Ingolstadt . Eine lange Reihe von Bauernkarren unter scharfer Bewachung , mit Plündergut aus Stift und Münster , mit Lösegeldsäcken und Sackmacherbinkeln , wurde nach Burghausen geschickt . Dann zog der Seipelstorfer mit dem zusammengeschmolzenen Trupp seiner Harnischer nach der Burg des Kaspar Törring , um den Belagerungshauf seines Herrn zu verstärken . Da kam er gerade noch recht , um das Ende der flinken Arbeit zu sehen , die Herzog Heinrich geleistet hatte . Tag und Nacht waren die Büchsen und Bliden in ruheloser Tätigkeit gewesen und hatten vierzehnhundert Steinkugeln in die Burg geworfen . Die Antwerke hatten pechgetränkte Strohbauschen und glühende Lumpensäcke geschleudert und alles Brennbare der Burg in Flammen gesteckt . Nur der starke , aus gewaltigen Quadern erbaute Wachturm Hochtörring stand noch - ohne der Besatzung viel Schutz zu bieten ; in diesem sicheren Turme hatte Kaspar Törring seine sechzig geliebten und berühmten Leithunde mit ihren Wärtern , mit ihrem Koch und ihrer Küche untergebracht . Schauerlich klang mit dem Gebrüll der Hauptbüchsen das tobende Hundegeheul zusammen , das immerzu aus den Wehrscharten des Hochtörring herausscholl . Neben diesem Turme , der die zentnerschweren Steinkugeln wie dürre Kletten von sich abschüttelte , war alles andere der schönen , stolzen Burg , die vor wenigen Tagen noch als ein steinernes Kleinod hinausgefunkelt hatte über die waldreichen Lande , eine qualmende Brandstätte und ein formloser Schutthaufen geworden . Dennoch befahl Herr Heinrich den Sturm nicht . Er wollte sein Volk schonen . Durch die Geschütze des Törring und bei den verzweifelten Ausfällen , mit denen die Besatzung den feuerspeienden Ring zu sprengen versuchte , hatte der Herzog schon ein halbes Hundert seiner Leute verloren . Aber auch die Besatzung der Burg hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert ; ihre Toten schwammen im braungewordenen Wasser des Burggrabens ; und siebenunddreißig , die lebendig in die Fäuste der Herzoglichen gefallen waren , hingen an der Eiche , die das Zelt des Burghausener Profosen beschattete - eines Profosen , der seinem Salzburger Amtsbruder an Wohlwollen bedenklich nachstand . Die Äste des Baumes bogen sich unter dem Gewicht der vielen zweibeinigen Früchte . Manche von diesen sanft und schweigsam Schaukelnden hingen so tief herunter , daß die Gehilfen des Profosen , wenn sie aus dem Zelte heraus oder in das Zelt hinein wollten , sich bücken mußten , um nicht an die schwankenden Füße der Gerichteten zu stoßen . Wenn die noch Lebenden der Besatzung das bunt gesprenkelte Grün dieser Eiche sahen , dachten sie : » Die haben ' s überstanden ! « Die Übergabe des unhaltbar gewordenen Trümmerhaufens war stündlich zu erwarten . Aus Sorge vor dem Anrücken der Salzburger wollten die Belagerer das Letzte beschleunigen und nützten zu diesem Zweck eine alte Erfindung des Büchsenmeisters Kuen , der jetzt in der Plaienburg unter den heißen Luftwellen brennender Wälder schwitzte . Man nannte das in der Kriegssprache : den Dachs ausschwefeln . Aller Unrat des Belagerungsheeres , fest und flüssig , dazu noch alle Jauche der benachbarten Bauernhöfe wurde in Fässer geladen und aus den Antwerken in die Höfe der qualmenden Burgruine und in die Turmscharten hineingeschleudert . Das war nicht nur den Leuten des Törring , auch seinen edlen , an Reinlichkeit gewöhnten Hunden zu viel . Sie heulten und winselten , als wären die Steinkammern des Hochtörring die qualvollsten Höllenschlünde . Es war am Nachmittag . Eine Schönwettersonne begann schon den lieben Weltboden und sein lebendes Gewimmel rot zu vergolden . Da verstummte das Gebrüll der Belagerungsgeschütze . Herzog Heinrich , der in seinem großen , durch einen Wall geschützten Zelte angekleidet auf dem Feldbett lag , fuhr aus den Kissen auf und kreischte lachend : » Käsperlein ? Kommst du ? « Er saß und lauschte mit vorgestrecktem Hals , heißen Glanz in den Augen , die hageren Wangen von einer krankhaften Röte glühend , den kleinen Kopf umstarrt von dem dicken , kräuseligen Schwarzhaar . Erschöpft durch die schweren Strapazen , denen sein zierlicher Körper nicht gewachsen war , litt Herr Heinrich seit dem verwichenen Abend wieder an einem Anfall seines rätselhaften Fiebers , das die Ärzte bald als Folge geistiger Übermüdung , bald als Wirkung eines schleichenden Giftes , bald als welsches Erbgut des Hauses Visconti erklärten , ohne ein Mittel dagegen zu finden . In aufgeregten Zeiten erschien das Fieber . Wurden die Tage ruhig , so verschwand es wieder . Im Volke tuschelte man , das käme von dem Fluch , den die Wittib des an einem Ostertage geköpften Landshuter Ratsherrn Leitgeb über den damals vierundzwanzigjährigen Herzog gesprochen . In jener Osterwoche - während der Herzog zu Regensburg turnierte - wurden vierundfünfzig Landshuter Bürger , weil sie aus der herzoglichen Residenz eine freie Reichsstadt machen wollten , um Haus und Habe gebüßt . Dreißig wurden verbannt , einem Dutzend stach man die Augen aus , ein Dutzend wurde hingerichtet , ihre Witwen und Kinder wurden des Landes verwiesen . Aber das war schon lange her . Genau zwölf Jahre . An dieses Vergangene dachte Herr Heinrich selten . Und was nach seinem Glauben notwendige Gerechtigkeit gewesen , beschwerte ihm die Seele nicht und beschleunigte ihm keinen Pulsschlag seines Blutes . Nur daß er seit damals nicht gerne in Landshut residierte . Er zog das verläßliche Burghausen vor . Der jüngste Anfall seines rätselhaften Fiebers war so hitzig , daß die Sache dem Leibarzt bedenklich wurde . Herr Heinrich selbst war sorglos . Er hatte das unbequeme Leiden noch immer überstanden . Jetzt spielte zu seiner Beruhigung auch ein bißchen Aberglaube mit : Jener Nürnberger Galgenvogel , der ihm vor Jahren zu Landshut die lustige Botschaft von der Himmelstür gebracht , und dem er in diesen Tagen einen kostbaren Vorsprung gegen die Ingolstädter verdankte , der saß , wenn auch etwas beschädigt , doch ganz lebendig in einer gesunden Stube des Burghausener Schlosses . Heiter lachte Herr Heinrich vor sich hin , als er die klirrenden Schritte vernahm , die sich dem Zelte näherten . Was da kam , erriet er .