Ein langgezogenes , heulendes Brausen flog ihm voraus , dazwischen dumpfes Dröhnen und Knattern , das Geräusch der splitternden Äste und Bäume ; es wurde dunkel , und nun kam er mit entsetzlicher Wucht dahergejagt . Blitzschnell hatte sich Sender auf den Boden geworfen , so allein entging er dem Lose , von dem Rasenden erfaßt und einige Schritte weiter hingeschmettert zu werden . Plattgedrückt lag er auf dem Schnee , das Gesicht nach der sturmfreien Seite gewendet , um atmen zu können . Aber der Schnee überdeckte ihn immer dichter , er drohte ihn zu ersticken .... Er wollte sich erheben ; der Orkan drückte ihn nieder . Da raffte er alle Kraft zusammen und kroch auf Händen und Füßen vorwärts , bis er die nächste Pappel erreicht . Hier konnte er wieder atmen , aber nun fühlte er , wie ihm die Kälte langsam die Glieder umschnürte . Noch konnte er sich regen , sie abwehren - aber wie lange .... Da wurde es abermals plötzlich still , grabesstill , nur der aufgerührte Schneestaub fiel mit leisem Klirren nieder , und fern , fern ächzte etwas auf . Vielleicht ein Ast , der sich vom froststarren Stamm löste , vielleicht ein verendendes Tier . Sender suchte sich emporzurichten und blickte um sich . Auf dem Acker zur Rechten sah er im matten Schein des Schnees ein Kreuz ragen ; er kannte es , es stand etwa halben Wegs zwischen dem Städtchen und dem Hohlweg ; eine Viertelmeile hatte er nun doch zurückgelegt , freilich war die Stille ein böses Zeichen . Noch hatte der Orkan nicht seine volle Höhe erreicht , nun galt es jeden Atemzug nützen , bis er wiederkam .... Und wieder watete er durch den Schnee weiter , so rasch ihn die zitternden Kniee tragen wollten , mit keuchender Brust , schweißbedeckt weiter ... weiter .... Bald mußte zur Rechten eine kleine Kapelle auftauchen , am Feldweg gegen Biala , vielleicht konnte er sie erreichen , ehe der Orkan losbrach .... Er spannte alle Sehnen an , da , nicht zehn Schritte weit , schimmerte die Kapelle ... Aber im selben Augenblick kam der Orkan herangebraust über die ungeheure Ebene , Erde und Himmel ächzten auf und wurden zu einem weißen , brüllenden , stöhnenden Chaos , blitzschnell - ehe sich Sender niederwerfen konnte , fühlte er sich von der Riesenfaust gefaßt und durch die Luft getragen und niedergeschmettert , daß ihm die Sinne vergingen . Nur einen Augenblick , dann riß ihn die Todesangst empor . Wie eine schwere , eiskalte Hand legte es sich auf sein Antlitz und hielt ihm den Mund zu , daß er sich ersticken fühlte . Der Sturm hatte ihn in den Straßengraben geworfen und mit Schnee bedeckt . Er schlug um sich . » Hilfe , Hilfe ! « röchelte er , nun konnte er wieder atmen . Langsam arbeitete er sich aus dem Graben hervor und kroch zur Kapelle , während über ihm das ungeheure Wüten der Lüfte forttobte . In der Kapelle brach er halb ohnmächtig zusammen . » Wach bleiben , bei Vernunft bleiben ! « murmelte er und griff nach Schnee , die brennende Stirne zu kühlen . Da fuhr er zusammen , aus einer Ecke der Kapelle kam ein wimmernder Laut , dann ein leises Heulen . Es mußte ein Tier sein , das sich da geborgen . Und nun kam es langsam auf ihn zu - ein Wolf ? ein Hund ? Mit wirbelnden Sinnen faßte er seinen Stock und hob ihn . Das Tier kauerte sich nieder und wimmerte und wedelte mit dem Schweif . Nun sah er , es war ein Hund . » Moskal ! « rief er , es ist der verbreitetste Hundename in jener Landschaft . Zufällig mochte er es getroffen haben , der Hund kam heran , leckte ihm die Hände und schmiegte sich dicht an ihn . Sender ließ es geschehen und kraute ihm das Fell . So trösteten und wärmten sie sich gegenseitig , der Mensch und das Tier . Und beide hatten wohl in diesem Augenblick tiefster Angst vor dem Toben der Natur dieselbe und keines eine höhere Empfindung . Dann begann Sender seine Gedanken zu sammeln . Die schlimmste Gefahr war nun wohl vorbei . Noch tobte der Orkan in ungeschwächter Kraft fort , aber lange , das wußte er , konnte dies nicht mehr währen . Entweder linderte sich allmählich seine Gewalt oder es trat jählings eine neue Stille ein , wo der Verderber gleichsam Atem schöpfte . In beiden Fällen konnte er die Schlucht erreichen , dort war sicherlich leichter vorwärts zu kommen . Denn hier sitzend den Morgen heranwachen , war unmöglich ; es wäre der sichere Tod gewesen . Die Kälte war entsetzlich . Wieder fühlte er , wie sie sich um seine Glieder legte , die Füße wurden starr und die Hände . Er sträubte sich dagegen , suchte sich aufzurichten , preßte den Hund fester an sich . Aber seine Bewegungen wurden immer langsamer , seine Kraft verließ ihn .... » Schlafen ! « murmelte er und schloß die Augen . » Aber Schlafen ist Tod ! « fuhr es ihm durchs Hirn , und er richtete sich angstvoll auf . Aber sich zu erheben , vermochte er nun nicht mehr . Wieder sanken ihm die Lider zu . Anders der Hund , vielleicht weil sein Instinkt der schärfere war . Er schüttelte sich und bellte , leckte dem Menschen übers Gesicht und zerrte an seinem Rock . Das brachte Sender wieder zu sich . Er taumelte empor , begann auf und nieder zu stampfen , sich zu schütteln . Dabei kollerte etwas aus seinem Rock zur Erde nieder . Es war sein Gebetbuch . Er hob es auf und umklammerte es mit beiden Händen . Ihm war ' s , als strömte ihm daraus neue Kraft zu , als hätte er damit Gottes Gewand gefaßt und brauchte es nur festzuhalten , um nicht zu vergehen