künftige Rekruten des großen Militärstaats auch ... und Bataillon schwenkt ! commandirte jetzt der Major vom Stabe , der glückseligst wieder die Seinigen » beisammen hatte « , » seine Jungen « , » seine Kinder « - er zog das doppelte Tuch nicht aus - und nun hätte einer über diese kerzengeraden Colonnen sagen sollen : Das sind Handwerker , Bauern , Oekonomen , Förster , Studenten , Referendare ? Nein ! Es waren Krieger so gut , wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben ! Und auch der Dechant nickte höchst befriedigt , als es so ein donnerndes Halt ! galt . Er suchte und suchte ... richtig ! da fand er den schlanken , heute so extra-brünetten , sonnenverbrannten , » wol zu spät gekommenen « Herrn Neveu mit dem gestutzten Bart- und Kopfhaar , der jetzt nicht einmal lächeln , nur mit den Augen blinzeln durfte , um ihn zu grüßen , und fünf Mann weiter stand der Blonde ... der Thiebold de Jonge , dem Hedemann und Ulrich von Hülleshoven das Leben gerettet hatten ... und des Dechanten Herz schlug doch freudiglichst , da so unter der Masse die herauszuerkennen , die ihm bekannt , lieb und unendlich werth waren . Auch er respectirte die militärische Ordnung und grüßte nur mit einem holdseligen Lächeln und einem höchst ironischen Zuge um die Lippen , als wollte er sagen : Na , da werdet ihr denn jetzt gedrillt , ihr jungen Weltstürmer und müßt wie die Gliedermänner zappeln und Fuß und Hand heben , nicht wie eure hochherrliche , freie , beneidenswerthe Jugendlust es will , sondern wie der alte Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiassessor , heute Lieutenant von Enckefuß , euer Zugführer , nachdonnerwettert ! Euch schon recht , euch schon recht ! Und in seinen Spott und seine Freude rasselten nun die Trommeln ... die Pickelpfeifen schrillten ... die Ladestöcke klingelten ... Schulzendorf , der Gensdarmenmajor , jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Marktbuden weg , um Platz zu machen ... auch Grützmacher war schon wieder da , vielleicht ohne den Leichenräuber ; jetzt aber fegte er die Straßen rein von allem , was die Entwickelung der Kraft und Größe seines Vaterlandes hemmen konnte . So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen . In einem engen Gäßchen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei . 7. Die Straßen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut , wie das » gemüthliche « Mittelalter überall baute . Häuserzeilen , die nicht geradeaus laufen , sondern die den Wind überzwerg durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ... Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse , die in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ... Zwischendurch stürzt und wogt und wallt der » Fall « , ein wilder Bergstrom von mäßiger Breite , der das Städtchen in zwei Theile schneidet , ohne daß man zuweilen die Brücken bemerkt , auf denen man steht . Der Fall ist hier und da ganz überbaut und schießt durch Färbereien oder unter einer donnernden Mühle hin , man sieht ihn nicht . Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel . In Kocher am Fall gibt es eine starke Judengemeinde , die schwunghaften Handel treibt , vorzugsweise mit Vieh und dessen Abfällen . Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und Fruchtmakler , die Geschäfte auf zwanzig Meilen Weges und weit über die Residenz des Kirchenfürsten hinaus machten . Herr Löb Seligmann von Kocher am Fall war sogar einer der berühmtesten Gütermakler . Zwei so stattliche Kirchen , wie der uralte Dom von St.-Zeno und die Stadtkirche , reichten vollkommen für die christliche Bewohnerschaft aus . Es waren aber noch fünf bis sechs andere Kirchen vorhanden . Sie wurden zu Vorrathshäusern für Militär- und Verwaltungszwecke benutzt . Eine der kleinern , die Minoritenkirche , gehörte den Protestanten , die nur in geringer Zahl in Kocher am Fall wohnten , in geringerer noch als die Juden ... Auf der Conferenz sprach eben jemand , als der Dechant eintrat , die Worte : Und dennoch , dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert Lutherseelen einen Geistlichen , der besser dotirt ist als der Kaplan in der Stadtkirche , der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den Dörfern der Umgegend zu versehen hat ! Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick , Hilkum und den Mönchen zu Gottesthal ! hätte der Dechant gleich hinzusetzen mögen , um eine der von jenen Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen . Doch fürchtete er , seinen Amtsbrüdern die Phantasiegebilde zu zerstören , die jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und niederzogen . Immer traf ihn beim Eintreten in den großen Schulsaal - - die glückliche Jugend hatte heute » frei « - sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an der Spitze der zusammengerückten Schultische sitzenden Beda Hunnius , dieser doppelsichtige Blick , der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach . Der kurze , gedrungene , breitschulterige Herr Stadtpfarrer schriftstellerte . Er redigirte den » Kirchenboten « , theologisch und poetisch . Der Dechant konnte den Mann nie sehen , ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken , der im Augenblick nur nicht gegenwärtig war . Beda Hunnius , den er vor sich sah , und der , den er gedruckt kannte , der , auf den er , wie er sagte , abonnirt war , waren zwei ganz unvereinbare Gegensätze . Der Dechant wußte , daß bei seinen Amtsbrüdern das Schriftstellern sowol überhaupt aus der Leichtigkeit entsteht , Erbauungsbücher zu schreiben , die immer gut verkauft werden , wie im Besondern aus einer heftigen Mittheilungslust , die durch den polemischen Eifer geschürt wird . Auch das Gefühl der Einsamkeit ließ Franz von Asselyn als die Muse des katholischen Geistlichen gelten . Obgleich ihn sein Amt mehr in