die auf ihn einstürmenden Bilder untereinander ab , und wechselnde Gestalten umschwirrten und umdrängten ihn : Kathinka trat zur Mazurka an , aber ihr Tänzer war nicht Bninski , sondern Bummcke ; dann sah er den Grafen mit Johanna Susemihl neben dem Chorpfeiler stehn , und dann wieder kam General Yorck über ein weites Schneefeld geritten , das immer enger wurde , bis es der Klosterhof war , und drohte den beiden , die sich hinter dem Chorpfeiler zu verstecken suchten , mit dem Finger . Endlich wichen die Gestalten ; das Fieber fiel von ihm ab , und ein Zustand süßer Mattigkeit überkam ihn , in dem dann und wann sogar ein Hoffnungsflämmchen aufzuckte . Zugleich regte sich der Wunsch in ihm , dieser Stimmung , in der sich Trauer und Hoffnung die Waage hielten , Ausdruck zu geben . Er schritt auf seinen altmodischen Sekretär zu , stellte vom Tisch her die kleine Schirmlampe auf die längst schräggedrückte , bei jeder Berührung knarrende Platte , nahm aus einem der Fächer eine Anzahl immer bereitliegender weißer Blätter und schrieb : Tröste dich , die Stunden eilen , Und was all ' dich drücken mag , Auch das Schlimmste kann nicht weilen , Und es kommt ein andrer Tag . In dem ew ' gen Kommen , Schwinden , Wie der Schmerz liegt auch das Glück , Und auch heitre Bilder finden Ihren Weg zu dir zurück . Harre , hoffe , nicht vergebens Zählest du der Stunden Schlag ; Wechsel ist das Los des Lebens , Und - es kommt ein andrer Tag ! Es war ihm von Zeile zu Zeile freier ums Herz geworden . Er schob das Blatt unter die anderen Blätter , legte sich nieder und schlief ein . Es war schon acht Uhr vorüber , als Frau Hulen , die die ganze Wochen- und Tageseinteilung genau kannte und wohl wußte , daß der Dienstag » Kollegientag « war , nach mehreren gescheiterten Versuchen , ihren jungen Herrn durch Tassenklappern und Öffnen der Alkoventür zu wecken , endlich eine Blechschippe mit großem Lärm , als würden zwei Becken zusammengeschlagen , umfallen ließ . Das half denn auch ; Lewin fuhr auf , suchte noch halb schlaftrunken auf dem Nachttisch umher und ließ die Uhr repetieren . Acht und ein Viertel ! Er erschrak über die späte Stunde , ließ es sich aber angelegen sein , durch Eile das Versäumnis wieder einzubringen , und stand zwanzig Minuten später marschfertig in seinen Stiefeln . Der feste Schlaf hatte ihm wohlgetan , alle trüben Gedanken waren wie verflogen , und erst der Anblick seiner eignen Strophen , die nur halb versteckt auf der Sekretärplatte lagen , rief ihm die Stimmung des vorigen Abends zurück . Aber nur in seinem Gedächtnis , nicht in seinem Gemüt . Er überflog die Zeilen und schloß mit halblauter Stimme : » Und es kommt ein andrer Tag « Dabei war ihm so frisch zu Sinn , als ob dieser » andere Tag « schon angebrochen sei . In gehobener Stimmung nahm er seinen Weg erst über die Lange Brücke , dann an der Stechbahn und Schloßfreiheit vorbei und schritt auf die Universität , das ehemalige Prinz Heinrichsche Palais , zu . Er machte diesen Weg nur zweimal in der Woche . Bereits hoch in den Semestern , ja seit dem Herbste mit seinem Triennium fertig , fand er es ausreichend , nur noch das zu hören , was ihm besonders zusagte oder so glücklich lag , daß es ihm die Tage , die er frei haben wollte , nicht unterbrach . So hörte er bei Savigny , bei Thaer und Fichte , die alle drei am Dienstag und Freitag , und zwar in drei hintereinanderfolgenden Stunden lasen . An den übrigen Tagen hielt er sich zu Haus , Studien hingegeben , die ganz und gar seiner Neigung entsprachen . Er las viel , stand ganz in den Anschauungen der romantischen Schule , verfolgte mit besonderem Eifer die Fehden , die dieselbe führte , und nahm auch wohl gelegentlich selbst an diesen Fehden teil . Seine Lieblingsbücher , die nicht von seinem Tisch kamen , waren Shakespeare und die Percysche Balladensammlung ; beiden zuliebe hatte er Englisch gelernt , das er nicht sprach , aber gut verstand . Dann und wann versuchte er sich selbst in einigen Strophen , nach Ansicht der Kastalia mit Erfolg , nach seiner eigenen Meinung aber ohne wirklich dichterischen Beruf . Indessen muß gesagt werden , daß er hierin zu weit ging und wenigstens in einem Punkte , vielleicht gerade in dem entscheidenden , in einer irrtümlichen Strenge gegen sich selbst befangen war . Das nämlich , was er sich als Schwäche auslegte , war in Wahrheit seine Stärke . Er machte keine Gedichte , sie kamen ihm , und er genoß des Glückes und Lohnes ( des einzigen , dessen der Dichter sicher sein darf ) , sich alles , was ihn quälte , vom Herzen heruntersingen zu können . Die erste Vorlesung war heute bei Savigny . Er sprach über » Römisches Recht im Mittelalter « und schien , der völligen Ruhe nach zu schließen , mit der er begann und endigte , von dem großen Tagesereignis , das in der Tat erst im Laufe der Vormittagsstunden allgemeiner bekannt wurde , nichts gehört zu haben . Auch in dem unmittelbar folgenden Thaerschen Kolleg geschah der Kapitulation mit keiner Silbe Erwähnung , entweder weil der Professor ebenfalls noch ohne Kenntnis war oder voll feinen Taktes empfand , daß das Thema seiner Vorlesung : » Der Fruchtwechsel und die landwirtschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues « keine recht passende Anknüpfung gestattete . Von elf bis zwölf las Fichte über den » Begriff des wahrhaften Krieges « . Es war ein Collegium publicum , für das , ebenso mit Rücksicht auf das Thema wie auf die Popularität des Vortragenden , von Anfang an der größte der Hörsäle gewählt worden war ; nichtsdestoweniger war alles längst besetzt , als Lewin eintrat , und