Mr. Rochester dreimal an meine Thür , um zu fragen , ob ich mich sicher und ruhig fühle . Und das war ein Trost , das gab mir zu allem Kraft . Ehe ich mich am nächsten Morgen erhob , kam die kleine Adele in mein Zimmer gelaufen , um mir zu erzählen , daß der große Kastanienbaum am Ende des Gartens während der Nacht vom Blitz getroffen und zur Hälfte zerschmettert sei . Viertes Kapitel . Während ich mich erhob und mich ankleidete , überdachte ich noch einmal alles , was geschehen war und fragte mich verwundert , ob nicht das ganze ein Traum gewesen sei . Ich konnte nicht an die Wirklichkeit glauben , bevor ich Mr. Rochester nicht wiedergesehen und ihn seine Liebesworte und sein Gelöbnis hatte erneuern hören . Während ich meine Flechten aufsteckte , betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel und sah , daß es nicht mehr häßlich sei ; es drückte Hoffnung aus und lebhafte Röte bedeckte die Wangen . Meine Augen blickten , als hätten sie den Born des Lebens gesehen und ihren Glanz von seinen spielenden Wellen geborgt . Ich hatte meinen Herrn oft nur widerstrebend angesehen , weil ich fürchtete , mein Blick könne ihm unangenehm sein . Jetzt wußte ich aber , daß ich mein Antlitz zu dem seinen emporheben dürfe , ohne daß seine Liebe dadurch abgekühlt würde . Ich nahm ein einfaches aber sauberes , leichtes Sommerkleid aus meinem Schranke und legte es an ; mir war , als hatte kein Gewand mich jemals so gut gekleidet – ich hatte ja auch noch niemals eins in so glückseliger Stimmung getragen . Als ich in die Halle hinunterlief , war ich durchaus nicht erstaunt zu sehen , daß ein herrlicher Junimorgen auf den heftigen Sturm der Nacht gefolgt war . Ein erfrischender , duftiger Luftzug strömte mir durch die geöffnete Glasthür entgegen . Die Natur mußte ja fröhlich sein , wenn ich so unsagbar glücklich war . Eine Bettlerin und ihr kleiner Knabe – beide bleich , elend und zerlumpt – kamen den breiten Gartenweg herauf und ich lief ihnen entgegen und gab ihnen die ganze Summe , welche ich zufällig in meiner Geldbörse hatte ; es waren wohl vier oder fünf Schilling ; ( ein engl . Schilling = eine Mark ) ob gut , ob böse , alle Menschen sollten an meiner Seligkeit teilhaben . Die Raben krächzten , die kleinen Vögel sangen , aber nichts war so lustig und so wohltönend wie die Musik meines eigenen Herzens . Mrs. Fairfax setzte mich in Erstaunen , indem sie mit traurigem Gesicht zum Fenster hinaussah und in ernstem Ton sagte : » Miß Eyre , wollen Sie zum Frühstück hereinkommen ? « Während der Mahlzeit war sie ruhig und kalt , aber der Augenblick war noch nicht gekommen , um ihr die beabsichtigte Aufklärung zu geben . Ich mußte warten , bis mein Herr kam und ihr alles erklärte , und darauf mußte auch sie warten . Ich aß , was ich konnte und eilte dann nach oben . Ich traf Adele , welche aus dem Schulzimmer kam . » Wohin gehst du ? Es ist Zeit , die Lehrstunden zu beginnen . « » Mr. Rochester hat mich nach der Kinderstube geschickt . « » Wo ist er ? « » Dort « sagte sie und zeigte auf das Zimmer , welches sie soeben verlassen . Ich trat ein . Dort stand er . » Komm herein und sag mir ' Guten Morgen ´ « sagte er . Fröhlich ging ich zu ihm . Es war jetzt kein kaltes , höfliches Wort mehr oder ein gleichgültiger Händedruck , den er mir spendete , sondern eine zärtliche Umarmung , ein inniger Kuß . Es schien mir ganz natürlich ; es war ein seliges Bewußtsein , so von ihm geliebt zu sein , so zärtlich von ihm geliebkost zu werden . » Jane , du siehst so blühend , so lächelnd , so hübsch aus , « sagte er , » wirklich hübsch heute Morgen . Ist dies meine bleiche , zarte , kleine Elfe ? Ist dies meine Glockenblume ? Dies kleine , sonnige Mädchen mit Grübchen in den Wangen und rosigen Lippen ? Mit dem seidenweichen , kastanienbraunen Haar und den strahlenden braunen Augen ? « Lieber Leser , ich hatte grüne Augen , aber du mußt den Irrtum entschuldigen ; vermutlich waren sie für ihn frisch gefärbt . » Es ist Jane Eyre , Sir . « » Und wird bald Jane Rochester sein , « fügte er hinzu , » in vier Wochen , Jane ; nicht einen Tag länger . Hörst du das und verstehst du mich ? « Ich hörte ihn wohl , aber ich konnte es nicht fassen . Es verursachte mir Schwindel . Das Gefühl , das durch diese Ankündigung in mir geweckt wurde , war etwas heftigeres , bewältigenderes als Freude – etwas das mich schmerzte , mich betäubte : ich glaube es war etwas wie Furcht . » Du warst rosig , Jane , und jetzt bist du bleich wie der Tod . Weshalb das ? « » Weil Sie mir einen neuen Namen gaben – Jane Rochester , und das klang so seltsam . « » Ja , Mrs. Rochester , « sagte er , » die junge Mrs. Rochester , – das mädchenhafte Weib Fairfax Rochesters . « » Es kann nicht sein , Sir , niemals ! Es wird nicht sein , es klingt zu unwahrscheinlich . Auf dieser Welt wird keinem Erdenwesen ungetrübtes Glück zu teil . Ich bin ja nicht zu einem besseren Geschick geboren als meine Mitmenschen . Daß solch ein Los mir zu teil werden sollte , ist ein Feenmärchen – ein Morgentraum . « » Den ich in Erfüllung gehen lassen kann und werde . Noch heute werde ich mit der Verwirklichung beginnen . Heute Morgen habe ich an meinen Banquier in London geschrieben , daß er mir gewisse Juwelen schickt