Wort , dem Klang , dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen , dessen Not handgreiflich ist ? Ich versteh es nicht , versteh es nicht , das quält mich daran , ja daran verbrenn ich . « Das leise , melodische Stimmchen verging in einem Hauchen . Frau von Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange . Dann erhob sie sich , setzte sich neben Clara , streichelte die Stirn der Freundin und sagte : » Sprich mal mit ihm . Er soll zu uns kommen . Ich will es durchsetzen . « Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar . Aber nicht mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt , und sie atmete seltsam erleichtert auf , als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf die Eröffnung machte , Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig gegen den Vorschlag gesträubt , das Haus des Lehrers zu verlassen . Zuerst habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen , als er aber Claras Betrübnis wahrgenommen , habe er gesagt : » Dort hat man mich hingebracht , und dort will ich bleiben . Ich will nicht , daß es heißt , beim Lehrer Quandt hat ers nicht gut genug gehabt , da haben ihn aus Mitleid die Imhoffs genommen . Ich hab ja mein Brot und mein Bett , mehr brauch ich nicht , und das Bett ist das Allerbeste , was ich auf der Welt kennengelernt habe , alles andre ist schlecht . « Da fruchtete keine Einrede mehr . » Schließlich könnt ihr ja mit mir anstellen , was ihr wollt , « fügte er hinzu , » aber daß ich freiwillig hingehen soll , das wird nicht geschehen . Wozu auch ? Lang kanns nimmer dauern . « So war ihm denn das Wort entschlüpft . War deshalb der tiefe Glanz in seinen Augen ? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen entlang , wenn er morgens zum Appellgericht ging ? Wars deswegen , daß er stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee ? Daß er gierig aufhorchte , wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander reden sah ? Daß er täglich dabei sein mußte , wenn der Postwagen ankam , und daß er den Briefboten ausfragte , ob er nichts für ihn habe ? Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch . Es lag Frau von Kannawurf daran , ihn einer Gebundenheit zu entreißen , die ihn einem innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe Betätigung zwangsvoll machen mußte . Sie sann immer auf Ablenkung , und jenes Familienfest , von dem ihre Freundin Bettine gesprochen , gab Gelegenheit , damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer anteilvollen Welt gegenübertrete . Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden . Der junge Doktor Lang , ein Freund des Hauses , hatte zu . der Gelegenheit ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt , welches von einigen Damen und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte . Bei den Proben , die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden , zeigte es sich , daß einer der jungen Leute , der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte , seines plumpen Benehmens halber unfähig war , den Part zu gewünschter Wirkung zu bringen . Da hatte Frau von Kannawurf , die selbst mitspielte , den Einfall , diese Rolle Caspar zu übertragen . Die Anregung fand Beifall . Caspar willigte ein . Da er eine Person vorzustellen hatte , die nichts zu sprechen brauchte , glaubte er sich der Aufgabe leichterdings gewachsen , die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam . Er ging fleißig zu den Proben , und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks nicht eben sein Gefallen erweckte , so erfreute er sich doch an der wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs . Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der Familie der Imhoffs . Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war , von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den politischen Behörden verfolgt , nach Amerika entflohen . Nach erlassener Amnestie war er zurückgekehrt , hatte vor dem Familienhaupt alle freiheitlichen Ideen abgeschworen , und von da ab hatte ihm die väterliche Gnade wieder geleuchtet . Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner Dichtung begeistert . Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und Waffengenossen ein Gastmahl . Ein zweiter Polykrates , brüstet er sich bei diesem Anlaß mit seiner Macht , dem Frieden seiner Länder , den Tugenden seiner Untertanen . Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn , nur der Gastfreund wagt das kühne Wort , daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel bemerke . Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an , auch weiß er zu verhindern , daß der Freund weiterspreche , da seine Gemahlin Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt . Unterdessen ziehen im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren Zwiegesprächen auf , und Musik begleitet die Erntefeier . Plötzlich entsteht ein Stillschweigen ; die Geigen , die Rufe , das Gelächter verstummen , und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt , der schwarze Schäfer , der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen lassen , sei unter das Volk getreten . Der Gastfreund begehrt zu wissen , was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe , und man antwortet ihm , der Wunderbare besitze die Gabe , durch seinen bloßen Anblick bei jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen , Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen . Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und allerlei klagende Töne . Der König befiehlt