nicht überrascht seien , daß sich vielmehr nur ein Unausbleibliches vollzogen habe « . Die Damen dachten der Mehrzahl nach wie Kathinka und waren nur klug genug , mit einem gleichmütigen » Eh bien « zurückzuhalten . Aber wie gering die Wirkung sein mochte , sie war doch groß genug , eine gewisse Zerstreutheit hervorzurufen und dadurch die Gesellschaft zu stören . Schon um zwölf fuhren die ersten Wagen vor , und ehe eine halbe Stunde um war , hatten sich die Säle geleert . Bummcke , Jürgaß , Lewin , zu denen sich auch Baron Geertz und der alle andern beinahe um Haupteslänge überragende Major von Haacke gesellt hatten , gingen zusammen die Treppe hinunter . Unten trennte sich Lewin von ihnen ; die vier andern Herren aber hatten denselben Weg und schritten auf die Lange Brücke zu . Als sie die Mitte derselben erreicht hatten , sahen sie zu dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten auf , das in seiner oberen Hälfte vom Marstall und alten Postgebäude her , in deren Fenstern noch Licht war , beleuchtet wurde . Der prächtige Kopf schien zu lächeln . » Seht « , sagte Jürgaß , » er sieht nicht aus , als ob es mit uns zu Ende ginge . « Sechstes Kapitel Im Kolleg Lewin schritt die Königsstraße nach links hinunter , um seine Wohnung auf nächstem Wege zu erreichen . Ein leiser , aber eiskalter Wind wehte vom Alexanderplatze her und schnitt ihm ins Gesicht ; er zog den Mantelkragen in die Höh und grüßte den Wächter , der sich Schutzes halber unter das Portal des Rathauses gestellt hatte . » Scharfer Wind , Ehrecke . « » Ja , junger Herr ; ' s is Bernauscher , der geht immer bis auf die Knochen . « Damit wünschten sie sich eine gute Nacht , und Lewin hörte nur noch das Knarren der Laternen , die sich in ihren über die Straße gespannten Ketten langsam im Winde hin und her bewegten . Er passierte den Hohen Steinweg , bog in die Klosterstraße ein und sah hier , immer sich rechts auf dem Bürgersteige haltend , mit halbem Auge nach der andern Seite hinüber , wo er seit lange jedes Haus kannte . Bei Bäcker Lehweß war Licht , und der Geruch von frischgebackenem Brot zog aus dem offenstehenden Fenster der im Souterrain befindlichen Backstube quer über den Fahrdamm hin bis zu ihm herüber . Dicht daneben , vor dem als Magazin dienenden alten » Lagerhause « ( dem ehemaligen kurfürstlichen Schloß ) , stampfte ein französischer Wachtposten , der sein Gewehr an das Schilderhaus gelehnt hatte , mit beiden Füßen in den Schnee und schlug sich mit den Armen überkreuz , wie die Matrosen tun , wenn sie die Finger wieder geschmeidig haben wollen . Dann kam das » Graue Kloster « und dann die Klosterkirche , deren beide Spitztürme eine hohe Schneehaube trugen ; sie saß um so fester , je zerbröckelter die Steine waren . Lewin , als er der Kirche ansichtig wurde , fühlte plötzlich ein Verlangen , dem Grabe Johanna Susemihls einen Besuch zu machen . Er ging von der rechten auf die linke Seite der Straße hinüber und trat durch einen zerfallenen Bogengang auf den Kirchhof . Alles war dicht verschneit . Er sah aber bald , daß ein Pfad in den Schnee getreten war , der an den Gräbern vorbei und , wo diese schon eingesunken waren , auch über sie hinweg um die Kirche herumführte . Diesen Weg schlug er ein , bis er an den linken Chorpfeiler kam . Da war es , das Grab . Von dem Efeu , der es überwuchs , war unter der weißen Grabdecke nicht viel zu sehen , aber an dem Pfeiler stieg er , von Schnee nur wenig überstreut , bis dicht unter das Dach empor . An eben diesem Pfeiler lehnte auch das Holzkreuz , das , trotzdem es kaum drei Jahre stand , schon wieder halb umgefallen war und mit seiner Aufschrift - soviel sich erkennen ließ , nur ein Name ohne Spruch und Datum - klagend oder bittend gen Himmel sah . Lewin fühlte sich erschüttert von dem Anblick und faltete unwillkürlich die Hände ; dann verfolgte er im Schnee hin den schmalen Weg weiter , bis er wieder an die Stelle kam , von der er ausgegangen war , und schritt nun über den Damm hin auf seine Wohnung zu . Frau Hulen war noch auf ; sie ging nicht gern eher zu Bett , als bis sie ihren jungen Herrn unter Hut und Obdach wußte . » Raten Sie , Frau Hulen , wo ich herkomme ? « » Von dem Geheimrat , wo das schöne Fräulein ist . « » Da war ich auch . Vorher . Aber jetzt . « » Ich kann es nicht raten . « » Von Johanna Susemihl . « » Und um Mitternacht ! « » Das ist die beste Zeit . Wissen Sie , Frau Hulen , mir tut die Johanna leid . Wer kann immer tugendhaft sein ? « » Gott , Gott , junger Herr , was is das nur mit Ihnen ! « Lewin antwortete nicht und pfiff leise vor sich hin . Er schien zerstreut und die Gegenwart der Alten kaum zu bemerken . Endlich begann er wieder : » Ich bin noch nicht müde , Frau Hulen ; das macht , ich habe heute nachmittag meinen Schlaf vorweggenommen . Bringen Sie mir noch die grüne Schirmlampe , die kleine mit dem runden Fuß ; ich will noch lesen . « Frau Hulen tat , wie ihr geheißen , empfahl ihm noch , seinen Mantel über das Fußende zu legen und dreimal , ohne sich zu rühren , bis hundert zu zählen , und ließ ihn dann allein . Er war in der Tat in einer Aufregung , die die guten , ihm von der Alten gegebenen Regeln nur allzusehr rechtfertigte . In fieberhafter Schnelle lösten sich