der gemeinsamen Entrüstung wider den offenbarten fremden , seiner ganzen Natur nach feindlichen Geist der Gegner zum deutlichen Ausdruck kam , wurde in allen - den Soldaten , den Bürgern , den Männern und den Frauen - zur Kraft . Und doch war die Angst noch nicht völlig vertrieben . Im Schatten hockte sie noch immer und zog mit den langen dürren Armen an sich , wer nicht sicher im Hellen ging . Da kam die große Mittagsgöttin , die in alle Winkel leuchtete : Die Wahrheit . Ihr Kleid , die Sprache , das eben noch ein buntes phantastisches Gewand gewesen war , in das sie sich oft fast versteckte , floß in weißen strengen Falten an ihr herab . Niemand hätte sie mehr zu verkennen , niemand an ihr zu zweifeln vermocht . In den kurzen markigen Worten des Generalquartiermeisters stand jedes Ereignis wie gemeißelt da . Furchtbar konnte es sein ; grauenhaft war es nicht mehr . Ringsum an den Grenzen flammten die Städte und Dörfer gen Himmel , daß der Horizont in der Nacht rot zu glühen begann . Mochten die Augen entsetzt das gräßliche Schauspiel gewahren , der Wille der vielen schmolz in der Lohe zu einem Unteilbaren zusammen . Auch Konrads junger Kamerad wußte nun , daß Haus und Hof eingeäschert , daß die Schwestern entflohen , die Eltern von den Mordbrennern fortgeschleppt waren - wer weiß wohin . Aber er weinte nicht mehr , er ballte nur die Fäuste und bekam schon jetzt den harten Zug um den Mund , den alle , die ihn erlebten , wie das Brandmal des Krieges tragen . Weit , immer weiter entfernte sich ein jeder von der Fessel einstiger physischer und seelischer Heimat . Die Gegenwart versank ihnen allmählich , wie schon die Vergangenheit versunken war , und nur eines lebte : die Zukunft . Verzehrend wurde in den Kasernen unter der jungen Mannschaft der Durst nach Taten . Sie sprachen nicht mehr viel miteinander . Müde vom strengen Dienst , müder noch von der getäuschten Erwartung , warfen sie sich abends aufs Bett und erwachten in der Frühe mit Augen voll Hoffnung : Heute - ! Immer mehr Reserven wurden herausgeschickt , einmal zehn , dann zwanzig , dann dreißig Mann . Sie strahlten , wenn sie gingen , als wären sie schon heimkehrende Sieger . Und eines Morgens traf es Hans Gerwald , Fritz Ewert und Konrad Hochseß : » Um vier Uhr marschbereit . « Nichts weiter . Mit einem schmetternden Hurra aus zwei jungen Kehlen machte sich die überströmende Freude Luft . Singend packte Hans seinen Tornister , und von den Kameraden abgewandt , heimlich , daß keiner es sehen sollte - nur Konrad erhaschte es mit flüchtigem Blick - , strich er zärtlich den letzten Brief der Mutter glatt und verwahrte ihn in seiner Brusttasche , und steckte , ein großes Stück Brot opfernd , den gelben süß duftenden Kuchen von zu Haus in den Brotbeutel ; Fritz dagegen entledigte sich mit aszetischer Härte aller Dinge , die ihm überflüssig oder gar sentimental erschienen . Zuletzt legten sie ein paar Bücher obenauf : ein kleines Bändchen Goethescher Gedichte der eine , Goethes Faust der andere und Nietzsches Zarathustra alle beide . » Ihr Barbaren ! « sagte Konrad lachend . Er beschwerte sich nicht ; ihm schien , als könnten gedruckte Worte ihm auf diesem Wege nichts mehr geben , was nicht an lebendig Gewordenem in ihm war . In der letzten Viertelstunde ging er noch rasch den Schloßberg hinauf . In Frieden gebreitet , mit üppigen Feldern glänzte das Land , ein ahnungsloses Kind . Und die Wellen des Flusses , seines fröhlichen Spielgefährten , trugen das Sonnenlicht , das sie tranken , strahlend weiter . Nur der Turm ragte finster gen Himmel . Wie vor Jahrhunderten sah er in der Ferne lodernde Flammen , die den zahllosen , aus dem östlichen Horizont , dem schmalen Strich zwischen Himmel und Erde , schwarz hervorquellenden Horden , die Wege wiesen . Das Regiment marschierte . Und vom Himmel brannte die Sonne und es war , als ob die weiße Chaussee von dem langen grauen , von Gewehren stacheligen Tier mit den vielen Menschenfüßen allmählich verschlungen wurde . An stillen blauen Seen ging es vorbei , die zwischen nickenden Bäumen tief in den Mulden lagen . Dann sonderte sich wohl der oder jener ab , riß die Kleider vom Leibe und tauchte minutenlang den ermatteten Körper in die frische Flut , um gleich danach wieder in Sprüngen den Zug zu erreichen . Und da und dort standen Bauerngehöfte am Wege , mit roten Dächern und strotzenden Scheunen . Dann liefen Frauen und Kinder mit gefüllten Eimern zwischen den Reihen hin und her , als müßten sie gerade diesen Soldaten mit einem frischen Trunk dafür danken , daß der Krieg sie noch nicht berührte . Die Mädchen zierten sich nicht , wenn ihnen einer im Vorübergehen die roten Lippen küßte , und die Kinder jauchzten , wenn ein Bärtiger sie zärtlich zu sich emporhob . Sie waren ja keine Fremden mehr , sie waren alle eine Familie . Das Regiment marschierte . Ein Hüne war darunter , der zuweilen aus dem Gliede trat und neugierig musternd , seine Kompagnie an sich vorüberziehen ließ . War der eine zu weiß im Gesicht oder der andere zu rot , so nahm er ihm fast mit Gewalt den Tornister vom Rücken und legte ihn über den seinen auf den eigenen Buckel . Und der jüngste Leutnant in einem anderen Bataillon trug mit einem Gesicht , das wie über den besten Witz der Welt fröhlich lachte , oft über jeder Schulter ein Gewehr . Konrad sah besorgt , wie Hans und Fritz , seine Nachbarn , in den Knien zusammenknickten oder in den Armen zu zittern begannen . Aber eine Frage , ein teilnehmendes Wort spannte ihre Kräfte aufs neue . Sie duldeten keine Hilfe . Der Oberst , um die ungeübteren unter seinen Leuten besonders besorgt