Mark gefallen . Aber was wog das gegen die Erwartung des großen Kladderadatschs ? Was bedeutete Wohlleben und Besitz gegen den Genuß , den man beim Fall von Gestirnen empfindet ? Was hatte noch Reiz in der Welt , nachdem diese hoffnungsvolle Angelegenheit , die als eine Tragödie begonnen und sich so gesteigert hatte , daß man glauben durfte , alle Gegensätze der menschlichen Natur würden vernichtend zusammenprallen , als ein gemeines Rührstück mit allseitiger Versöhnung geendet hatte ? Aber es lag nicht an dem allein , daß Herr Carovius , bisher eine elastische Gestalt , einer von den unverwüstlichen Junggesellen , denen keine Schranke gesetzt scheint , sich plötzlich alt werden fühlte . Eine Unruhe war in seinem Gemüt , eine böse Ahnung , eine Angst vor Wetterwechsel . Er spürte einen inneren Hunger und hatte gleichwohl keinen rechten Appetit mehr auf die Dinge . Verloren , seufzte es in ihm , verspielt und vertan . Doch es konnte denen , die sich auf seine Kosten bereichert hatten , nicht zum Gedeihen ausschlagen , das wußte er . Seine Haare fielen aus , und er bekam das Reißen in den Gliedern . Bei zehn Grad Wärme schepperte er , und wenn es regnete , blieb er zu Hause . Er fing an , sich auf eigene Faust mit der Medizin zu beschäftigen , namentlich mit der Heilwissenschaft der Altvordern . Er las die Schriften des Paracelsus und erklärte alle , die nach Paracelsus geschrieben und geforscht hatten , für Quacksalber und Giftmischer . So wurde er auch in allem Musikalischen immer krauser und wunderlicher . Er hatte einen altnürnbergischen Komponisten entdeckt , des Namens Staden , und in dessen Oper Seelewig , der ersten deutschen Oper überhaupt , wollte er den Gipfel der Kunst erblicken , über Mozart und Bach hinaus . Er spielte seiner Nichte Dorothea Arien und Chöre aus » Seelewig « vor . » Wenn du das kapierst , « eiferte er , » wenn du ' s so weit bringst , daß ich in deinem Spiel hören kann , was da drinnen liegt , Himmel und Hölle in einem Griff und Bogenstrich , dann , du Maulaffe , bin ich imstand und setz dich zu meiner Erbin ein . « Das war das sehnlich erwartete Wort für Dorothea . Es bestätigte ihre Berechnung , es krönte ihre Träume . Um es endlich zu vernehmen , war ihr keine Mühe des Werbens zu viel gewesen . Herr Carovius war ja nicht verwöhnt . Seit ihm die Schwester den Haushalt geführt , hatte sich nie ein Frauenzimmer um ihn bekümmert . Aber damals war er jung gewesen ; hatte sich noch im Wahn befunden , sie warteten auf ihn , die Weiber , und er habe bloß nötig , mit dem Finger zu winken , damit sie scharenweise herbeistürzten . Und nur weil er die Mißlichkeit der Wahl und die Unkosten gescheut , hatte er es unterlassen zu winken und ihnen großmütig die Freiheit geschenkt . Daß so eine kleine weiche Frauenhand wie die Berührung eines Zauberstabs wirken konnte , erfuhr er jetzt . Was für eine angenehme Fratze das Döderleinsche Erzeugnis hat , dachte er . Und wenn Dorothea , die ihm noch immer einredete , daß sie ihn heimlich besuchte , als sie sich der Zustimmung ihres Vaters schon lang versichert hatte , einige Tage hindurch ausblieb , wurde er ganz wild und hackte Holz in seiner Küche , um nur etwas zerschlagen zu können . Übrigens gaben die musikalischen Unterweisungen , die er Dorothea angedeihen ließ , dem jungen Mädchen einen neuen Begriff von ihrer Kunst und weckten ihren Ehrgeiz . Befriedigt von ihrer Willigkeit und ihren Fortschritten , nannte sie Herr Carovius bisweilen scherzhaft den künftigen weiblichen Paganini des Zeitalters und dichtete für sich selbst die Rolle eines dämonischen Impresarios . Aber was ihm an Dorothea immer mehr auffiel und ihn erstaunen machte , war ihr Verhältnis zu den Spiegeln . Der Spiegel übte eine unwiderstehliche Gewalt auf sie aus . Begehrliches Entzücken malte sich in ihrem Gesicht , wenn sie beim Vorübergehen ihr Bild im Spiegel fing und hielt , eine lüsterne Unruhe vorher , zurückziehende Ungewißheit nachher . Im Glanz der Augen lag stets Verlangen nach dem Spiegel , Schritt und Gebärde schienen sich im Spiegelgefühl Aufgaben zu stellen und Überraschungen zu bereiten . Die ganze Person lebte wie in Gemeinschaft mit einer geisterhaften Spiegelschwester , deren geliebten Anblick sie sich so oft als möglich zu verschaffen trachtete . 8 Es war Dorothea gelungen , ihrem Vater den Vorteil klar zu machen , der sich für sie , als der nächsten Anverwandten , aus einer liebevollen Beziehung zu Herrn Carovius ergeben mußte . Andreas Döderlein sträubte sich eine Weile , aber er konnte dem vorausblickenden Scharfblick seiner Tochter die Anerkennung nicht versagen . Als sie ihm den Auftritt im freiherrlichen Haus erzählt und die ungeheure Summe genannt hatte , die Herr Carovius mit Siegermiene eingefordert , hatte Döderlein ernst vor sich hingeblickt . Des verjährten Zwistes gedenkend , wahrte er den Schein der Unnahbarkeit und sagte : » Wir wollen uns nicht des elenden Mammons wegen erniedrigen . « Ein paar Tage später jedoch sagte er ganz von selbst , seufzend wie ein Mann , der einen schweren sittlichen Kampf glorreich bestanden hat : » Tu was du willst , mein Kind , aber laß es mich nicht wissen . « Man war ja arm . Man lebte von der Hand in den Mund . Das geringe Heiratsgut , das Herr Carovius seiner Schwester mitgegeben , war aufgebraucht . Margaret hätte Anspruch auf dreißigtausend Mark gehabt , Herr Carovius hatte ihr nur zwölftausend ausbezahlt , und dagegen war kein Appell möglich , denn Herr Carovius hatte sich von seiner sklavisch ergebenen Schwester um den Preis seiner Einwilligung in die Heirat eine schriftliche Verzichtserklärung ausstellen lassen . » Ich bin düpiert worden , « sagte Andreas Döderlein und trug seinen Groll mit Würde . Der Direktor der Musikschule starb , und Andreas