gesunden will vom größten aller Leiden . Das ist es , was Waller zu sagen , zu verkünden hat , ob mit seiner eigenen Stimme oder durch mich , durch Sie , das hat sich noch zu finden . Und darum erklärte ich Ihnen , daß er ganz sicher wieder sprechen werde , und zwar so laut , wie wir nur wünschen können . « » Hoffentlich nicht nur bildlich , sondern auch in Wirklichkeit ? « » Gewiß , auch das ! Nämlich sobald er die zweite Strophe unseres geheimnisvollen Gedichtes kennen gelernt hat . Er arbeitet jetzt noch an dem Inhalte der ersten ; ich höre das aus seinen träumerischen Reden . Man darf ihm nichts Neues geben , bevor er das Alte vollständig begriffen hat . In der Entwickelung der Psyche sind dunkle Punkte oder leere Stellen zu vermeiden . Darum habe ich Miß Mary gebeten , jetzt noch zu warten . Wir verwenden die größte Aufmerksamkeit , den geeigneten Augenblick ja nicht unbenützt vorübergehen zu lassen , und ich denke , daß er baldigst erscheinen wird . Waller beschäftigt sich jetzt noch mit der letzten Zeile der ersten Strophe , also mit dem Gedanken , daß Christus nicht gestorben ist , sondern in jedem wahren Christen weiterlebt und weiterliebt . Das hat er , wie ja auch Ihre ganze Christenheit , bis jetzt noch nicht begriffen . Doch arbeitet es fort und fort in ihm , und ich kann jeden Augenblick eine Aeußerung erwarten , welche mir sagt , daß er dieses Wort verstanden hat . Dann lasse ich die nächste Strophe wirken . Ist das nicht im höchsten Grade interessant ? « » O , mehr als interessant ; ich bin erstaunt ! « antwortete ich der Wahrheit gemäß . » Welch eine schwere , fremdartige und mir fast unbegreifliche Aufgabe haben Sie sich da gestellt ! « Er schüttelte den Kopf und erwiderte lächelnd : » Sie ist nichts von alledem . Fremdartig kann sie nur dem Christusfremden sein . Nicht unbegreiflich , sondern die einzig richtige und allein erklärliche ist sie für einen Jeden , der die Krankheit kennt , um welche es sich handelt . Und schwer ? Sie ist sogar sehr leicht ! Wissen Sie noch , was ich Ihnen von der Behandlung des einzelnen und der Gesamtheit sagte ? Ich kenne das Leiden dieser Gesamtheit und weiß genau , auf welchem Wege es zu heben ist . Dieser Einzelne leidet an ganz demselben Uebel ; was folgt hieraus ? Ich werde ihn herstellen ; er wird dann das in Wirklichkeit sein , was er früher nur zum Schein gewesen ist . Und ist er nicht mehr krank , so habe ich an dem Einzelnen gezeigt , auf welchem Wege die Gesamtheit auch gesunden kann . Ich wiederhole diesen schon einmal ausgesprochenen Satz , weil er so sehr , so außerordentlich wichtig ist . - « Auf den Tag , an welchem dieses gesprochen wurde , folgte eine sehr unruhige See , und als wir am nächsten Tage Hongkong erreichten , waren wir sehr zufrieden damit , daß Raffley hier nur für ganz kurze Zeit Anker werfen wollte , um frischen Proviant einzunehmen . Es regnete . Die Berge , welche die Bucht umschließen , waren umhüllt . Was wir sahen , war so spezifisch europäisch , so nüchtern und so kalt , daß Niemand Sehnsucht fühlte , an das Land zu gehen . Dschunken und Sampans hatten wir schon genug gesehen . Hongkong ist eine englische Schöpfung und zeigt sich von außen her , zumal bei solchem Wetter , so sehr als frostige Lady , daß auch wir ihr gegenüber kalt blieben und nach einigen Stunden ohne Bedauern Abschied von ihr nahmen . Raffley hatte einige Depeschen an das Land besorgt . Auch von Tsi war dem Boten eine mitgegeben worden . Wohin sie telegraphiert hatten , das hielten Beide gleich geheim . Tsi wahrscheinlich an seinen Vater , dessen Stand und Namen er nicht wissen lassen wollte . Niemand fragte , wohin es von hier aus ging , und Raffley sagte nichts . Der Kompaß aber ließ uns sehen , daß wir nach der Fokienstraße dampften . Der Regen hörte , als ob er uns nur Hongkong habe verleiden wollen , sehr bald wieder auf , und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See , so daß wir nach der bewegen Nacht einen schönen , stillen Abend hatten . Als wir nach dem Souper vom Tische aufstanden , gesellte sich Tsi zu mir und teilte mir mit , daß er noch gestern abend Veranlassung gefunden habe , dem Kranken die zweite Strophe vorzulesen . Mary hatte das , während sie in der Nacht bei ihm wachte , einigemal wiederholt , und hierauf war Waller über den ganzen Tag hin damit beschäftigt gewesen , immerfort unhörbar vor sich hinzusprechen und dazwischen hinein vor sich hin zu lauschen , als ob er auf eine Antwort höre . Infolge dessen vermutete der Chinese , daß für die kommende Nacht etwas Interessantes zu erwarten sei , und er fragte mich , ob ich mit ihm wachen wolle . Ich war ganz selbstverständlich sehr gern bereit , es zu tun . Tsi meinte , daß jetzt im Innern des Kranken eine heiße Schlacht geschlagen werde , welche der bisherige Beherrscher , der Hyperglaube , zu verlieren habe . Denn nichts sei so schwach als grad dieser Ueberglaube , der Alles nur Gott , nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken will . » Der gesunde Glaube macht stark , « fuhr er in seiner Rede fort ; » der Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach , weil das letztere unnötig ist , denn er ist ein geradezu untrüglicher Beweis der vorhandenen geistigen Schwäche . Diese Schwäche ist so groß , daß sie träumt , sie habe Gott in allen Taschen und könne jede beliebige Quantität des Himmels an andere Menschen verteilen , natürlich gegen großen Dank und bewundernde Verehrung