! “ „ Du hast ja gehört , daß Fräulein von Hartwich die edle Kochkunst sehr geringschätzt , — rühme Dich deren also ja nicht vor ihr , “ spottete Moritz . Angelika sah mitleidig Ernestinens Beschämung bei diesen Worten , und während sich die Damen in ein eingehendes Gespräch über die Zubereitung des Aprikosencremes verwickelten , sagte sie freundlich : „ Sie haben wohl Recht , wenn Sie es tadeln , daß wir Frauen solchen Dingen zu viel Wichtigkeit beilegen , aber es gehört denn doch zum Leben und ganz darf man es nicht übersehen ; wozu hätte uns denn der liebe Gott Geschmacksnerven gegeben , wenn wir uns nicht am Wohlgeschmack unserer Speisen erfreuen sollten . Es ist so natürlich , daß man Denen , die man liebt , das Leben nach allen Seiten hin angenehm zu machen sucht und ihnen auch selbst für die untergeordnetsten Genüsse sorgt , wozu Sie mit Recht Essen und Trinken zahlen . “ „ Verzeihen Sie die Frage , “ sagte Ernestine , „ wäre dieser Genuß nicht auch durch die Hände einer Köchin zu bereiten , während Sie Ihre Zeit zu etwas Besserem verwendeten ? “ „ Ja , “ rief Angelika unter allgemeiner Heiterkeit , „ wenn man das Geld hat , achtzig Gulden für eine ordentliche Köchin zu bezahlen , dann freilich . Wenn man es aber nicht hat — wie wir , da muß man schon mitunter selbst an den Herd oder schlecht essen . Das will man aber doch solch armem Manne , wenn er hungrig von seiner schweren Arbeit heimkommt , nicht zumuten und ich versichere Sie , wenn ich sehe , daß meinem lieben Moritz etwas schmeckt , was ich ihm selbst zubereitet — das ist eine Freude fast so groß wie die , ein Kind zu nähren . “ Ernestine blickte sie starr an , — das ging über ihren Horizont . Angelika schmiegte das Köpfchen an ihres Gatten Schulter : „ Deshalb sind wir doch noch lange keine Mägde . Was man aus Liebe tut , das kann nicht erniedrigen ; wenn man freiwillig gehorcht , so ist man ja nicht geknechtet ! Folgen muß man doch irgend Jemandem im Leben — warum nicht dem Manne , der uns beschützt und für uns arbeitet ? “ Und sie ergriff Moritzens Hand und drückte verstohlen einen Kuß darauf . „ Wenn wir selbst für uns arbeiten lernen , “ meinte Ernestine , „ braucht es kein Anderer zu tun und wir sind Niemandem verpflichtet , von Niemandem abhängig ! “ „ Ach “ — sagte Angelika und ein reizendes Lächeln verklärte ihre Züge , ihre großen Kinderaugen blinzelten Moritz schalkhaft an : „ Wir können sie ja doch nicht entbehren , die gestrengen Herren der Schöpfung , — ich wenigstens möchte nicht leben ohne meinen Moritz , und wenn ich noch so reich und klug wäre ! “ Ein wahrer Beifallsjubel lohnte diese allerliebste Aufrichtigkeit , es war , wie wenn plötzlich ein frischer Luftzug durch ein schwüles Krankenzimmer weht , man atmete auf , Angelikas reine , echte Natürlichkeit tat Allen wohl auf die „ finsteren verschrobenen Anschauungen “ , die man von Ernestinen hatte hören müssen . „ Und diese Närrin hoffst Du noch zur Vernunft zu bringen ? “ flüsterte Moritz Johannes zu . „ Ja ! “ entgegnete dieser kurz und scharf . „ Na , ich wünsche Dir Glück zu der Arbeit , ich möchte mir kein Weib so sauer verdienen ! “ Das Souper war zu Ende . Die Staatsrätin hob die Tafel auf . Man trat in ein Nebenzimmer , wo Punsch herumgereicht wurde . Johannes führte Ernestine schweigend hinein . Die Pflichten des Wirtes zwangen ihn , sie zu verlassen . Sie stand allein inmitten des Zimmers und sah sich im Kreise um nach Jemandem , an den sie sich wenden könne . Keiner näherte sich ihr . Die Damen steckten flüsternd die Köpfe zusammen und sahen nach ihr hin , die Herren bildeten Gruppen für sich und kehrten Ernestinen entweder den Nacken oder betrachteten sie durch ihre Brille . Sie stand allein wie auf einer Bühne vor einem Publikum . Sie wußte nicht , was sie machen sollte . In eine Ecke flüchten , das dünkte ihr so feige und unwürdig und doch hielt sie dies Kreuzfeuer stechender Blicke jetzt so wenig aus wie vor Jahren , als sie es auch in der Gesellschaft bei der Staatsrätin über sich ergehen lassen mußte . Was half ihr nun ihr Geist und Wissen ? Sie war und blieb gemieden , verkannt , mißachtet bei den Gebildeten wie bei den Bauern . Was war es nur für ein Verhängnis , das über ihrem Haupte hing ? Wer konnte ihr wohl dieses Rätsel lösen ? Da wurde ihrer Qual ein unverhofftes Ende gemacht . Elsa schwebte an Möllners Hand auf sie zu . „ Fräulein Herbert wünscht , Ihnen vorgestellt zu werden , “ sagte dieser . Ernestine blickte verwundert auf das seltsame , blumenbekränzte , alte Kind nieder und ergriff zögernd das dargebotene feuchte , faserige Händchen . „ Ich bat meinen — unsern Freund “ — sie sah sich um , Möllner war bereits wieder zu andern Gästen getreten — „ uns mit einander bekannt zu machen , weil ich mich , ach ! so wunderbar zu Ihnen hingezogen fühle . Ihr Gespräch über das Gehirn hat tief in meine Gedankenwelt eingegriffen , denn Sie müssen wissen — auch ich schwärme für die Naturforschung und bin eine halbe Gelehrte . Ich treibe Phrenologie ! Ich bin eine Jüngerin Schewes , dessen treffende Diagnose meiner Eigenschaften mich für die Gall ’ sche Lehre gewann.80 Gott , wie genußreich müßte es sein , wenn ich mit Ihnen , die Sie so umfassende Studien über das Gehirn machten , dieses Thema eingehender besprechen dürfte — ich bin überzeugt , wir würden uns verstehen ! Vor allem aber müssen Sie mir gestatten , Ihren Kopf zu untersuchen — diesen merkwürdigsten aller