Schritt ; und Herr Tobias schlürfte behaglich den Rest aus seinem Glase . Und hast Du von Deiner Freundin Rosa je wieder etwas gehört ? Sie lebt in der Residenz und treibt ihr Geschäft mit der doppelten Buchführung schwunghafter als je . Wenn Du ' mal nach der Residenz kommst , Albertchen , vergiß ja nicht , sie zu besuchen . Sie wohnt Gertruden- und Pferdestraßenecke , zwei Treppen hoch . Wir wollen uns das doch gleich notiren , sagte Albert , die Adresse in seine Brieftasche schreibend ; aber was ist denn aus der Marie , aber wie das dumme Ding hieß , geworden ? Ja , das ist eine curiose Geschichte . Kurze Zeit nachdem wir fort waren , ist wirklich einer ihrer Freunde , ein Herr von Estein , gekommen und hat sie dem Baron wegstibitzt , der sich darüber so schwer geärgert hat , daß er bald darauf gestorben ist . Aber nun kommt das Curioseste von Allem . Denke Dir , Rosa ist kaum wieder in ihrem Geschäft , als sie Nachts herausgeklingelt wird , von wem ? von eben dem Herrn von Estein , und zu wem ? zu eben derselben Marie , die in Kindesnöthen liegt . Nicht möglich ! rief Albert , einen Augenblick die angenommene Gleichgiltigkeit vergessend . Was ich Dir sage . Rosa hat es mir damals gleich geschrieben und ich habe mich halb todt gelacht über den Spaß . Erst ein Mädchen verkuppeln und dann - Tobias lachte diesmal gegen seine Grundsätze gerade heraus . Albert stimmte ein . Sehr gut , wirklich sehr gut ! Vielleicht weiß Frau Rosa auch , was aus dem Kinde geworden ist ? Möglich , sagte Tobias , aber ich glaube , sie will nichts davon wissen . Sonst hätte sie wohl , als Baron Harald damals in allen Blättern dem , welcher ihm über das Verbleiben der Marie Auskunft geben könnte , eine große Belohnung bot , sich gemeldet . Ich glaube , sie hat die Folgen der Geschichte gefürchtet und hat ' s gemacht wie ich und reinen Mund gehalten , bis zwanzig und einige Jahre lang Gras darüber gewachsen ist . Na , aber nun , Albertchen , ist die Reihe an Dir , mir zu erzählen , wie Du in letzter Zeit zu Deinem Gelde kommst . Tausend ! da fällt mir ein , daß ich noch in den Keller muß , rief Albert aufspringend . Adieu , Tobias , ein ander Mal - ich kann wahrhaftig nicht bleiben . Und Albert setzte seinen Hut auf und entfernte sich eiligst , ohne sich an das Schmollen seines Wirthes und Gastfreundes zu kehren . Fünfunddreißigstes Capitel Seit einigen Tagen war Helene von Grenwitz die Braut Sr. Durchlaucht , des Fürsten Raimund von Waldernberg , Grafen von Malikowsky , Erbherrn zu Letbus . Vorläufig allerdings im Stillen , da es noch geraume Zeit brauchte , bis die Präliminarien des Bundes , welcher die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte , abgeschlossen waren , und überdies die öffentliche Feier der Verlobung in der Residenz stattfinden sollte , wohin der Fürst gleich nach Neujahr zu seinem Regiment zurückkehrte und auch die Eltern des Fürsten - die Mutter aus Petersburg , der Vater aus Paris - zu kommen versprochen hatten . So hatte die Baronin also ihr großes Ziel glücklich erreicht , und die triumphirende Freude darüber war ihr eine reichliche Entschädigung für alle Demüthigungen und Enttäuschungen , für alle die in Sorge und Angst durchwachten Nächte der letzten Monate . Sie trug ihr Haupt so stolz , wie nie zuvor . Verdankte sie doch alle Erfolge , die sie im Leben gehabt hatte , und so auch diesen letzten größten nur sich allein ; verdankte sie doch nur ihrer Klugheit , Mäßigung , Umsicht und Schlauheit , daß sie aus einem simplen adligen Fräulein , das keinen Pfennig im Vermögen hatte , Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Fürsten Waldernberg geworden war ! Hatte sie doch ihr Leben lang nicht blos mit den Verhältnissen , sondern mit den ihr zunächst stehenden Personen kämpfen müssen : mit ihrem schwachen , energielosen , für große Pläne unzugänglichen Gemahl , mit ihrer stolzen , eigenwilligen Tochter ! Hatte sie doch für Alle denken und sorgen , ihnen gleichsam das Glück aufnöthigen müssen ! Die Mienen der Beglückten freilich verriethen wenig oder nichts von innerer Freude und Erhebung ; im Gegentheil , seitdem das entscheidende Wort gesprochen war ein Schleier von Verlegenheit , ja von Unmuth über ihre Mienen gefallen . Des Fürsten dunkles Gesicht war noch um eine Schattirung dunkler geworden , und seine schwarzen Augen hingen oft mit einem eigenthümlichen unerklärlichen Ausdruck an den schönen , stolzen Zügen seiner Verlobten , die auffallend blaß und still einherschritt und einer kalten Marmorstatue viel ähnlicher sah , als einer glücklichen Braut . Indessen diese melancholische Stimmung schien gerechtfertigt durch die Sorge für den Vater , der schon lange gekränkelt hatte und nun mit einem Male sehr ernstlich krank wurde . In der Nacht , die dem Verlobungstage folgte , hatte der alte Herr wieder einen Gicht - Anfall bekommen , und die herbeigerufenen Aerzte erklärten sofort , daß sie diesmal für den Ausgang nicht stehen könnten . Seit dem Augenblick war Helene an das Schmerzenslager des Vaters gebannt , um so mehr , als derselbe nur sie um sich sehen , nur aus ihren Händen die Medicin nehmen , nur von ihr sein Kissen geglättet haben wollte . Der frühe Winterabend begann hereinzubrechen . Auf der Straße , die mit hohem Schnee bedeckt war , herrschte tiefe Stille , die nur von Zeit zu Zeit durch die Klingel eines Schlittens unterbrochen wurde . Niemand war bei dem Kranken als Helene . Sie saß dicht an seinem Bett , hielt seine welke , in Fieber zuckende Hand in ihren warmen , weichen Händen , und suchte , so gut es ging , seine immer größer werdende Unruhe zu beschwichtigen . Unterdessen wandelte die