wo die Pflanze ganz unverletzt geblüht hatte und so verdorrt war ; dies Blumengerippe war so schön , wie die Blume gar nicht ist . In ihrer Einfachheit kann die Pflanze nicht größeren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen , aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk . Der kleine Spieß , der aus der Blumenkrone hervorwächst , teilt sich von unten in fünf Fingerchen , die sich aufwärts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschloßnen Becher ein Samenkörnchen der Sonne entgegenhalten , das so fein und wunderschön geformt und geschliffen ist wie ein Edelstein , wenn nun die Sonne drauf scheint , so tun diese Samenkörnchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung , so sind sie alle fünf um die Mutterstaude versetzt , ein bißchen Erde , ein bißchen vermodert Moos gibt ihnen Nahrung , daß sie im nächsten Jahr im Familienkreis aufblühen . - Nein ! Ich hab die Natur lieb , mag ich auch nur , wie ein trockner Storchschnabel , das geringste aller Pflänzchen - später unter den Füßen des Wanderers zertreten werden , so will ich ihr doch mich hinhalten , solang sie ihren kunstfühligen Geist über mich strömen läßt ; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren Blüte nach einen schönen Zepter aus mir bilden , der seine Kleinodien um sich streut , neues Leben zu verbreiten , und dann in die leeren Schalen Himmelstau sammelt ; so denk ich mir , wird des Großmütigen Zepter die Welt berühren . In allen Wandlungen der Natur deucht mich Salomonis Weisheit mit Geistesbuchstaben eingezeichnet , die klein oder groß - die Seele mit Schauer erfüllen , weil sie alle rufen : » Hebe wie der Vogel die Schwingen über den Erdenstaub hinaus und fliege aufwärts , so hoch du vermagst . Der Vogel fliegt mit seinem Leib , du aber kannst mit dem Geist fliegen , dein Leib hat keine Flügel , weil du lernen sollst , mit dem Geist dich aufschwingen . « - Du weißt , wie oft wir uns besannen , warum die Sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde . Hätten wir Flügel wie die Vögel , so würde diese Sehnsucht nicht wach sein , die jetzt uns bewegt , immer dran zu denken , und so unsern Geist befiedert , mit dem wir einst fliegen werden ; denn alles Denken ist doch das im Geist , was das Wachsen und Treiben in der Natur ist . - Nun weißt Du auch , warum in meiner botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heißt . - Mein botanisch Heft hat sich schon vergrößert bis zur siebzehnten Pflanze , die ich genau beobachtet und so bezeichnet hab , wie mein Beschauen es mir lehrte , bald ist ' s das Blatt , bald die Krone oder Wurzel , bald die Form der Staude , die mir irgendein Rätsel löst oder eine Zauberformel aufgibt ; dem alten Weiß bring ich meine Exemplare , er muß sie mir einlegen und sauber ordnen ; im Anfang meinte er , ich spaße , als ich ihm meine neue Botanik vortrug , als ich aber ganz ernsthaft dabei blieb , daß wie andre eine Botanik geschrieben , so könne ich auch eine schreiben , so sah ich ihm heimlich an , daß er mir meine Kinderunschuld nicht verderben wollt und sich hineinfügte , ich las ihm meine Entdeckungen vor , besonders erfreute ihn die Geschichte der Kuhblume , die ihren Samen wie eine Sternenkugel ausdehnt , und von der ich ihm zu verstehen gab , daß die Sterne wohl auch mit einer so feinen Röhre auf dem Samenschaft der Gottheit haften , wenn die ausgeblüht hat und einer zuweilen dahin fliegt , um in einem neuen Boden zu blühen , und daß alle Himmelskörper reifende Samen sein könnten . - Der Weiß sagt : tolle Vergleiche , aber sie machen mir Freude und rücken mir die alte Pelzmütze vom Ohr und wehen mir frische Luft zu ; so bring ich denn manches zum Vorschein , woran ich nicht gedacht hätt , bloß um den alten Nachbar in Verwundrung zu setzen ; es ist doch schön von ihm , daß er sich zu solchen Dingen , die er Narrenspossen nennt , so gerne hergibt . - Manchmal ruft er aus : das geht über alle Unmöglichkeit hinaus . - Mit dem Erdbeermädchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand gewesen , wo wir Feuer machten , und wo die Sonne glühendrot unterging und wir durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen , da hab ich ein paar schöne Lieder entdeckt , es hatt ihrer gewiß noch manche im Kopf stecken , Melodien , die wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhängen , die tragen eines durchs andre die Stimmung auf einem über . - Heute erhalte ich einen Brief von Dir , die Claudine schrieb mir , daß sie Dich schreibend getroffen , schon am zweiten Blatt , ich weiß , daß , wenn ich meinen Brief jetzt fortschicke , daß mir der Bote einen zurückbringt , ich freu mich , unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit den Geistern verjackern . - Bettine An die Günderode Ich habe große Liebe zu den Gestirnen , ich glaub , daß alle Gedanken , die meine Seel belehren , mir von ihnen kommen . Auf die Warte zu gehen möchte ich keine Nacht versäumen , ich dächte , ich hätt ein Gelübde gebrochen , was sie mir auferlegten , und sie hätten dann umsonst auf mich gewartet . Was mir Menschen je lehren wollten , das glaubte ich nicht , was mir aber dort oben in nächtlicher Einsamkeit in die Gedanken kommt , das muß ich wohl glauben . Denn : der Stimme vom Himmel herab mit mir zu reden - soll ich der nicht glauben ? - Fühl ich denn nicht ihren Atem von allen Seiten , der mich anströmt ? - Das ist , weil ich hier