verwies dich auf die Zukunft . So langte ich mit dem Augustus in der Hälfte des Novembers nach einer sehr glücklichen Fahrt in Ostia an . Die Feierlichkeiten des Triumphs , die Spiele , Schauspiele u.s.w. - wirst du mir zu beschreiben erlassen . Mancher Griffel setzte sich deßwegen ohnedies in Bewegung , und du wirst sie entweder schon gelesen haben , oder noch zu lesen bekommen . Bald nach ihrer Beendigung verließ Diocletian schnell und unvermuthet die alte Hauptstadt der Welt , die er nur erst betreten hatte , empört durch die Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Römischen Pöbels3 . Wir reiseten am Ende des Decembers mitten in den Saturnalien ab ; aber schon in Aquileja wurde Diocletian von einer plötzlichen Schwäche , die mit mehreren seltsamen Symptomen begleitet war , überfallen . Er mußte einige Tage dort stille liegen , und konnte seitdem die Reise in dieser ungünstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen Tagemärschen fortsetzen . Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmöglich ; um also einen milden und zugleich ruhigen Aufenthalt zu finden , wählte er Salona , wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast , an Bädern und Gärten , mit einem Wort , an einem sehr prächtigen Wohnort für ihn gebaut wird , und zwar mit einer Emsigkeit und Vorliebe , die mich in manchen meiner Vermuthungen bestärkt . So sind wir nun hier , und da Diocletian vielleicht aus besondern Ursachen , mir jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset , und überhaupt mich sehr gern um sich zu haben scheint , so wird es mir nicht möglich , ihn zu verlassen , und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zurückkehren . Hier hörten wir denn auch , daß Galerius in Syrmium4 die Feier der Vieennalien mit so viel Pracht , lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung gegen den Augustus verherrlicht habe , daß mir seine bösen Absichten , und der stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden . Rechne noch dazu , daß Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand , daß dieser ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und Sorge für des Augustus Gesundheit aufdrang , und daß dieser Arzt noch jetzt , wie ich sicher weiß , einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn genießt , und du wirst über manches anders und richtiger urtheilen können , als die Welt . Du denkst wohl leicht , daß ich keinen dieser Umstände außer Acht lasse . Mein ruhiger Sinn , mein leidenschaftloses Gemüth , das so oft in traulichen Gesprächen deinen und deiner Theophania leichten Spott erfahren mußte , kömmt mir in diesen Umgebungen trefflich zu Statten . Es darf nichts gering geachtet , nichts übereilt nichts unter , nichts über seinen Werth und Einfluß geschätzt werden , und wie mehr uns die Ereignisse zu drängen , und in Gährung zu bringen scheinen , je nöthiger ist es , seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt , auf den Alles ankömmt , nie aus den Augen zu verlieren . Mein Vater war sehr gekränkt durch jene auffallende Hintansetzung . Es mag seyn , daß er mit dulden mußte , was eigentlich nur seinem Gefährten galt . Indessen trug er es wie ein großgesinnter Fürst , wie ein edler Mann . In Eboracum sind die Vicennalien mit anständiger Pracht , wie in allen Hauptstädten des Reichs begangen worden . Keine heuchelnde Geschmeidigkeit , keine überlaute Freude entwürdigte das Verhältniß und das Betragen meines Vaters . Er hat mir geschrieben , sein Brief ist voll zärtlicher Besorgniß um mich , er kennt des Galerius Gesinnungen , er weiß von der Krankheit des Augustus , und fürchtet , wenn eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte , Alles für mich in diesen Provinzen , die ganz dem Scepter des düstern Cäsars unterworfen , und eben darum mit seinen Centurien angefüllt sind . Ich bin ziemlich unbesorgt , weil ich die Umstände , meine Gefahr , und die möglichen Rettungsmittel sehr genau kenne ; aber ich begreife , daß in einer so großen Entfernung bei den unsichern Gerüchten seine Liebe leicht besorgt werden kann . Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit , den edlen Florianus , senden , der mir theils schriftlich , theils mündlich verschiedene Nachrichten und Warnungen bringen soll , die zu meinen Absichten unentbehrlich , und bei der jetzigen Lage der Umstände keinem Briefe anzuvertrauen sind . Ich freue mich sehr , ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen , und fürchtete nur , ihn viel veränderter zu finden . Du weißt die Geschichte , die sein sonst so stilles schönes Leben vergiftet hat . Sieh ' hier eine neue Veranlassung , mich der Kälte meines Herzens , wie ihr es nennt , zu rühmen und zu freuen . Was könnte Florianus seyn , und was ist er ? So viel Macht hat die Leidenschaft ! So gefährlich ist ' s , von ihrem süßen Gifte nur zu kosten , selbst im reifen männlichen Alter ! Solltest du ihn in Laureacum5 sehen , wie ich nicht zweifle , so freue dich im Voraus , eines der edelsten Gemüther , der reinsten Herzen , deinen Freund nennen zu können . Das wird er seyn , das ist er schon , denn er kennt dich durch mich . Grüße deine liebenswürdige edle Theophania herzlich von mir , und leb ' wohl . Fußnoten 1 Ein unberühmtes Dorf in Dalmatien trägt noch heut zu Tage den Namen , welchen einst ein prächtiger Palast und Gärten , Tempel , Bäder , kurz Alles , womit Diocletian seine Einsamkeit verschönerte , trug . 2 Daß die Verdienste der Cäsaren den Augusten , als ihren Vätern , zugeschrieben worden sind , ist geschichtlich . 3 Geschichtlich . 4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Theile des Reichs , der damals Illyrien hieß . Vicennalien , das Fest wegen der zwanzigjährigen Regierung des Diocletian . 5 Laureacum , das heutige Enns in Oberösterreich . 91. Theophania an Junia Marcella