Volk zurückdrängten , das indeß sich daselbst zusammengefunden , von dem Getöse herbeigelockt , das weithin geschallt war . Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt , um Hülfe zu leisten , unzählige Hände waren beschäftigt , das Gerüst zu stützen , und unzählige Augen blickten ängstlich zu dem Thurme hinauf , auf dessen oberstem Gemäuer Hieronymus gleich einer Bildsäule stand und keine Möglichkeit sah , herabzukommen . Der Aufblick zu ihm schon machte Viele schwindeln - wie mochte dem zu Muthe sein , der da oben stand ? - Und weiter unten ging Ulrich ebenso einsam über die schwankenden Balken , die mit der vorhin brechenden Stütze ihren sichersten Halt verloren hatten . Eine große Leiter vor sich her balancirend ging er die gefährliche Bahn . Am obersten Ende der Leiter hatte er einen Strick befestigt . Jetzt hatte er sich dem Thurm genähert , hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu , den Strick zu fassen und ihn an das Gemäuer irgendwie zu befestigen . Hieronymus neigte sich herab - er schien in der Luft zu schweben , man meinte schon ihn stürzen zu sehen - ein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der schauenden Menge , eine alte Frau drängte sich hindurch und rief verzweifelnd : » Mein Sohn , mein einziger Sohn ! « Es war Mutter Martha , die auch das Gekrach und die ahnende Sorge des Mutterherzens herbeigelockt . » Welcher ist Euer Sohn ? « fragte Elisabeth ; » ach , ich kann mir denken , was Ihr empfindet - ich empfinde es mit Euch ! « » Ihr ? ! « sagte Mutter Martha mit dem Tone des höchstens Erstaunens , da es ihr überhaupt sehr unerwartet war , so plötzlich mitten unter dem Volkshaufen neben der stolzen Frau von Scheurl zu stehen , die sonst immer so streng jede Berührung mit dem Volke vermied und es jetzt nicht achtete , wie ein Tagelöhner mit schmutzigem Stiefel auf ihrer seidenen Schleppe stand und ein zerlumpter Betteljunge mit den Quasten ihres Aermels spielte - » Ihr ? « wiederholte Mutter Martha , » Ihr fühlet das , die Ihr für keinen von diesen Beiden , nachdem sie ihr Leben für Euch gewagt , ein Dankeswort hattet ? Pfui , schämt Euch ; viel eher glaub ' ich , Ihr freut Euch , wenn die wackern Burschen hier verunglücken , dann könnt Ihr vollends vergessen , was sie für Euch gethan - das wollt Ihr wohl mit abwarten . « Maler Beyerlein , der auch des Weges gekommen war , um bei der Teppichberathung der Frauen in der Kirche mit gegenwärtig zu sein und sich jetzt bis zu Elisabeth durchgedrängt hatte , klopfte die alte Frau auf die Schulter und sagte : » Gute Frau , Ihr wißt gewißlich nicht , mit wem Ihr sprecht , daß Ihr Euch solcher frechen Rede unterfangt - das ist die edle Frau von Scheurl . « Martha schien nicht zu hören , all ' ihre Sinne waren wieder in ihren Augen , mit denen sie an dem Thurme und an ihrem Sohne hing . Er hatte jetzt die Leiter oben befestigt , unten hielt sie Ulrich ; aber es war nur ein schmales Brett , auf dem er stand - nur einen Schritt fehl , und er stürzte hinab , oder die Leiter entglitt ihm und riß ihn mit , wenn der kräftige Hieronymus auf ihr stand . Jetzt hatte er sie betreten - die Volksmenge hielt den Odem an - da klang ein Betglöckchen aus dem Clara-Kloster herüber . Einzelne knieeten nieder , unwillkürlich folgte die Menge diesem Beispiel , und mit einem Male lagen Alle auf den Knieen , wortlos für die Baubrüder zu beten , die in solcher Todesgefahr schwebten ; Elisabeth knieete dicht neben Martha und der Maler hinter Beiden , um seine edle Gönnerin vor der alten Frau zu beschützen , die ihm nicht recht bei Sinnen zu sein schien . Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sprosse betreten - entweder mußte er nun über Ulrich , der knieend die Leiter hielt , hinwegsteigen , oder dieser sie loslassen und vor ihm her gehen . Wie es schien , unterhandelten die Beiden darüber . Das war der entscheidende Moment : ließ Ulrich los , so konnte Hieronymus mit der Leiter herabstürzen ; ließ jener nicht los , bis dieser über ihn hinweg das schwanke Brett betreten , so konnte Ulrich um so sicherer hinabfallen - und außerdem war noch für beide Fälle eigentlich das Wahrscheinlichere , daß beide fielen . Ulrich ' s Beharrlichkeit hatte gesiegt - Hieronymus war über ihn hinweggeschritten ! Jetzt - ein Aufschrei der Menge - ein Wegwenden und Verhüllen der bleichen Gesichter , und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauen - ein krachender Ton - ein jählinger Fall - ist ' s Ulrich ? - ist ' s Hieronymus ? - - » Gott sei Dank ! « » Gelobt sei Jesus Christus ! « murmelt und schreit es durch die Menge - es ist nur die Leiter , die Ulrich sich selbst aufrichtend losgelassen , die nun erst an den Thurm zurückschlägt und von da den Strick zerreißend , mit dem sie befestigt , herunterfällt und unten zersplittert - so kann auch der Mensch zerschellen , der hier abgleitet ! - Einige Minuten noch schwebten die Baubrüder in Todesgefahr - dann haben sie das noch feste Gebälk erreicht . Ein donnernder Jubelschrei begrüßt die Geretteten - bald darauf stehen sie wohlbehalten unten vor der Kirche und Hieronymus umarmt Ulrich als seinen Retter ! Die andern Baubrüder , der Werkmeister und Pallirer mitten inne , begrüßen die beiden Helden des Augenblickes ; Mutter Martha will zu dem Sohne eilen , aber ihre Kraft hat nur gerade so weit gereicht , als sie in ängstlicher Spannung des Ausgangs harrte , der den Sohn ihr rauben , zerschmettern konnte - jetzt dachte sie erst : » wenn es nun doch geschehen wäre ? « und vor so gräßlicher Vorstellung versagten