nach der ersten Viertelstunde , ich wäre noch immer der alte Taugenichts , der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte . Gott weiß , ob er recht hat , aber ich kann nicht anders , wenn ich nicht alle Freude aufgeben soll , und das wäre am Ende doch auch sündlich , da die ganze Welt voll Freude ist , und es sie mißbrauchen hieße , wollte man ihre Hauptsache von der Hand weisen . Du bist immer gut gegen mich gewesen , du wirst mich deshalb nicht so hart angehen , und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten , o , ich freue mich über alles , dich alten , lieben Valerius wiedergefunden zu haben ; es war mir oft ängstlich , so ohne meinen guten Schulmeister leben zu müssen . Du weißt zwar , daß ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre , daß ich mir alle Tage einen guten Freund erwerben kann , aber es ist doch keiner wie du , nein , wirklich , wenn du auch lachst , keiner wie du . Dein Ernst ist sanft , und wenn du lachst , dann weiß ich gewiß , es ist alles in Ordnung , und ich darf tüchtig mitlachen , ich fühle mich so sicher in deiner Nähe ! Und wenn die Leute sagen , ich sei leichtsinnig , du aber weißt , was ich treibe , und nicht eben darüber schiltst , dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht . Nun höre , was ich getrieben habe . Aber laß uns hier bei Lessel eintreten , du mußt etwas genießen , damit dir der Choleraschreck nicht schadet - ja , apropos , ich bin davon abgekommen , dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen . Du weißt , ich bin in allen Dingen für die Poesie dieser Dinge , und weniger für ihre strenge , ausgerechnete Wissenschaft . Du glaubst nicht , wieviel bloße Poesie in unserer Heilkunst steckt . Darum lieb ' ich sie . Wie jeder Mensch seine individuelle Dichtung in sich trägt , so jeder Arzt seine eigene Medizin . Der menschliche Leib ist uns der Kosmos , das verkleinerte All , ihm gelten unsere Sonette und Kanzonen : das sind die künstlichen aus Tausenderlei zusammengesetzten Rezepte , in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert ; die vielfältigen , meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig , das Resultat des Sonettenrezepts ist bloß unser Ruhm . Ihm gelten ferner unsere Epen und Romane ; sie sind das Fundament des ärztlichen Lebens , sie bringen die stehende Beschäftigung , das stehende Einkommen : das sind die sogenannten großen und langen Kuren . Die Krankheit nämlich ist unser Dichtungsmotiv , das bilden wir aus nach allen Seiten , wir betrachten , wir dehnen es rechts , wir dehnen es links , und je mehr Jahre darüber hingehen , desto reifer wird das Kunstprodukt - ein schlechter Arzt , der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren aufzuweisen hat . Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren Materialien , das heißt : er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange und unterhält sich mit ihm über Krankheitsmöglichkeiten , später beruht seine Kunst darin , die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung miteinander zu bringen , das gibt die Spannung , und nun kommen die epischen Rezepte . Epische Rezepte stammen gewöhnlich aus den Kolonien , aus den Äquatorgegenden , wo die Sonne brünstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewächse gedeihen , die den besten nordischen Magen in zehn Minuten außer Vernunft setzen können . Zwei , drei solche Rezepte , in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur des Romans spielt , zwei , drei solche Rezepte , Freundchen , bringen den Roman auf die Höhe des Interesses . Nun ist die Gefahr da . Held , Verwandte , Freunde , Zuschauer sind jetzt hinlänglich beschäftigt , nun läßt der Arzt dem Stoffe seinen Lauf , er ist bereits unentbehrlich geworden , wie der Romanschreiber in der Mitte des zweiten Teils , es kommen einige Ausfüllrezepte , sanft lyrische Akkorde , welche den allzu schnellen , wilden Verlauf ein wenig mäßigen , und man nähert sich langsam dem Schlusse . Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf an , ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschürzung gebrauchten Stoffe und Motive nicht gegeneinandergestellt haben , ob eine Versöhnung möglich ist . In diesem Falle schließt das Ganze mit gelinden Stärkungen , kleinen nützlichen Sprüchen , die man in der Ästhetik Gnomen nennt , und die sich am Ende in medizinische Diätsregeln auflösen . Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus , wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht . Hierbei öffnet man nur noch die Perspektive , der Roman ist zu Ende , und die Mitspieler rufen wie in den alten Komödien des Plautus und Terenz : Plaudite omnes , das heißt : Bezahlt und preist den Arzt , den Künstler aufs beste . Sind jene Stoffe und Motive aber unversöhnlich , nun , dann schließt die Sache mit dem tragischen Chor der Griechen , und das poetische Interesse ist um so größer , der Held ist dem Fatum erlegen . Honorar und Beifall sind ebenso groß . Was nun aber die Cholera betrifft , um wieder auf besagten Hammel zu kommen , denn ich sehe , du wirst ungeduldig , so behandeln wir selbige epigrammatisch . Ein glücklicher Augenblick , ein glückliches Wort , ein ungewöhnlicher , plötzlicher genialer Versuch des Arztes - das gibt dem Dichter das Epigramm , dem Arzte das Mittel gegen die Cholera . Das Epigramm heilt selten , wie du weißt , aber es trifft den empfindlichen Punkt ; Leben und Tod steht in Gottes Hand , sagen wir ; das schnelle Ende ist ebenfalls ein Zeichen , daß wir auf rechtem Wege waren , es ist Schickung , daß die Natur gerade den negativen Pol und nicht den