Wetter erwiderte , bitter getäuscht , und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn lebhafte Vorwürfe darüber , ihn dort eingeführt zu haben . Hermann kannte ihn schon in solchen Stimmungen , und ließ schweigend die erregten Wellen ausschäumen . » Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen ! « rief Wilhelmi zum Schlusse einer heftigen Zornrede . » Mir wurde unter allen diesen Porzellanen , Gläsern , Schnitz- und Kritzelwerken zumute , wie in einer Trödelbude . Es ist der Schachergeist ihrer Väter , welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt . Überhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und Gesellschaft « , fuhr er ruhiger fort . » Es ist noch kein Menschenalter her , daß dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen , an andern wie krankes Getier abgepfercht wohnen mußte . Plötzlich ist ein Umschwung eingetreten , sie stehn jetzt in den bürgerlichen Rechten uns gleich , und wollen , besonders hier , in Geist , Geschmack und Ansehn den ehrlichen Christenseelen womöglich noch den Rang ablaufen . Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein . Das geht nämlich immer nur aus völlig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor . Dieses Gefühl haben sie nicht , können es auch nicht haben , denn die Verbesserung ihres Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer Staatsmänner , als einer Umstimmung des Volksglaubens . Im Volke hat sich vielmehr das alte Bewußtsein unzerstört erhalten , daß der Jude nichts tauge . Folglich denken alle diese unsre großen israelitischen Häuser im stillen immer noch an die Möglichkeit einer rückgängigen Bewegung , an den Leibzoll , und an die Judengassen . Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und Hastiges ; ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypothese , als den eines Postulats . Die produktiven Köpfe der Nation verfahren dagegen nach den Grundsätzen des Gewerbgeistes , welcher ihre Ahnen auszeichnete ; sie schachern und trödeln . In Gedichten , Musiken , in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem Profit , mit allerhand netten , charmanten , glänzenden Effekchen und Wahrheitchen zufrieden , bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen , obwohl man schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen großes Vermögen erwirbt . « Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmähten vorbringen wollte , fuhr ihn Wilhelmi beinahe an , und rief : » Du wirst auch noch durch Schaden klug werden . Deine ägyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Fülle machen . « Dies bezog sich darauf , daß sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte , welche ihm mit großer Freundschaft begegneten . Die Laune Wilhelmis schärfte sich von Tage zu Tage . Zum Teil wurde dieser üble Humor durch sehr wesentliche Bedrängnisse erzeugt . Er konnte nämlich bald merken , daß an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei , und daß er die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe . Ein sicherndes Verhältnis hatte er aufgegeben , außer seinen Kunstsachen besaß er nichts , und jede Aussicht schwand , mit diesen dem Museum einverleibt zu werden . Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um Hülfe an . Wie erschrak er , als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren mußte ! Im Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine , ein Kapital nach dem andern war schon dorthin gewandert , einen Besitz zu bezahlen , den anzutreten der Eigentümer weder Lust , noch Geschick in sich verspürte . So führten denn unsre beiden Glücksritter ein ziemlich gewagtes Leben . Der eine war , wenn man so sagen darf , in böhmischen Dörfern angesessen , der andere stand mit Raritäten in teuren Mietzimmern aus . Ihre Lage konnte übel genug werden , wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug . Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien , und das will viel sagen . Da die Taler ausgingen , so teilten sie die Groschen miteinander . Hermann zog sich aus vielen großen Gesellschaften zurück , und begann eine Art von genießendem Einsiedlerleben zu führen . Mit der ägyptischen Kavaliergarde , mit den jungen Juden , hatte Wilhelmi nur zu sehr recht gehabt . Einer derselben , ein angehender Künstler , war ihm besonders eifrig genaht , hatte einige Billette an ihn sogar » mit Ehrfurcht « unterzeichnet . Im Hause der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie einem höheren Wesen . Eines Tages ersuchte ihn der junge Künstler bescheiden um seine vortreffliche Kritik über dieses und jenes . Bei der näheren Nachfrage erfuhr Hermann , daß ihn ein Gerücht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte , welche durch ihren geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten . Da er nun diese Vaterschaft ablehnen mußte , so bemerkte er an den Gesichtszügen und an dem Benehmen seines feurigen Anhängers bald eine merkliche Verändrung , welche sich demnächst auch dem Hause der Eltern mitteilte , und nach und nach eine gänzliche Erstarrung des Verhältnisses herbeiführte . Noch früher hatten ihn die übrigen verlassen , sobald sie wahrnahmen , daß er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte . Er klagte Wilhelmi sein Leid . Dieser lachte und rief : » Sei froh , daß du von ihnen los bist ! Jude bleibt Jude , und der Christ muß sich mit ihnen vorsehn , am meisten , wenn sie sich liebevoll anstellen . Sie sind allesamt freigelaßne Sklaven , kriechend , wenn sie etwas haben wollen , trotzig , wenn sie es erlangten , oder wenn sie merken , daß es nicht zu erlangen steht . « Zehntes Kapitel Alle Übertreibungen sind von kurzer Dauer . Madame Meyer hatte nicht sobald bemerkt , daß die beiden Freunde seltner in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen , als sie ihrerseits alles tat , das traulich-gesellige Verhältnis zu erhalten . Freundliche Einladungen drängten sich , und Wilhelmi wurde für die frühere Vernachlässigung durch das liebenswürdigste Benehmen entschädigt . Bald war er völlig umgestimmt und