, vor sein Spiegelchen . Es war ein bleiches , aber entschlossenes Antlitz , das ihm daraus entgegenblickte . Er legte die Schere an die Schläfen und schnitt sich die Wangenlöckchen ab . Dann griff er zum Kaftan , den er mitnehmen wollte , um auch ihn » deutsch « zu machen . Er schnitt zwei Spannen ab und nähte den Rand zu , so gut er konnte . Während dieser Arbeit hielt er oft inne und lauschte bang . Das Glöckchen klang in dieser Nacht nicht wieder , das Wetter war gar zu schlimm geworden . Der Ostwind war zum Sturm angewachsen , umheulte das Haus und wirbelte den Schnee hoch empor . Es war eine böse Nacht . Gegen die vierte Morgenstunde war er fertig . Nun hatte er nur noch eins zu verrichten : sein Morgengebet . Er schlang den Gebetriemen um Haupt und Arm , schlug sein altes Büchlein auf und betete inbrünstig . Seine Seele lag vor Gott im Staube und flehte um Trost für die Mutter , um Gedeihen auf seinen Wegen . » Du hilfst denen , die reinen Herzens sind und das Gute wollen - « ja , er durfte auf Gottes Hilfe vertrauen .... Als er das Büchlein zuklappen wollte , fielen ihm wieder einmal jene seltsamen Widmungen ins Auge , die er seither so oft gelesen . » Dies Büchlein soll meinem Kinde gehören , es ist das einzige , was ich ihm vermachen kann . Aber da ich nun weiß , wie gnädig der Herr ist , so weiß ich auch , daß dies Büchlein meinem Kind zum Segen sein wird . « » Armer Mann « , dachte er , » dein Segen gehört nicht mir , aber von deinem Büchlein will ich mich doch nie trennen . « Er steckte es in die Tasche seines Mantels , hob das Ränzel auf die Schultern , griff nach Hut und Stock und kletterte die Treppe hinab . Im Flur vor der Schlafkammer der Mutter hielt er an und lauschte . Aber er konnte die Atemzüge der alten Frau nicht vernehmen , der Wind heulte zu laut . Geräuschlos suchte er die Tür zu öffnen . Der eisige Sturm fuhr herein , er mußte alle Kraft aufbieten , sie wieder zu schließen . Wie betäubt stand er einen Augenblick still , so schneidend umschnob ihn der Wind , und die Schneesplitter stachen ihm in die Augen . Dann aber richtete er sich entschlossen auf und schritt in die Nacht hinaus , einem neuen Leben entgegen . Achtundzwanzigstes Kapitel Hunderte von Meilen erstreckt sich die Ebene gegen Osten , darum hat der Wind , der von dieser Seite weht , eine furchtbare Gewalt , und wächst er zum Sturm an , so bergen sich Mensch und Tier vor seinem tötenden Odem und trauen sich nicht eher hervor , bis er ausgetobt . » Gott , dem Teufel und dem Oststurm kann niemand widerstehen « , geht das Sprichwort in Podolien . Er läßt das Blut erstarren , wirft den Stärksten wie einen Halm nieder und begräbt ihn unter dem Schnee , den er haushoch emporwirbelt ! Wütet er mit voller Wucht , so ist kein Entrinnen vor ihm , und alles Leben , das ihm in die grausamen Fänge gerät , erstickt und verkommt . Noch hatte der » Verderber « , wie sie ihn in der Ebene nennen , in dieser Nacht nicht seine volle Kraft gewonnen . Aber furchtbar genug trieb er es schon , und nach hundert Schritten mußte sich Sender sagen , daß er ein törichtes Wagnis begonnen - nicht mehr . An eine ernste Gefahr glaubte er nicht , obwohl er immer wieder mit abgewandtem Antlitz , den Rücken gebeugt , die Füße breit auseinandergestemmt stehen bleiben mußte , bis ein Windstoß vorüber war , und auch dann nur langsam , Schritt für Schritt vorwärts kam , weil der Fuß im Schnee versank und die eisige Luft das Atmen erschwerte . Aber er hatte nicht umsonst Jahre seines Lebens auf der Landstraße zugebracht . » Zum Schlimmsten kommt ' s heut ' schwerlich « , dachte er , » gegen Morgen wird ' s besser . « - Freilich war ' s eine volle Meile bis Miaskowka , aber wenn er erst den Fußweg erreichte , der etwa halben Weges von der Heerstraße abzweigt , dann ging ' s leichter . Der Fußweg kürzte die Straße ab und ging durch eine Schlucht , wo der Sturm gelinder war . Und er arbeitete sich weiter , von einer Pappel zur anderen , die an der Straße standen , schwer atmend , in Schweiß gebadet , so lang er vorwärts stapfte , dann erstarrend , wenn er innehalten mußte , aber trotzigen Mutes . Da urplötzlich mit einem Schlage , als hätte eine Riesenfaust dem Verderber die Kehle zugeschnürt , verstummte er . Die Luft ward still , der aufgewirbelte Schnee fiel zur Erde , das Dunkel lichtete sich , daß die verschneite Straße weithin sichtbar wurde . » Barmherziger , erbarme Dich ! « stöhnte Sender auf und blieb von Entsetzen gelähmt stehen . Er wußte , was diese jähe Stille bedeutete . Der Sturm sammelte neue Kraft , noch eine Minute , und er kam als Orkan wieder , der alles tötete und dann begrub . » Zurück « , dachte er , » das Haus erreiche ich vielleicht wieder , den Hohlweg nicht mehr . « Er wandte den Fuß . Da durchfuhr ' s ihn , daß er sich den Rückweg abgeschnitten , buchstäblich , mit der Schere ; ohne Wangenlöckchen , im kurzen Kaftan konnte er der Mutter , den Leuten nicht mehr vor die Augen treten . Und dann war enthüllt , daß er ein » Deutsch « werden wollte .... » Vorwärts ! « Und wie ein Verzweifelter eilte er weiter , als gäbe es ein Entfliehen vor dem Verderber . Aber da war er plötzlich wieder , der Ungeheure .