Er hörte das Meer in den tiefsten Schlaf hinein ; aber er hörte es nicht dräuend und unheilverkündend . Die Geister der Wasser verliehen ihm keinen klaren , bestimmten Traum , wie es ihm der Pastor Tillenius verheißen hatte . Mancherlei Bilder und Gestalten sah er wieder ; er mußte viel an die arme Kleophea denken . Als er erwachte , war es Morgen , und was ihn weckte , war nicht der Wogenschlag an Fels und Düne , sondern Grips , der mit der Faust an seiner Tür trommelte und dienstlich meldete , daß das Frühstück auf dem Tische stehe . Dreißigstes Kapitel Wochen gingen nun vorüber , in denen der Kandidat Unwirrsch das Meer , das Dorf Grunzenow , den Oberst von Bullau und den Pastor Josias Tillenius genauer kennenlernte und in denen er dem Leutnant Rudolf Götz hundert und aber hundert Fragen zu beantworten hatte . Bis in die kleinsten Einzelheiten gab er dem Alten Bericht von seinem Hauslehrertum im Hause des Geheimen Rates Götz und verschwieg ihm nichts als das , was sein eigenstes hohes und teures Geheimnis war und über welches er bis jetzt mit keinem andern Menschen sprechen konnte und mit sich selbst kaum zu sprechen wagte . Er erzählte aber dem Leutnant doch soviel von dem Fränzchen , als er immer verlangen mochte . Es war ein unerschöpfliches Thema , und dem invaliden Krieger ging oft vor Rührung die Pfeife darüber aus ; aber weder der Leutnant Rudolf noch Hans wußten zu sagen , wie man dem Kinde helfen könne , da es den Onkel Theodor nicht verlassen wolle . Der Oberst und der Pastor wußten auch keinen Rat bei so bewandten Umständen ; sie schüttelten nur die Köpfe , und dadurch ist nur selten ein Ding besser geworden in der Welt . Die Alten sind übrigens in solchen Umständen schlimmer daran als die Jungen . Obgleich Hans Unwirrsch sowenig Rat wußte als der Leutnant , so konnte er doch mit der Hoffnung auf die Zukunft am Ufer des Meeres spazierengehen , während die Gedanken des alten Invaliden , die sich am höchsten erhoben , immer nach kurzem Fluge auf dem kleinen Kirchhofe niedersanken , auf welchem die Leute von Grunzenow ihre eigenen Toten und die fremden , die das Meer ihnen an den Strand trieb , begruben . Hans Unwirrsch lernte das Meer in den verschiedenartigsten Stimmungen kennen ; er sah es in der Ruhe und sah es im Zorn ; er sah es - in tristitia hilare , in hilaritate triste . Wie ein Kind griff er nach dem bunten Spielzeug , dessen die See überdrüssig geworden war ; er sammelte Muscheln , aber er sammelte auch Gedanken . Der Oberst von Bullau machte ihn mit der Natur des wilden Erdstriches bekannt ; der Pfarrer Tillenius lehrte ihn die Menschen kennen , welche diese öde , unfruchtbare Scholle bewohnten , nur von dem lebten , was sie der See abrangen , und die der stete , harte , gefahrvolle Kampf mit dem grimmig-launischen Element so ernst , schweigsam , rauh und ausdauernd machte . Es wurde dem Kandidaten Unwirrsch fast zu einem Traum , daß er ein Buch des Hungers voll Hauch und Glanz aus grünen Wiesen und hoffnungsreichen Kornfeldern her hatte schreiben wollen . Nun stand er in einer ganz andern Welt , ein Kandidat des Predigertums in der Wüste , und der harte Boden , auf den sein Fuß trat , gab einen ganz andern Klang als die heilige Erde von Neustadt , als das Parkett und das Straßenpflaster der großen Stadt . In dem Pastorenhaus wurde der Kandidat ein täglicher Gast ; er fand daselbst einen sehr alten und einfachen Haushalt unter der Leitung einer ebenso alten Haushälterin . Er fand den alten Josias sehr in Tabaksdampf gehüllt , sehr in seinem Schlafrock verwickelt , eifrigst uralte Folianten nach uralter Theologie durchwühlend , um , wie er sagte , » im Gange « zu bleiben . Es war aber eine eigentümliche Sache um dieses Im-Gange-Bleiben . Seine Kollegienhefte hatte er schon lange vor Beginn der Befreiungskriege verloren ; neue Schriften gelangten nicht leicht nach Grunzenow , und so beschränkte sich sein gelehrter Apparat auf die Bücher , die seine Vorgänger seit hundertundfünfzig Jahren auf der Pfarre zurückgelassen hatten und die ein Pastor bei dem Tode des andern übernommen hatte , wie man sonst wohl die ehrsame Witib samt der übrigen fahrenden Habe seines Vorgängers übernimmt . Die Herren von Bullau , welche die Pfarre von Grunzenow zu vergeben hatten , hatten einen gewaltigen Respekt vor dieser Bibliothek und das seefahrende Volk von Grunzenow einen noch größeren . Die geistlichen Herren aber , die nacheinander in das Pastorenhaus einzogen , fanden sich mit ihr ab , ein jeder nach seiner Weise . Wenn sie von dem einen leichtgenommen wurde , so lag sie dem andern wie ein Alp auf den Schultern , und zu den letzteren gehörte der wackere Pastor Josias Tillenius . Der Greis hatte viel gesehen und erlebt in seiner Jugend , da er als Feldprediger mit gegen die Franzosen auszog im Jahre siebenzehnhundertdreiundneunzig . Er war ein ehrlicher , guter Mann , der es wohlmeinte und der jedem Menschen , vor allem jedoch dem Patronatsherrn von Grunzenow gefallen mußte . Bullau und Tillenius hatten zusammen an einem Wachtfeuer gelegen ; sie rückten nachher an einem Feuerherde zusammen . Der Gutsherr fühlte sich so behaglich an dem Ofen im Pfarrhause wie der Pastor an dem des Gutshofes , und der wandernde Leutnant Rudolf Götz vervollständigte das Kleeblatt und die Behaglichkeit und wurde sehr vermißt , wenn ihn sein unruhiges Blut in die Weite getrieben hatte . Der Oberst verließ seinen Stammsitz am Meere nur , um von Zeit zu Zeit den Neuntötern in ihrem Nest im Grünen Baum einen Besuch abzustatten ; Josias Tillenius aber hatte in dieser Beziehung schon längst mit der Welt abgeschlossen . Wenn die beiden Freunde nicht anwesend waren , genügten ihm die Leute des Dorfes , der Anblick der See , seine