seitens der Empfänger ! Denken Sie nicht , daß ich mich auf Besonderes beziehe ; ich spreche im Allgemeinen . Wir haben in China Bonzen , welche derartig mit ihrem eigenen Oele gesalbt sind , daß man sie nicht fassen kann , obgleich man sie in ihrer ganzen nackten Blöße sieht . Und meinen Sie auch nicht , daß ich mit dem Worte Bonzen etwa nur Geistliche bezeichne . Priester Gottes müssen sein ; die Menschheit kann sie nimmermehr entbehren . Und je mehr sie in der Erkenntnis Gottes fortschreitet , desto größer wird die Zahl und auch der Einfluß dieser Priester werden . Heil und tausendmal Heil dem Volke , welches so viel wahre Gottespriester besitzt , wie es fromme Väter hat ! Aber der Hyperglaube macht sich meist im Laienvolke breit und tritt grad dort am anspruchvollsten auf , weil der Laie glaubt , wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und zu blicken wisse , so könne er den Priester ganz entbehren . Das ist die Laienfrömmigkeit , die sich über jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dünkt und , wenn sie einmal guter Laune ist , in den selig atmenden Busen greift , um dem Himmel ein möglichst öffentliches Bakschisch anzubieten ! « Da konnte ich mich nicht halten ; ich mußte ihn fragen : » Wo nehmen Sie , grad Sie diese Gedanken her ? « » Von unsern Vätern ! « antwortete er sehr ernst . » Sie haben von Generation zu Generation gedacht , und was sie dachten , wurde uns vererbt . Wissen Sie , was ein Gedanke ist ? Wissen Sie , daß er ewig ist , daß er nie verschwinden kann , sondern sich von Geschlecht zu Geschlecht , von Kopf zu Kopf immer weiter entwickelt , immer klarer , immer wahrer , immer mächtiger wird , bis endlich seine Zeit kommt , in der ihm niemand widerstehen kann ? Solche Gedanken haben wir , und solche Zeit ist jetzt ! Grad weil wir ruhten und uns jahrhundertelang alljährlich einmal rund um die Sonne tragen ließen , ohne zu glauben , daß die übrigen Völker der Erde uns darum bewundern müßten , haben wir Muße gehabt , die Gedanken unserer Väter von Sohn zu Sohn , von Enkel zu Enkel immer mächtiger werden zu lassen . Es sind stille , liebe , hoffnungsfreudige Gedanken , noch nicht in Worte gekleidet und noch nicht in Taten ausgedrückt ; aber diese Worte und diese Taten werden kommen , vielleicht von uns selbst , vielleicht von Fremden angeregt , und dann werden wir und dann werden auch die Fremden sehen , daß , was die Väter dachten , nicht auf die Söhne und Enkel übergehen kann , ohne den Segen der Vorfahren mitzubringen und uns zum Heil zu werden ! « Er hatte sehr ernst gesprochen . Jetzt nahm sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck an . Er zog seine Brieftasche heraus , öffnete sie und fragte : » Glauben Sie , daß ich heut ein Kind gewesen bin ? « » Ein Kind ? Wieso ? « » Kinder schreiben einander Albumblätter , welche sie dann im Alter mit kopfschüttelnder Rührung betrachten . Ich habe mir von Miß Waller eines schreiben lassen . Da , sehen Sie ! « Er hielt es mir hin . Es war meine Strophe . » Ich konnte nicht anders , « fuhr er fort ; » ich mußte mir diese Zeilen entweder selbst abschreiben oder abschreiben lassen , und zog natürlich das letztere vor . Es ist das selbstverständlich eine ganz persönliche Ansicht , ein ganz individuelles Gefühl , aber es ist mir , als sei in diesem Gedichte für die Völker eine Brücke allerschönster , allerbester und allersicherster Konstruktion enthalten , um einander besuchen zu gehen und liebe Geschenke nicht nur mitzubringen , sondern auch mit heimzunehmen . Es klingen aus ihm so sanfte , reine Töne , als wehe in ihm ein Hauch aus jenem unbekannten Lande herüber , von welchem uns ein süßes Märchen erzählt , daß dort der Völkerfriede wohne . Ich frage mich vergeblich , ob es von einem Manne oder von einer Frau verfaßt worden ist . Der geistige Aufbau läßt auf eine männliche Logik schließen , aber die Seele , welche aus ihm spricht , kann keine andere als nur eine weibliche sein . « » Gibt es männliche und weibliche Seelen ? « fragte ich . » Ja , das wissen wir wohl noch nicht , « lachte er . » Man gibt ihnen wohl halb männliche , halb weibliche Züge , malt Flügel dazu und sagt dann , daß sie Engel seien . Machen wir also aus meiner Ungewißheit eine Gewißheit , indem wir sagen , ein Engel hat diese Strophe gedichtet und irgend einem guten Menschenkinde in die Feder gelegt ! Dieser Engel hat uns Erdenbewohnern sagen wollen , wie wir miteinander zu verkehren haben , wenn unser Planet jenem unbekannten Lande gleichen soll . Liebe , nichts als Liebe ! Warum machen nun grad diese Zeilen einen solchen Eindruck auf Waller , der doch keine andere Liebe kannte als nur die zu seiner Frau und Tochter ? « » Wohl weil die Verstorbene in ganz gleicher Weise zu ihm gesprochen hat , « erwiderte ich . » Ja . Sie haben das Richtige getroffen . Das macht der warme , freundliche , überzeugende , weibliche Klang der Worte . Es spricht aus ihnen eine Güte , welche Mrs. Waller wohl auch in hohem Grade besessen hat . Darum nimmt er diese Worte hin , als seien sie von ihr zu ihm gesprochen . Bei ihrem Klange sieht er seinen Engel wieder vor sich stehen . Er fühlt sich frei vom Einflusse jenes Andern , dem er als Gast des Heidentempels unterlegen ist . Er ahnt sich gerettet und in guter Hut . Fragen wir nicht , ob er wacht oder träumt , ob er Etwas sieht und hört oder nicht . Forschen wir nicht , ob