Hochzeitsreise , durch Gassen wandeln , in denen der wunderbare Hauch der Fremde war ; banale Hotelräume , in denen er nur für kurze Tage mit ihr geweilt , tauchten vor ihm plötzlich wieder auf und waren wie geweiht vom Duft der Erinnerung ... Dann erschien ihm die Geliebte auf einer weißen Bank , unter schweren Ästen , die hohe Stirn von einer trügerischen Ahnung sanfter Mütterlichkeit umflossen und endlich stand sie da , ein Notenblatt in der Hand und weiße Vorhänge bewegten sich leise im Winde . Und als er sich bewußt wurde , daß es dasselbe Zimmer war , in dem sie jetzt seiner wartete und daß nicht viel mehr als ein Jahr verflossen , seit jener abendlichen Spätsommerstunde , da sie , von ihm begleitet , sein Lied zum erstenmal ihm vorgesungen atmete er in seiner Wagenecke schwer und beinahe angstvoll auf . Als er ein paar Minuten drauf bei Heinrich im Zimmer stand , bat er ihn , dies nicht als Besuch anzusehen . Nur die Hand wollte er ihm drücken morgen vormittags wenn ' s ihm recht sei , wollte er ihn abholen zu einem Spaziergang ... Ja dies fiel ihm während des Redens ein zu einer Art von Abschiedsspaziergang im Wald von Salmansdorf . Heinrich war einverstanden , bat ihn nur ein paar Augenblicke zu verweilen . Georg fragte ihn scherzend , ob er sich schon von seinem Mißerfolg von heute Morgen erholt hätte . Heinrich wies auf den Schreibtisch , wo lose Blätter lagen , die mit großen , erregten Schriftzeichen bedeckt waren . » Wissen Sie , was das ist ? Den Ägidius habe ich mir wieder hergenommen . Und gerade , bevor Sie kamen , ist mir ein ziemlich möglicher Schluß eingefallen . Wenn es Sie interessiert , so erzähl ich Ihnen morgen mehr davon . « » Gewiß . Ich bin sehr gespannt . Das ist übrigens hübsch , daß Sie sich gleich wieder an eine Arbeit gemacht haben . « » Ja , lieber Georg , ganz allein bin ich nicht gern . Ich muß mir möglichst rasch Gesellschaft verschaffen , nach meiner Wahl ... sonst kommt eben wer will , und man möchte doch nicht für jedes Gespenst zu sprechen sein . « Georg erzählte , daß er Leo besucht und ihn so heiter angetroffen , wie er es kaum vermutet hätte . Heinrich lehnte am Schreibtisch , beide Hände in den Hosentaschen vergraben , mit leicht gesenktem Kopf ; die beschirmte Lampe zeichnete von unten unsichere Schatten in sein Gesicht . » Warum haben Sie ' s nicht erwartet , ihn heiter zu finden ? Uns ... mir wenigstens ging es wahrscheinlich gerade so . « Georg saß auf der Lehne eines schwarzledernen Fauteuils , die Beine übereinandergeschlagen , Hut und Stock in der Hand . » Vielleicht haben Sie recht « , sagte er , » aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , mir war es trotzdem sonderbar zu denken , während ich sein frohes Gesicht sah , daß er ein Menschenleben auf dem Gewissen hat . « » Das heißt « , sagte Heinrich und begann im Zimmer hin und her zu gehen , » es ist einer der Fälle , wo die Beziehung von Ursache und Wirkung so einleuchtend ist , daß man ruhig sagen darf : Er hat getötet , ohne daß es beinahe nach einem Wortspiel aussähe ... Im ganzen aber , finden Sie nicht , Georg , sehen wir diese Dinge doch ein bißchen oberflächlich an . Wir müssen einen Dolch blitzen sehen , eine Kugel pfeifen hören , um zu begreifen , daß ein Mord geschehen ist . Als wär nicht einer , der jemanden sterben läßt , vom Mörder oft durch weiter nichts unterschieden , als durch einen höhern Grad von Bequemlichkeit und Feigheit ... « » Machen Sie sich am Ende Vorwürfe , Heinrich ? Wenn Sie dran geglaubt hätten , daß es so kommen mußte Sie hätten sie ja doch nicht sterben lassen . « » Vielleicht . Ich weiß nicht . Aber eins kann ich Ihnen sagen , Georg , wenn sie noch lebte ... das heißt , wenn ich ihr verziehen hätte , wie Sie sich gelegentlich auszudrücken beliebten , so käme ich mir schuldiger vor , als ich mir heute erscheine . Ja , ja , so ist es nun einmal . Ich will ' s Ihnen gar nicht verhehlen , Georg , es gab eine Nacht ... ein paar Nächte gab es , da war ich wie vernichtet vor Schmerz , vor Verzweiflung , vor ... nun , andre hätten es eben für Reue gehalten . Es war aber nichts derart . Denn mitten in meinem Schmerz , in meiner Verzweiflung hab ich ' s ja gewußt , daß dieser Tod etwas Erledigendes , etwas Versöhnendes , etwas Reines bedeutete . Wär ich schwach gewesen , oder weniger eitel ... wie Sie ' s eben auffassen wollen ... wär sie wieder meine Geliebte geworden , so wäre viel schlimmeres gekommen , als dieser Tod , auch für sie ... Ekel und Qual , Wut und Haß wären um unser Bett gekrochen ... unsere Erinnerungen wären verfault , Stück für Stück , ja , bei lebendigem Leibe wäre unsere Liebe verwest . Es durfte nicht sein . Ein Verbrechen wär es gewesen , dieses todkranke Verhältnis weiterzufristen , so wie es ein Verbrechen ist und in der Zukunft auch so gelten wird das Leben eines Menschen hinzufristen , dem ein qualvolles Sterben bestimmt ist . Das wird Ihnen jeder vernünftige Arzt sagen . Und darum bin ich sehr fern davon , mir Vorwürfe zu machen . Ich will mich auch nicht vor Ihnen oder sonst jemandem auf der Welt rechtfertigen , aber es ist nun einmal so : ich kann mich nicht schuldig fühlen . Es geht mir ja manchmal sehr schlimm , aber mit Schuldgefühlen hat das nicht das Geringste zu tun . « » Sie sind damals hingereist ? « fragte Georg