Freund , der mich nimmermehr verkennt ! - Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne Weise ; aber , » frag nicht , was es ist , und laß das Herz gewähren « , sag ich mir hundertmal . Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art , sie haben Stacheln und Duft , ich mag keine berühren , ich mag keine missen . Wer sich ins Leben hereinwagt , der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit ; und ich weiß , daß ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein , das ist das Ziel meiner Wünsche , das ist mein Glaube . Leb wohl , sei gesund und laß Dir ein einheimischer Gedanke sein , daß Du mich wiedersehen wollest , vieles möcht ich vor Dir aussprechen . 24. November An Goethe Schön wie ein Engel warst Du , bist Du und bleibst Du , so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet . Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter , da Du eben über die Straße herkamst mit mehreren andern Knaben , sie bemerkten , daß Du sehr gravitätisch einherschrittst , und hielten Dir vor , daß Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest . - » Mit diesem mache ich den Anfang « , sagtest Du , » später werd ich mich noch mit allerlei auszeichnen « ; » und das ist auch wahr geworden « , sagte die Mutter . Einmal zur Herbstlese , wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen , bemerkte man in den entferntesten Feldern , wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte , viele Irrlichter , die hin und her hüpften , bald auseinander , bald wieder eng zusammen , endlich fingen sie gar an , figurierte Tänze aufzuführen , wenn man nun näher drauf los kam , verlosch ein Irrlicht nach dem andern , manche taten noch große Sätze und verschwanden , andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich , andere setzten sich auf Hecken und Bäume , weg waren sie , die Leute fanden nichts , gingen wieder zurück , gleich fing der Tanz von vorne an ; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum . Was war ' s ? - Goethe , der mit vielen Kameraden , die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten , da draußen herumtanzte . Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten , sie konnte noch manches dazu erzählen , wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. - Deiner Mutter war gut zuhören ! - In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen , ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen , auf einen Stuhl hing ich einen Überrock , lange Beinkleider , ordinäre Weste , stellte ein Paar Stiefel dazu , auf den zweiten einen Frack , seidne Strümpfe , die er schon angehabt hatte , Schuhe usw. , auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel , das erste zog er im Hause an , das zweite , wenn er zu täglichen Bekannten ging , das dritte zum Gala ; kam ich nun am andern Tag hinein , da hatte ich Ordnung zu stiften , da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen , die Schuhe standen gegen Osten und Westen , ein Stück lag da , das andre dort ; da schüttelte ich den Staub aus den Kleidern , legte frische Wäsche hin , brachte alles wieder ins Geleis ; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge , fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht , darüber fing ich an zu fluchen , er kam hinzu , ich zanke ihn aus , die Steine hätten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen können ; - » nun es hat Ihr ja kein Aug ausgeschlagen , wo sind denn die Steine , ich muß sie wiederhaben , helf Sie mir sie wieder suchen « , sagte er ; nun muß er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben , denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine , es waren ordinäre Kieselsteinchen und Sand , daß er den nicht mehr zusammenlesen konnte , war ihm ärgerlich , alles was noch da war , wickelte er sorgfältig in ein Papier und trug ' s fort , den Tag vorher war er in Offenbach gewesen , da war ein Wirtshaus zur Rose , die Tochter hieß das schöne Gretchen , er hatte sie sehr gern , das war die erste , von der ich weiß , daß er sie lieb hatte . Bist Du böse , daß die Mutter mir dies alles erzählt hat ? Diese Geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb . Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzählt , manchmal setzte sie hinzu , daß die Sonne ins Fenster geschienen habe , daß Du rot geworden seist , daß Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert , ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben , daß sie ihr ins Gesicht geflogen . Siehst Du , was die alles gemerkt hat , denn so klein die Begebenheit schien , war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung über Deine Raschheit , funkelnde Augen , pochend Herz , rote Wangen usw. - Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit . - Diese und die folgende Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht , ich seh Dich in beiden vor mir , in vollem Glanz Deiner Jugend . An einem hellen Wintertag , an dem Deine Mutter Gäste hatte , machtest Du ihr den Vorschlag , mit den Fremden an den Main zu fahren . » Mutter , Sie