtig Lebewohl und wanderte , einen leichten Ränzel , der noch aus seiner Studentenzeit stammte , auf dem Rücken , zum andern Thore hinaus , wie der Held eines Märchens , ohne eine Ahnung davon zu haben , wohin er seine Schritte lenken sollte , und wo er heute Nacht sein Haupt zur Ruhe legen würde . Die Sonne brannte heiß ; es fiel ihm ein , daß es im Walde frisch und kühl sein müsse . So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauschten über ihm die Tannen des Forstes , der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehörte . Das Rauschen der hohen Bäume lullte ihn in süße Träume . Träumend wanderte er weiter , bis er plötzlich auf die Lichtung heraustrat , wo in dem Schutze der vielhundertjährigen , breitastigen Buche Melitta ' s Kapelle lag . Die Thür des Häuschens war verschlossen , die grünen Jalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen , die Treppe und die Veranda waren sorgsam gefegt , wie es die strenge Ordnungsliebe des alten Baumann , der jetzt das Regiment in Berkow führte , erheischte . Oswald setzte sich auf die Stufen der Treppe und stützte den Kopf in die Hand . So saß er in Nachdenken versunken , während in den Zweigen der Buche über ihm ein Waldvögelein sein eintöniges Lied mit dem stets gleichen melancholischen Refrain ertönen ließ . Wie einsam er sich fühlte - wie einsam und wie verlassen ! Dem Kinde gleich , das auf weitem öden Moore den Weg zum Hause der lieben Eltern verloren hat . Hier an dieser selben Stelle hatte er in der Nacht vor der Gesellschaft in Barnewitz mit Melitta gesessen - sie hatte den Kopf an seine Brust gelehnt gehabt und süßeste , köstlichste Worte der Liebe hatte ihr Mund geflüstert . Jetzt war es still um ihn her . Sehnsüchtige Gedanken an die Entfernte glitten durch seine Seele , wie Vögel die den Süden suchen , durch den weiten Himmelsraum . Ein Sonnenstrahl , der heiß und stechend durch das Laubdach auf ihn fiel , mahnte ihn , daß es Zeit sei , aufzubrechen . Eile hatte er freilich nicht , es war noch früh am Nachmittage , und irgend einen , gleichviel welchen Ort , wo er sein Quartier für die Nacht aufschlagen konnte , mußte er immer noch erreichen . So schlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin , den er noch nicht betreten hatte und der ihn , ehe er sich ' s versah , an den Strand des Meeres führte . Nun wanderte er am Strande fort , bald auf der Höhe des Ufers , wenn die See , wie es häufig geschah , unmittelbar den Fuß der Kreidefelsen bespülte , bald auf dem festen körnigen Sande des schmalen Vorstrandes . Hier und da hatte einer der kurzen wasserreichen Bäche , die aus dem Innern der Insel dem Meere zueilen , das Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt , die mit einer fast südlich üppigen Vegetation bedeckt war . Aber mit Ausnahme dieser wenigen grünen Oasen zeigte sich dem Auge nichts als kahler Fels , nackter Sand , das eintönige blaue Meer , auf dem hier und da ein weißes Segel schwamm , und der eintönige blaue Himmel , an dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich stand . Und zu diesem eintönigen Bilde die einförmige Musik der brandenden Wellen und dann und wann der grelle Schrei der Möve oder das melancholische Pfeifen der kleinen Strandläufer . Die Monotonie dieser Linien , dieser Farben , dieser Töne wäre für ein glückliches , lebensfrohes Gemüth unerträglich gewesen , aber sie paßte wunderbar zu Oswald ' s Seelenzustand . Seine Schwermuth harmonirte mit dieser tief-ernsten Natur , die von Glück und Freude nichts zu wissen schien , desto mehr aber von dem Jammer und der Qual des Lebens . Klang der grelle Schrei , das schrille Pfeifen der Meeresvögel nicht wie Klaggesang ? war es nicht , als ob das Meer in den Wellen , die sich in monotonen Cadenzen unaufhörlich am Strande brachen , das verworrene Räthsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte ? Und sein eigenes Leben kam ihm so ziel- und zwecklos vor , wie dies sein Umherirren zwischen den Uferklippen . Glich es nicht seinem Fußtritte auf dem harten Sande , wo die nächste Welle schon die leichte Spur gänzlich verwischte ? Warum geboren werden , Anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten , wenn Alles doch zu nichts führt ? wenn die Vergangenheit sich hinter uns aufthürmt wie das steile unersteigliche Ufer , die Zukunft uns angähnt , wie das öde wüste Meer , und die Gegenwart ein schmaler Strand ist , den die unbarmherzig glühende Sonne nur deshalb so grell zu erleuchten scheint , um ihn in seiner ganzen trostlos dürftigen Nacktheit zu zeigen ? Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln scheint , so scheint es eben nur ; so ist es eben nur eine trügerische Spiegelung , die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tückischen