Anspruch nimmt als den protestantischen Pfarrer , fehlt doch die Familie , ihre Zerstreuung , ihre Sorge . Einsamkeit ertragen können ist eine hohe Lebenskunst ! Sie ist der wonnevollste Genuß , ja der Luxus des Denkers ! Eine Qual ist sie für den mäßigen Kopf . In diesen trüben Winterabenden , wo der katholische Geistliche auf dem Dorfe niemand zum nähern Umgang hat , unterhält ihn die Feder , die Druckerschwärze , die Beziehung zur Literatur , der Antheil an ihren Händeln . Schreiben darf er nichts , was nicht im Sinne seines großen Ganzen ist , und so hilft sich die trübe Laune durch Abfassung von Predigten , Gebeten , polemischen Ausfällen ; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder wohlthuenden Lärm hinein . Der Dechant wußte , daß , wenn die niedere Geistlichkeit aus dem Bauernstande hervorgeht , das geistliche Convict ihm eine abschleifende Berührung mit der Welt nicht gewährt . Beda Hunnius , von Geburt ein Bauernsohn , unterstützt durch Stipendien , auf besondere Empfehlung in dem Convict jener Stadt gebildet , wo er mit Bonaventura die Weihen empfing , hätte immerhin nach seiner Meinung stürmen und lärmen mögen , soviel er wollte ; aber er dichtete auch ! Er dichtete in einer überschwenglichen Manier , die dem Schauspielerstande gleicht , der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht , von der » Götter altem Heiligthume « , » der ewigen Roma Majestät und Capitole « ... » Jerichorosen « hießen Beda Hunnius ' poetische Erstlinge , » Lacrymae Christi « seine zweite Sammlung . Es folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre , wenn er seinen Collegen sah , wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die Straßen von Kocher schritt , oder ihn hörte , wie er mit der gewaltigen Hand auf das Kanzelpult schlug , sich an seine Zuhörer z.B. mit den Worten wendend : » Um ein für allemal euer Nasenschneuzen während meiner Worte abzuschaffen , behaltet ihr euer Sacktuch so lange in der Tasche , bis ich sage : Putzt jetzt eure Nasen ! « ... und dann von derselben Hand , von demselben Munde eine zarte » Purpurviole « auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weisen der Ueberschwenglichkeit ! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen . Dennoch würde der Dechant , eingedenk seiner Siriusreligion , auch das ertragen und gelächelt haben , selbst über die unablässige geheime Polemik im » Kirchenboten « gegen ihn selbst , gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene Richtung - vor allzu bösen Umtrieben schützten ihn die reichen Geldspenden , die man in der Dechanei für alles und jedes , selbst » zum Ankauf von Kohlen zu Scheiterhaufen « , wie er sagte , zu jeder Zeit erhalten konnte - aber bei den Conferenzen , die Hunnius eingeführt hatte , konnte er oft gar verdrießlich werden über die vielen Erdenschlacken des Himmlischen , über den Sauerkrautsduft auch sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte er wie ein Zelot gesprochen : Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden ? Auf welchem Concil ? Durch welchen Apostel , Märtyrer oder Bekenner ? Es war nicht Scherz , wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon mit dichten Dünsten und Nebeln gefüllte Schulstube den sich theilweise Erhebenden entgegenrief : Meine Herren ! Der Geist heißt doch , wie Sie wissen , auf hebräisch Ruach und Sie machen regelmäßig , wenn Sie zusammensitzen , Rauch daraus ! Auf den Schulbänken und die Schulsitze entlang lächelten zwar über zwanzig Geistliche , aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngern sogar bei ihren Cigarren ... Völker und Geistliche , die den Wein genießen dürfen , fuhr der Dechant sich setzend und brummend fort , sollten den Taback den türkischen Derwischen überlassen ! Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab . Jeder der Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen . Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages wieder auf . Er billigte eines Redners Vorsicht , die eben angerathen hatte , nicht blind in das Messer der Bureaukratie zu laufen . Aber , setzte er auf den Tisch schlagend hinzu , die Zeit rückt immer näher , wo wir mit allem , und wär ' s mit Freiheit und Leben , für unsere Mutter , die Kirche , werden einstehen müssen ! Da - er zeigte auf den Franciscaner - , der ehrwürdige Pater Sebastus dort berichtet uns , daß in der Residenz des hochwürdigsten Kirchenfürsten die Dinge immermehr auf die Spitze getrieben werden - auf die Spitze der Bajonnete ! Von draußen hörte man das Klingeln der Ladestöcke ; der Dechant öffnete sich das Fenster , an dem er saß . Ihr junges Volk ! sprach er murmelnd vor sich hin und drückte ein Sammetkäppchen auf sein Silberhaar . Wer in Zeiten gelebt hat , wo wirklich die Bajonnete herrschten - ! Beda Hunnius ließ sich nicht stören . Er gab die damals allbeliebte Schilderung der geistlichen Zustände des unter protestantischen Sceptern schmachtenden katholischen Deutschland . Er sah das Volk Gottes in der babylonischen Gefangenschaft . Er sah vollends auf dem Throne , unter dessen Gewalt sie durch eine » Laune der Geschichte « hier leben müßten , einen assyrischen König . Ist es nicht , rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier , als wenn wir die Worte Actorum 7,43 hörten : » Ich will euch wegwerfen jenseit Babylonien ! « Meine Freunde , noch über Babylonien hinaus ! Ist das nicht das schwerste Elend unsers Fluches ! Noch über Babylonien hinaus ! Denkt das Herz nicht mit Schaudern an Rußland ? Wie in Rußland steht es schon mit unserm Glauben , mit unserm Cultus , unserer Selbstregierung ! Nicht genug , daß die Kirche ihres jahrtausendjährigen