ihm die kleinen , wunderbaren Fingerchen , und daß jedes ein Nägelchen habe und drei kleine Gelenke ! » Ach , Leonin , « sagte sie - » und das wird späterhin denken und fühlen können , wie wir , wird Recht von Unrecht unterscheiden ; diese kleinen Hände werden sich einst mit Bewußtsein falten , wie die unsrigen . So wunderbar schön ist Alles auf der Erde - wir haben nur das Anbeten ! « Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zurück , den er vorzeigen wollte . Er wußte ihre Ruhe nicht anzugreifen - er mußte sie schön , engelgleich finden . - Sein Kind glühte wie eine Flamme in ihrem Schooße . Das Eis seines Herzens wollte schmelzen - er kniete nieder - er küßte das schlummernde Wesen , das ihm so nahe angehörte - so menschlich ward ihm , so wehmüthig ! Er sollte sie verlassen , um dann den größten Frevel an ihr auszuüben ; er sollte diese sanfte , ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes überwältigt sich denken ! - Es war , als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen . Thränen auf Thränen flossen nieder . - » Wie soll ich uns retten ? « so fragte er sich zitternd . » Verurtheilt zu grenzenlosem Unglücke bin ich hier und dort ! « Seine Seufzer erreichten Fennimor ' s Ohr . - » Was ist Dir , mein Liebling ? « fragte sie sanft . » O , Fennimor , « rief er mit dem alten Liebeslaute - » weine um mich , ich bin sehr , sehr unglücklich ! Was ich auch thun mag , brich nicht den Stab über mich , ich werde schuldig sein ; aber immer , immer noch viel unglücklicher , als schuldig ! « - Sein Kopf sank neben seinem Kinde in Fennimor ' s Schooß . Es war eine tiefe Stille . - So schweigt einen Augenblick Alles , wenn die Verurtheilung über den Angeklagten ausgesprochen ist - das Schicksal , das er herbeirief , ihn niedergeworfen hat . - » Du weißt , « sagte Fennimor , » ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe Dich so gescholten , wie es mir nicht zukommt als Deine Frau - und seitdem habe ich immer Angst , wenn Du etwas sagst , das vor Gott nicht gehört , weil es mich dann treibt , Dich davon abzuhalten ; und doch - Du weißt , was ich dann thue « - sie hielt schüchtern inne und legte blos leise ihre Hand auf sein glühend Haupt . » Ach , Fennimor - strafender Engel , Du hast das Paradies nicht schützen können , vor dem Du einst mit dem feurigen Schwerte standest - jetzt bin ich daraus vertrieben , und ohne daß Du es willst , jagen mich Deine Worte weiter und weiter daraus fort ! « - » Nein , nein , sage das nicht ! Da beginge ich große Sünde , und wenn sie so in mich gekommen wäre , ohne daß ich davon wußte - das wäre großes Unglück ! Bete doch , Leonin , und denke während des Gebetes , daß wir gar nicht glauben müssen , so fest im Unrechte zu sein , als Du vorher sagtest ; da Gott auch das Unrecht Deiner Seele in Händen hat und Alles wenden kann - dann gewinnst Du Vertrauen zu ihm , und ohne Vertrauen ist alle Reue unwirksam ! Ach siehe , « fuhr sie , schüchtern über den Schweigenden gebeugt , fort - » Dein Unrecht ist mir nicht recht bewußt ! Du bist wohl sehr traurig , das fühle ich - Du sagst auch von den verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges - aber wenn Du selbst nicht darnach handelst , hat sie ja keine Macht über Dich ! « » Ach , « rief Leonin - und der Schmerz durchzuckte krampfhaft seinen Körper - » sie hat aber Macht über mich gewonnen , ich habe nach ihren Begriffen gehandelt , und bin nun hier und dort verloren ! « Fennimor erhob sich und störte ihn dadurch auf . Todtenblaß stand sie vor ihm , das Kind leise an der Brust haltend ; ernst und erschüttert sagte sie dann leise : » Leonin , wir wollen zusammen beten ! Jetzt darf Dein Weib sich nicht von Dir trennen - ich weiß Dich nicht zu stützen - das Gebet wird es uns lehren ! « Sie wollte das schlummernde Kind nach seinem Bettchen tragen ; als sie den Fuß erhob , ließ sich in den Vorzimmern Geräusch hören - Thüren gingen auf - Schritte nahten sich - es war der Kammerdiener - kaum hatte er Zeit , zu sagen : » der Marquis de Souvré , « als dieser auch schon eintrat - Fennimor schrie laut auf - das Kind fuhr aus dem Schlafe - Leonin sprang von seinen Knieen auf . Der Marquis blieb mit der höhnischen Miene , halb Lächeln , halb Zorn , vor dieser aufgestörten Gruppe stehen , zufrieden , daß Beide in ihm den Henker ihres Glücks erkannten . » Eine idyllische Scene ! « rief er , als Beide schwiegen . » In Wahrheit , man glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zurück zu leben ! « Dies erzürnte Leonin . » Ich denke , Marquis , die Natur , mit ihren ewig gleichen Beziehungen zu dem Menschen , müßte auch überall dieselbe geblieben sein ! « - » Ich glaube - es kann sein « - erwiederte Souvré mit allen Zeichen der Langenweile , womit er Leonin immer unsicher machte und ihm zu imponiren wußte - » Sie wissen , ich habe nicht Zeit , an so Etwas zu denken . Wir Vornehmen der Erde sind genöthigt , diese Dinge den augenblicklichen Zuständen der Zeit anzupassen - ich grüble über so Etwas nicht . - Doch , Crecy , machen Sie die Honneurs in Ihrem Hause !